The Missing (2016) | The truth is out there: BBC-Mehrteiler um verschwundene Kinder überzeugt auch in der zweiten Staffel

01. Oktober 2017

The Missing (Staffel 2)

[Lesedauer: ca. 3:30 Minuten]

In ihrer unendlichen Weisheit hatte die Programmplanung des ZDF vergangenen Mai beschlossen, ausgerechnet den letzten Teil der hochgelobten BBC-Serie „The Missing“ (Staffel 1) ins Nachtprogramm zu verlagern und stattdessen eine Wiederholung der deutlich harmloseren Krimireihe „Lewis“ zu zeigen. Begründung: mangelndes Zuschauerinteresse. „Bei der letzten von acht Folgen?“ denkt sich der kritische Beobachter da. „Hätte das den gebührenfinanzierten Profis vom Lerchenberg nicht schon früher auffallen müssen?“ – Nun, allerdings. Viel wahrscheinlicher ist jedoch, dass den Verantwortlichen plötzlich Parallelen zum Fall Maddie McCann aufgefallen waren, deren 10-jähriges Verschwinden in jenen Tagen fleißig durch die Medien geisterte. Das (so mag man vermuten) war den Mainzern dann wohl ein bisschen arg nah an der Wirklichkeit, also setzte man lieber auf vorauseilenden Gehorsam und ersparte dem mündigen Zuschauer das erschreckende Finale. Dass es die zweite Staffel nun irgendwann ins Free-TV schafft, kann man vor diesem Hintergrund getrost vergessen.

Ist das bedauerlich? Ja. Denn auch wenn die Klasse des Vorgängers nicht ganz erreicht wird, mancher Hakenschlag konstruiert wirkt, einige Elemente ins Soapige abdriften und nicht jedes Klischee sauber umschifft bleibt, ist „The Missing“ auch in der zweiten Runde noch meilenweit von allem entfernt, was in der hiesigen Serienlandschaft zustande gebracht wird. Schon das Grundkonzept ist klug gewählt: Anstatt erneut die Suche nach einem verschwundenen Kind zum Motor der Geschichte zu machen (oder gar die längst zuende erzählten Ereignisse des Vorgängers auf Biegen und Brechen weiterzuführen), setzt diese Staffel am anderen Ende an und lässt ein 11 Jahre zuvor entführtes Mädchen wie aus dem Nichts wieder auftauchen. Schwer verletzt und zutiefst verstört kehrt die junge Frau ins Leben ihrer Liebsten zurück, die mit der Situation völlig überfordert sind – und gänzlich den Halt verlieren, als ihnen die Tochter und Schwester zum zweiten Mal entrissen wird.

Aus der ersten Staffel übernommen ist die Erzähltechnik: Auf zwei Zeitebenen (hier im Abstand von anderthalb bis zwei Jahren) entfaltet sich die Geschichte, nimmt Dinge vorweg, die sich der Zuschauer noch nicht erklären kann und lädt Vergangenes mit vagem Wissen seiner zukünftigen Folgen auf. Damit man den Überblick behält, wurden den einzelnen Charakteren auch diesmal optische Auffälligkeiten zugedacht, die auf den unterschiedlichen Ebenen voneinander abweichen. Inhaltlich ist die Grundidee des Schreckens auf fremdem Boden beibehalten worden: Frankreich in der ersten, Deutschland in der zweiten Staffel (wenn auch weitestgehend in Belgien gedreht), in beiden Fällen stammen die Familien, die ihre Kinder verlieren, aus England (der britische Telegraph hat vor diesem Hintergrund eine interessante These aufgestellt, die einiges für sich hat [1]). Dass Teile auch hier wieder um Weihnachten herum spielen, dem Fest der Liebe und Familie, ist fast zuviel der Gemeinsamkeit.

