Filmkritik: THE KILLER INSIDE ME

24. April 2011

The Killer inside me

Filme wie dieser schaffen es mittlerweile kaum mehr auf die Leinwand. In den USA war Michael Winterbottoms düsterer Psychokillergeschichte lediglich eine stark limitierte Kinoauswertung vergönnt, in Deutschland reichte es trotz Berlinale und einem kurzen Gastspiel auf dem letztjährigen Fantasy Filmfest nicht einmal für den Arthouse-Markt. Man wird sich daran gewöhnen müssen, einen Großteil interessanter und kontrovers diskutierter Independent-Filme in Zukunft regelmäßig direkt auf dem heimischen Bildschirm sehen zu müssen. Dass Tagespresse und Feuilleton sich hier mit regelmäßiger Berichterstattung zurückhalten, ist gelinde gesagt eine Katastrophe. Ein Film wie „The Killer inside me“ jedenfalls hätte dringend mehr Aufmerksamkeit verdient, als unter den gegebenen Umständen realistischerweise erwartet werden kann.

Filmkritik: THE KILLER INSIDE ME

Dass unerwartet drastische Gewaltausbrüche auf der Leinwand einen ganzen Film überschatten können, ist ein vielfach bewährtes Phänomen. Bereits 1931 zerquetschte James Cagney in „The Public Enemy“ mit sichtbarem Nachdruck eine halbe Grapefruit im Gesicht von Mae Clarke und sorgte so nicht nur für den beachtlichen Erfolg dieser Gangstergeschichte, sondern verschaffte sich auch selber quasi über Nacht einen echten Star-Status und besiegelte zudem das eigene Image für den Rest seiner Karriere. Eine derartige Wirkung ist heute nur noch schwerlich zu erzielen und jeder Versuch trägt nicht selten den Verdacht gezielter Kalkulation mit sich. Lars von Triers „Antichrist“ ist so ein Beispiel. „The Killer inside me“ nicht, auch wenn es so aussieht.

Von lesbischen Serienkillern bis zu realen Foltermethoden in Guantanamo ist Michael Winterbottom immer gerne für eine Provokation zu haben. Was ihn jedoch von vielen seiner Kollegen im Kern unterscheidet, ist der Verzicht auf Selbstzweckhaftigkeit. Denn dasjenige, womit er Kritiker und Zuschauer gerade vor den Kopf zu stoßen scheint, beruht jederzeit auf der internen Logik des jeweiligen Films (erhöhte Publicity wird als durchaus willkommener Nebeneffekt natürlich gerne mitgenommen). „9 Songs“ etwa lebt von einem dezidiert anti-pornografischen Grundkonzept, das, ähnlich wie Patrice Chéreaus „Intimacy“, allen stimulierenden Ansprüchen des Zuschauers eine klare Absage erteilt und die extrem detaillierten Bilder stattdessen als immanentes Narrationselement begreift (was Hauptdarstellerin Margo Stilley nichts desto trotz irgendwann so unheimlich wurde, dass sie darum bat, ihren Namen aus der Berichterstattung rauszuhalten).

Nicht anders funktioniert die Gewalt in Winterbottoms Jim-Thompson-Adaption, doch der Schock, den so mancher Zuschauer in Sundance oder Berlin erlitt, genügte, um für ausgiebige Kontroversen zu sorgen. Das hat seinen guten Grund, denn eine Vorwarnung gibt es nicht, die Form ist denkbar archaisch, und die Opfer sind ausschließlich Frauen. Gefallen kann das niemandem und soll es auch nicht. Die Unmittelbarkeit allerdings, mit der hier vorgegangen wird, will durchaus schockieren, denn nur so lässt sich die Geschichte schlüssig erzählen. Dass sich die äußerst sparsame Dosierung dabei auf zwei kurze Sequenzen reduziert, spricht zusätzlich für die Wirksamkeit des Konzepts. „The Killer inside me“ ist weder Torture Porn noch spekulative Gewaltfantasie, sondern vor allem ein Film Noir in zeitgemäßer Gestalt und mit angemessener Kompromisslosigkeit.

