The Monster | Filmkritik: Co-abhängig

23. März 2017

The Monster

Wer sich in den letzten neun Jahren gefragt hat, was eigentlich aus Bryan Bertino geworden ist, nachdem er 2008 mit „The Strangers“ einen vielbeachtetes und leidlich verstörendes (zudem starbesetztes) Debüt abgeliefert hatte, der bekommt hier die Antwort in Gestalt eines kleinen, für überschaubares Geld produzierten Horrorjuwels, in dem die Figuren wichtiger sind als die Monster, von denen sie heimgesucht werden. Und weil der Film so gut geworden ist, verschweigen wir auch gerne, dass Bertino zuvor mit „Mockingbird [dt. Play]“ einen lauen FoundFootage-Beitrag zwischengeschoben hatte, der insgesamt eher unterhalb des Radars geblieben ist.

Das Gerüst der Story ist simpel und in der einen oder anderen Variante schon x-fach durchgespielt, doch Originalität soll auch gar nicht das Ziel sein. Ein Autounfall mitten in der Nacht irgendwo auf einer Waldstraße, kein Mensch weit und breit, Hilfe lässt auf sich warten und im Dunkeln lauert eine ebenso unbekannte wie tödliche Gefahr. Die beiden entscheidenden Fragen bei einer Geschichte wie dieser lauten: Wie konsequent lassen sich gängige Klischees vermeiden? Und wie viel Leben steckt in den Hauptcharakteren?

Die Antworten fallen durchweg zugunsten des Films aus. Wer nach knapp 90 Minuten Spielzeit nicht ein Stück weit mitgelitten hat, dem ist nicht zu helfen. Kathy und Lizzy heißen die Protagonistinnen. Sie sind Mutter und Tochter. Kathy ist alleinerziehend, mit der Situation überfordert und alkoholabhängig. In Rückblicken gibt es – nicht unbedingt chronologisch – kurze, aber intensive Einblicke in das schwierige Zusammenleben der beiden zu sehen. Es sind wenige Pinselstriche, aber sie erzählen glaubwürdig von Co-Abhängigkeit zwischen Liebe, Verzweiflung und Hass.

Als es zum nächtlichen Unfall kommt, sind sie auf dem Weg zu Lizzys Vater, wo das Mädchen fortan bleiben will, vielleicht nur vorübergehend, vielleicht für immer. In seinen Armen hält die 14-Jährige einen Stoffhund aus Kindertagen – ein trauriger und kluger dramaturgischer Griff, denn er sagt alles aus über einen Teenager, der nie Kind sein durfte, weil die Mutter ihn nicht so behüten konnte, wie es eine Mutter sollte. Umso wichtiger wird das Spielzeug im Verlauf des Films bleiben.

Doch Kathy leidet unter der Situation mindestens so sehr wie ihre Tochter. Wenn sie es zu Beginn nicht aus dem Bett schafft und sich die Abfahrt deshalb verzögert, mag man das als Nachlässigkeit, Gleichgültigkeit oder schlichtweg Folge eines Rausches vom Vorabend werten (die leeren Flaschen sind jedenfalls zu sehen). Aber vielleicht ist es auch ein hilfloser, halb unbewusster Versuch, den Verlust ihres Kindes so lange wie möglich herauszuzögern – denn im Gegensatz zu Lizzy selber geht sie nicht davon aus, dass es eine Rückkehr zur Mutter geben wird.

The Monster | Ella Ballentine, Zoe Kazan

Schwarzweißmalerei gibt es also keine und so bleibt für die Entwicklung der beiden Figuren über den Zeitraum einer einzigen Nacht hinweg eine Menge Spielraum. Die Konfrontation mit dem Grauen – eine Chance, die Dinge wieder geradezurücken und zugleich ein vielbewährter Topos. Ein bisschen „Babadook“ leuchtet da auf, denn so real das Monster in der Geschichte auftritt, so sehr steht es auch für die tiefe Spaltung zwischen den beiden Protagonistinnen, die sie nur überwinden können, wenn sie sich auf das Wesentliche besinnen, zusammenhalten und möglicherweise bereit sein müssen, sich für den anderen zu opfern.

Diese zwischenmenschliche Dynamik ist, was „The Monster“ so spannend macht, einen Film, der seine titelgebende Kreatur lange Zeit nur andeutet, dabei mit wenigen Schauplätzen auskommt und streckenweise gar im Innern eines lahmgelegten Autos spielt, auf das kubikliterweise Regen herabprasselt. Die eigentlichen Genre-Elemente geraten da fast zum bloßen Beiwerk. Gegen Ende muss man der Logik die eine oder andere Holprigkeit zugestatten, aber das sollte kein größeres Problem sein.

„There are Monsters“ lautete der urprüngliche Titel und es wäre eine gute Entscheidung gewesen, ihn beizubehalten. Denn das Latex-Schreckgespenst irgendwo zwischen Jersey Devil und Höllenhund ist nur eines. Der Film hingegen kennt noch andere. [LZ]

OT: The Monster (USA 2016). REGIE: Bryan Bertino. BUCH: Bryan Bertino. MUSIK: tomandandy. KAMERA: Julie Kirkwood. DARSTELLER: Zoe Kazan, Ella Ballentine, Scott Speedman, Aaron Douglas, Christine Ebadi, Marc Hickox, Chris Webb . LAUFZEIT: 88 Min (DVD), 91 Min. (Blu-ray). VÖ: 23.03.2017.

The Monster | DVD-Cover

[Abbildungen: Koch Films GmbH]

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