The Missing (Staffel 2) | Tchéky Karyo

Das Personal besteht im Kern aus neuen Gesichtern (darunter David Morrissey aus „The Walking Dead“ und Laura Fraser aus „Breaking Bad“). Einzige Konstante ist Julien Baptiste, jener rastlose Ermittler im Ruhestand, für den Aufgeben ein Fremdwort ist. Und weil der Zuschauer ihn bereits kennt, haben ihn die Autoren (auch diesmal wieder Harry und Jack Williams) zur eigentlichen Hauptfigur erhoben. Tchéky Karyo spielt den getriebenen Franzosen mit noch mehr Unbeirrbarkeit als in der ersten Staffel und der Radikalität eines Todgeweihten. Denn Baptiste läuft ein Rennen gegen die Zeit: In seinem Kopf wächst ein Tumor. Das ist in der Ausgestaltung nicht ganz so extrem wie bei Ulrich Tukurs „Tatort“-Kommissar Murot, macht ihn aber zur tragischen Figur und fügt seiner obsessiven, zunehmend selbstzerstörerischen Auseinandersetzung mit dem Fall die notwendige Glaubwürdigkeit hinzu.

Aber die Unsicherheit der Wahrnehmung, die Baptiste durch den Tumor erlebt, ist auch ein zentraler Topos der gesamten Staffel. Überall verbirgt sich hinter dem, was von den einzelnen Beteiligten auf der Oberfläche wahrgenommen wird, eine völlig andere Wirklichkeit. Unschuldige sind schuldig, Schuldige unschuldig. Aus Tätern werden Opfer, aus Opfern Täter. Keiner hier, der nicht ein belastendes Geheimnis mit sich herumträgt oder zu Lügen und Heimlichkeiten greift. Dies sind unsichere Zeiten, scheint die Geschichte uns vor Augen führen zu wollen, glaube nichts, traue niemandem. Das ist die Grundkonstante des Film Noir und Baptiste deshalb ein klassischer Noir-Ermittler auf unermüdlicher Suche nach der Wahrheit, aufrecht und unbestechlich, egal wie hart es ihn selber treffen mag. Irgendwann treibt es ihn gar ins kurdische Autonomiegebiet jenseits von Kirkuk, zwischen Peschmerga und IS (wir sprachen oben bereits von konstruierten Hakenschlägen), doch Baptiste steht felsenfest und unerschütterlich – er sucht schließlich nach Antworten.

Auf der anderen Seite das Vergessen und bewusste Ignorieren von Tatsachen: die Eltern, die wegsehen, weil sie nicht wahrhaben wollen, dass mit ihrer zurückgekehrten Tochter etwas nicht stimmt; die Justiz, die sich auf den erstbesten Verdächtigen stürzt und ihn wegen fragwürdiger Beweise für schuldig erklärt; die Ermittler, die Baptiste für unzurechnungsfähig erklären, weil er ihnen einen Weg aufzeigt, der ihnen nicht gefällt. Die Liste ist lang und entfaltet sich in den unterschiedlichsten Spielarten. Die Menschen dieser Geschichte verlieren ihren Halt in der Welt, ringen mit ihrer Identität, mit dem, was sie lieben oder hassen, vor allem aber mit dem, was sie sind und einmal waren. Nicht von ungefähr leidet eine zunehmend wichtiger werdende Figur an Alzheimer und wird mit ihrem eigenen krankheitsbedingten Realitätsverlust zu Juliens schicksalhaftem Spiegelbild.

Dicht vor allem in den ersten drei bis vier Folgen, danach manchmal etwas holprig und am Ende ein bisschen zuviel Hollywood (erst anschauen, dann widersprechen), gehört auch die zweite Staffel von „The Missing“ trotz gewisser Schwächen zum Besten, was die europäische Serienlandschaft derzeit zu bieten hat. Ob es eine Fortführung geben wird, ist derzeit nicht bekannt, aber vielleicht auch gar nicht wünschenswert. Was jedenfalls in der letzten Einstellung als möglicher Cliffhanger angelegt ist, wäre zugleich das beste offene Ende seit den „Sopranos“. [LZ]

OT: The Missing (UK/USA/BE/FR). REGIE: Ben Chanan. BUCH: Harry Williams, Jack Williams. MUSIK: Dominik Scherrer. KAMERA: Garry Phillips, Hubert Taczanowski. DARSTELLER: Tchéky Karyo, David Morrissey, Keeley Hawes, Laura Fraser, Roger Allam, Jake Davies, Abigail Hardingham, Lia Williams, Filip Peeters, Daniel Ezra, Derek Riddell, Florian Bartholomäi, Brian Bovell, Thomas Arnold, Dempsey Bovell. LAUFZEIT: 472 Min. VÖ: 29.09.2017.

The Missing (Staffel 2)

[Abbildungen: Pandastorm Pictures]

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