Filmkritik: THE LOVED ONES

16. März 2011

The Loved Ones, Filmkritik

Den sinnlosen Untertitel hätte es nicht gebraucht, und diejenigen, die „Pretty in Blood“ tatsächlich mit Molly Ringwald und John Hughes in Verbindung bringen können, gehören kaum zum entscheidenden Zielpublikum dieses fantastischen Hybriden aus Hostel und High School oder besser: Glitter und Splatter. 2010 gab es „The Loved Ones“ erstmals in Deutschland auf dem Fantasy Filmfest zu sehen, jetzt kommt dieser außergewöhnliche australische Debütfilm wenn schon nicht regulär auf die Leinwand, so doch wenigstens auf den Heimkinomarkt. In den USA hingegen hat sich trotz durchgehender Festivalbegeisterung bisher kein Verleih gefunden. Nachvollziehbar ist das kaum, denn in den 2000er Jahren hat sich bislang wenig Vergleichbares finden lassen.

Filmkritik: THE LOVED ONES
Teenage Wildlife.

Es gibt eine ganze Reihe ikonischer Bilder, die einem einfallen, wenn man sich Brian De Palmas „Carrie“-Adaption in Erinnerung ruft. Doch sofern es um das Grauen des Erwachsenwerdens geht, ist nichts so unbarmherzig wie jene Eröffnungssequenz, in der eine erschreckend dürre Sissy Spacek unter der Dusche von ihrer ersten Menstruation heimgesucht wird. Ein Teenager zu sein, ist bisweilen der blanke Horror, und weil dazu unter anderem unkontrollierte Blutungen, körperliche Deformationen und hormonelle Raserei gehören, findet sich das zugehörige Genre spätestens seit Linda Blairs Exorzismus nicht selten fest mit den Monstrositäten jener Entwicklungsphase verbunden. Und da diese an niemandem spurlos vorüberzieht, stehen die Chancen für einen hohen Identifikationsgrad im Teenage-Horror grundsätzlich gut. Im Fall von Sean Byrnes pink glitzerndem Debüt „The Loved Ones“ verteilt sich das Grauen gleich auf eine ganze Handvoll Figuren, von denen jede einzelne mit den Wirren des Heranwachsens zu kämpfen hat. Keine jedoch schillert so verstörend bunt wie Lola Stone. Für sie und alle, die sich in ihr wiederfinden, ist dieser Film gemacht.

Die Geschichte sieht auf dem Papier so einfach aus, dass man leicht den Fehler machen könnte zu glauben, man hätte das alles schon mal gesehen. Hat man aber nicht: Zu Beginn schlägt das Schicksal hart zu und raubt dem lebensfrohen Teenager Brent alle emotionale Stabilität. Sich selbst Verletzungen zuzufügen und Felswände zu erklimmern, denen er nur eingeschränkt gewachsen ist, gehört zum Ausdruck seines aus der Bahn geratenen Innenlebens. Vielleicht ist es aber gerade diese unübersehbare Schieflage, die der wunderlichen Außenseiterin Lola die Überzeugung liefert, er sei der richtige, um sie auf den Schulball zu begleiten. Doch Brent weist sie zurück, ohne zu ahnen, was für einen fatalen Fehler er damit begeht. Wenig später nämlich findet er sich in der Gewalt des weltfremden Mädchens wieder, die ihn mit tatkräftiger Unterstützung ihres ebenso liebenden wie psychotischen Vaters zum Nebendarsteller in einem bizarren Schauspiel aus Scheinwelt und Folterhorror macht.

The Loved Ones

Es mag zunächst zwar so scheinen, doch „The Loved Ones“ ist weder Torture Porn noch Rage und Revenge. Tatsächlich nutzt der Film vielmehr Tendenzen und Stereotypen unterschiedlicher Subgenres und einschlägiger Beiträge, um einen durchweg originären Ansatz zu bieten, der es nicht nötig hat, bekannte Klischees zu bemühen. Wie detailliert und durchdacht vor diesem Hintergrund erzählt wird, erschließt sich jedoch frühestens auf den zweiten Blick. Von der Bildkomposition über die Einbindung scheinbarer Nebenstränge bis zur Zusammenstellung des Soundtracks scheint nichts dem Zufall überlassen. „Have you heard about the lonesome loser?“ gibt es zur Einstimmung auf der Tonspur zu hören, und man ist hier wie auch später gut beraten, bei jedem Song genauer hinzuhören, denn sie alle kommentieren das Geschehen auf ihre Weise – mal vielschichtig und vorausschauend, mal auf ironische Weise plakativ, in jedem Fall aber immer mit einer ausdrücklich narrativen Relevanz. Ähnliches gilt hier auch für alle anderen Elemente des filmischen Erzählens.

Es gibt keine langen Umwege, und mit wenigen Strichen sind die Charaktere treffend genug gezeichnet, um ausreichend (wenn auch nicht übermäßig) Sympathien zuzulassen. Brent ist eine komplexe Figur zwischen Trauer und Schuldgefühlen, dem einzig das Hippiemädchen Holly (Victoria Thaine) einen gewissen Halt geben kann. Konsequenterweise ist sie es auch, die der Geschichte selber immer wieder die nötige Erdung verschafft, wenn die Dinge aus dem Ruder zu laufen scheinen und man als Zuschauer droht, allen Realitätsbezug zu verlieren. Brent hingegen wird nach etwa einer Viertelstunde zum Statisten degradiert, verbringt fast den gesamten Rest des Films an einen Stuhl gefesselt, wo er per Injektion zum Schweigen verdammt ist – eine Herausforderung für Darsteller Xavier Samuel (Vampir Riley aus „Eclipse“), der in einer ähnlich schwierigen Lage steckt wie zuletzt Ashley C. Williams in „The Human Centipede“ (ein Film, mit dem es auch sonst manche Gemeinsamkeiten gibt).

