The Missing (2014) | Rückkehr nach Eden: Beklemmender BBC-Mehrteiler

19. April 2017

[Lesedauer: ca. 2:30 Minuten]

Bei aller Schelte, die das ZDF immer wieder von uns abbekommt (zuletzt hier und hier), muss auch mal Lob drin sein. Denn zumindest beim Einkauf fremdsprachiger Serien machen die Mainzer in der Regel eine Menge richtig. Aktuelles Beispiel ist die 8-teilige BBC-Produktion „The Missing“, die ab dem 23. April jeweils sonntagabends in Doppelfolge ausgestrahlt wird. Parallel erscheint die fesselnde Entführungsgeschichte mit James Nesbitt („Der Hobbit“) bereits zwei Tage früher auf DVD und Blu-ray. Das Geschäftsmodell möge ein anderer erklären.

Offensichtlich inspiriert vom realen Fall der Familie McCann, der 2007 die Welt in Atem hielt, erzählt der vielfach preisgekrönte Mehrteiler in beklemmender Eindringlichkeit vom Verschwinden eines kleinen Jungen und den verzweifelten Eltern, die selber in den Fokus der Ermittler geraten. In England wollten das über acht Millionen Zuschauer sehen – für einen düsteren und deprimierenden Stoff wie diesen hierzulande kaum denkbar.

Denn mit Wohlfühlfernsehen hat „The Missing“ von der ersten bis zur letzten Minute so rein gar nichts zu tun. Kaum eine Figur, die nicht auf ihre Weise am eigenen Leid zugrunde geht, Schuld auf sich geladen hat und einer Sucht erlegen ist, von der sie langsam verzehrt wird. Sie klammern sich an Strohhalme, ringen darum, das Unvermeidliche auszublenden oder das Schicksal auszutricksen. Exemplarisch für sie alle hat Tony Hughes auch acht Jahre nach dem Verschwinden seines Sohnes nicht aufgegeben, entgegen aller Hoffnung jeder noch so kleinen Spur wie besessen hinterherzujagen.

Dem Alkohol verfallen, seine Ehe zerrüttet, ein psychisches und emotionales Wrack – so lernen wir ihn kennen. Noch erschreckender wird das Bild, wenn die Erzählung ins Jahr 2006 wechselt, zu jenem Tag, nach dem nichts mehr war wie vorher. Es ist eine glückliche und unbeschwerte junge Familie, die uns da gezeigt wird: Tony, seine Frau Emily und der fünfjährige Oliver auf dem Weg in den gemeinsamen Urlaub. Ein Problem mit dem Wagen zwingt sie jedoch, in einer nordfranzösischen Kleinstadt Halt zu machen. Und da nichts sinn- und gnadenloser ist als der Zufall, soll aus dem Zwischenstop noch am selben Tag eine Endstation werden.

Oliver, gerade noch an der beschützenden Hand des Vaters, verschwindet im Trubel von Public Viewing und Fußball-WM. Ein Augenblick der Unaufmerksamkeit genügt, um alles zugrunde zu richten, was ein Leben ausmachen kann. Qualvoll die nächsten Stunden, Tage und Wochen. Ganz nah bleibt die Geschichte an den Eltern, teilt Schmerz und Verzweiflung mit ihnen. Für den Zuschauer gibt es keinerlei Wissensvorsprung über das Schicksal des Jungen. Stattdessen sorgt die strenge Erzählstruktur, die permanent zwischen 2006 und 2014 wechselt, dafür, dass alle Geschehnisse in der Vergangenheit noch hoffnungsloser erscheinen, denn Oliver ist auch in der Gegenwart noch verschwunden.

The Missing | Frances O’Connor, James Nesbitt

Das ist klug konstruiert, denn die Lücke der zwischenliegenden acht Jahre setzt eine Menge Fragezeichen und verlagert alle Hoffnung in die Zukunft. Tony stößt tatsächlich auf neue Hinweise, die so überzeugend sind, dass die Ermittlungen wieder aufgenommen werden – wenn auch nur eingeschränkt und mithilfe eines längst pensionierten Spezialisten. Zugleich gibt der Blick in die Vergangenheit Grund zum Zweifel an allen neuen Erkenntnissen, stellt sie in ein anderes Licht – und vice versa.

Die Macher haben sich alle Mühe gegeben, die beiden Zeitebenen im Look sauber voneinander zu trennen, und doch erfordert der Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit einiges an Konzentration, um alle Details auf dem Schirm zu halten. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass die Geschichte eine Menge Erzählstränge legen und Wendungen konstruieren muss, um über acht Folgen hinweg durchhalten zu können. Manche Spuren führen ins Leere, andere, die man schon aufgegeben glaubte, finden unerwartet zueinander. Dass sich dabei nie der Eindruck forcierten Kalküls einstellt, gehört zu den großen Stärken dieser Serie.

Mittlerweile ist „The Missing“ mit einer zweiten Staffel zwar fortgeführt worden, doch mit dem Fall Oliver hat diese nichts mehr zu tun. Ob das ZDF sie ebenfalls ausstrahlen wird, ist bislang nicht bekannt. Dass die deutsche Synchronfassung übrigens (wie so oft) auf alle Akzente verzichtet und stattdessen jede Figur perfektes Hochdeutsch sprechen lässt, ist ebenso ärgerlich wie Grund genug, einen Blick auf die Originalversion zu riskieren. [LZ]

OT: The Missing (UK/USA/BE/FR 2014). REGIE: Tom Shankland. BUCH: Harry Williams, Jack Williams. MUSIK: Dominik Scherrer. KAMERA: Ole Bratt Birkeland. DARSTELLER: James Nesbitt, Frances O’Connor, Tchéky Karyo, Jason Flemyng, Émilie Dequenne, Titus De Voogdt, Arsher Ali, Saïd Taghmaoui, Anastasia Hille, Laura Fraser, Astrid Whettnall, Jean-François Wolff, Macauley Keeper. LAUFZEIT: 480 Min. VÖ: 21.04.2017.

The Missing | DVD-Cover

[Abbildungen: Pandastorm]

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