 The Loved Ones | DVD und Blu-ray

Beide Figuren bleiben jedoch zwangsweise blass im Vergleich zur grotesken Übermacht von Lola und ihrem Vater (brutal und bedauernswert zugleich: John Brumpton). Aber selbst letzterer ist nur ein Helfershelfer, der ein bisschen vom Glanz der eigentlichen Hauptfigur abbekommt und dadurch bisweilen selber glänzt. So unscheinbar und unsicher das blasse Mädchen bei seinem ersten Auftritt erscheinen mag, so blendend dominant nimmt es zunehmend den ganzen Film für sich ein. In jeder Hinsicht eine beißend überzeichnete Karikatur aller Formen von Promqueen, Daddy’s Girl, Märchenprinzessin und Rachegöttin in einem, zieht Lola sämtliche Aufmerksamkeit, aber seltsamerweise auch ein nicht zu unterschätzendes Maß an Identifikationskraft auf sich. Sie verdient ein bisschen Mitleid, wenn Brent ihr eine Absage erteilt, und es fällt schwer, sie nicht ein Stück weit zu mögen, wenn sie sich wie ein kleines Kind über ihr neues Kleid freut – ganz ungeachtet der Tatsache, in welchem Maß man da als Zuschauer längst weiß, dass mit ihr einiges nicht stimmt. Doch selbst als sie beginnt, sich mit allen erdenklichen (und äußerst kindischen) Gemeinheiten an ihrem vermeintlichen Schulballprinzen zu rächen, kann man sich der Faszination dieser Figur unmöglich entziehen.

Vieles davon ist im Drehbuch bereits angelegt, doch erst in der Verkörperung durch die junge australische Schauspielerin Robin McLeavy wird aus Lola ein echtes Ereignis. Mit einer Darstellung, die manchmal haarscharf an der Grenze zum Overacting entlang streift, lotet sie die ganze Spannweite der Figur mit all ihren immensen Widersprüchen und Verzerrungen aus, ohne dabei aus den Augen zu verlieren, dass man es trotz allem doch auch mit einem einsamen und verwirrten Teenager (mit passendem Plastikpopsong) zu tun hat, dem durch extreme äußere Umstände alle Chance auf eine Flucht in ein normales Leben genommen ist.

The Loved Ones

Wie ein Fremdkörper erscheint da eine seltsam autonom wirkende Parallelhandlung, die Brents etwas ungelenken Schulfreund Jamie (Richard Wilson) und dessen Date, das Gothicmädchen Mia (Jessica McNamee), am Abend des Abschlussballs verfolgt. So wenig die beiden zusammenzupassen scheinen, so sehr haben auch sie jenes Außenseitertum für sich gepachtet, das alle entscheidenden Figuren dieses Films bestimmt. Doch was eine Weile wie ein Comic Relief wirkt und keinerlei direkten Einfluss auf die Haupthandlung nimmt, ist für die Struktur der Erzählung unverzichtbar und spiegelt das, was Brent im Haus der Stones erlebt, auf ganz eigene Weise wider. Oft überraschend, aber immer mit einem klaren Ziel einmontiert, ergänzt die Episode um Jamie und Mia jene Leerstellen, die Lola zu dem gemacht haben, was sie ist. Und wie nebenbei schlägt die Geschichte gegen Ende einen Bogen, der auf erschreckende Weise erklärt, welche Beziehung der beiden Handlungsstränge darüber hinaus noch existiert.

Paarungen und Paare, an- und abwesende Väter, sprach- und hilflose Mütter, verschwundene Söhne, Abschlussbälle, Autounfälle, Sex auf dem Rücksitz – „The Loved Ones“ ist voll von Doppelungen, Parallelen und Wiederholungen unter anderen Vorzeichen. Die Figuren, ihre Schicksale und Beziehungen zueinander spiegeln sich gegenseitig in vielerlei Weise, nicht selten von einem Schnitt zum nächsten. Byrne strukturiert seinen Film in bemerkenswerter Dichte, ohne die Dinge forciert wirken zu lassen. Beim wiederholten Ansehen heben sich zudem einzelne Sequenzen, Bilder und Akzentuierungen heraus, die ganz unabhängig vom Rest des Films auf sich selber verweisen und in Erinnerung bleiben. Nicht nur für einen Debütfilm ist das eine ausgesprochen bemerkenswerte Leistung. [LZ]

[Auf der „Extreme Edition“ der DVD und Blu-ray findet sich eine Reihe zwar wenig informativer, dafür aber umso amüsanterer Extras. Neben kurzweiligen Interviews mit Cast und Crew, sowie einem Feature zu den Effekten lohnt sich vor allem ein Blick auf die Weltpremiere beim Toronto International Film Festival, der zeigt, wie sehr dieser Film bei seinem Zielpublikum eher gute Laune als Schrecken verbreitet. Von Teasern und Trailern hält man sich vor dem Ansehen des Films allerdings besser fern, denn wie so oft herrscht auch hier die Unart vor, restlos alles in schneller Schnittfolge bereits vorwegzunehmen.]

OT: The Loved Ones (AU 2009). REGIE: Sean Byrne. BUCH: Sean Byrne. KAMERA: Simon Chapman. MUSIK: Ollie Olsen. DARSTELLER: Robin McLeavy, Xavier Samuel, John Brumpton, Victoria Thaine, Richard Wilson, Jessica McNamee. LAUFZEIT: 84 Minuten.

The Loved Ones

[Abbildungen & DVD-Packshot © Koch Media]

The Loved Ones

[US-Poster: Paramount]

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