The Killer inside me

Lou Ford (Casey Affleck) ist beliebt, höflich und hilfsbereit, und deshalb der ideale Hilfssheriff für eine texanische Kleinstadt, die so verschlafen daherkommt, dass der Gesetzeshüter nicht einmal eine Waffe trägt. Aufgewachsen als Sohn des einzigen Arztes vor Ort, lebt er noch heute im Haus seines Vaters und sitzt in dessen Stuhl, während Mahler und Strauss auf dem Plattenteller liegen (und nicht von ungefähr an David Lynchs Flammenbilder aus „Wild at Heart“ denken lassen). Dass er als Jugendlicher ein 5-jähriges Mädchen vergewaltigt hat, weiß niemand, denn auf sich genommen hat das Verbrechen damals sein älterer Adoptivbruder. Mit Lou stimmt also eine Menge nicht, und als er die Prostituierte Joyce (Jessica Alba) zum Verlassen der Stadt auffordern soll, werden schlafende Hunde geweckt, über die er keine Kontrolle hat. Angestachelt vom lokalen Gewerkschaftsführer (Elias Koteas), der ihn besser zu kennen scheint, als er glaubt, manövriert er sich in eine Spirale aus Gewalt und Wahnsinn, aus der es keinen Weg zurück gibt.

Jim Thompsons Romanvorlage machte in Hollywood seit den 50ern die Runde, doch außer einer halbgaren Adaption von 1976 mit Stacy Keach in der Hauptrolle sind alle Ansätze, die düstere Kleinstadtgeschichte auf die Leinwand zu bringen, in regelmäßigen Abständen gescheitert. Wenn man die Liste geplanter Verfilmungen durchgeht, tauchen zwar Namen wie Tarantino, Tom Cruise und Leonardo Di Caprio auf, doch in Hollywood ist die Gerüchteküche bekanntermaßen immer geöffnet, und so bleibt vieles mit Vorsicht zu genießen. In einer heterogen zusammenmontierten Doku, die der deutschen DVD/Blu-ray beigefügt ist, weiß Sheriff-Darsteller Tom Bower zu berichten, dass der letzte Rechteinhaber des Stoffs lange Zeit mit falschen Ansprüchen operiert hatte – doch auch das sollte man bestenfalls mit einem Fragezeichen versehen.

Entscheidend ist hingegen, dass ein früherer Zeitpunkt eine werkgetreue Verfilmung wie diese vermutlich nicht zugelassen hätte. Das jetzige Drehbuch von John Curran jedenfalls übernimmt ganze Dialogpassagen des Romans und hält sich auch sonst ziemlich genau an die Vorlage. Entscheidend aber ist die unverstellte Haltung, mit der die Hauptfigur auf die Leinwand übertragen wird, ohne Glaubwürdigkeit einzubüßen. Lou Ford ist ein Psychopath, der weder sich selbst, noch die Dinge um sich herum immer treffend einzuschätzen weiß, was dem Zuschauer nach und nach einen (zumindest erahnten) Vorsprung verschafft und ihn von der eingeschränkten Sichtweise der Figur, die zugleich auch der Erzähler ist, zunehmend loslöst. Überhaupt ist nichts, was Lou berichtet und durchdenkt, wirklich verlässlich, und so steht die gesamte Geschichte beim zweiten Ansehen auch unter völlig anderen Vorzeichen.

Winterbottom und Curran erlauben sich einen manchmal durchscheinenden komödiantischen Unterton, vermeiden jedoch tunlichst, den Figuren damit ihre Ernsthaftigkeit zu nehmen. In den 90ern wäre da ein Absturz in zwanghafte Verweislust und ironisch distanzierte Meta-Spielereien mit dem Genre kaum zu vermeiden gewesen. 2010 sieht das anders aus. Der Killer darf in all seiner Widersprüchlichkeit auch zugleich Protagonist und bis zu einem gewissen Grad Identifikationsfigur sein – solange jedenfalls, bis seine Psyche der Erzählung und ihm selber aus den Händen gleiten. Der Vergleich zu Patrick Bateman, dem markenbesessenen Wallstreet-Killer aus der Feder von Bret Easton Ellis, drängt sich geradezu auf und bietet jede Menge Berührungspunkte.

The Killer inside me

„The beast under the blandness”, nennt Bateman sich selber bei Gelegenheit einmal, und er weiß um die Ignoranz und Selbstgefälligkeit einer Gesellschaft, die nicht in der Lage ist, ihren Blick auf eben dieses verborgene Wahrheit zu richten. Für Lou Ford ist genau das der Fluch der Kleinstadt, in der jeder glaubt, den anderen genau zu kennen. Beide werden früher oder später Gelegenheit finden, einem zukünftigen Opfer gegenüber ihre dunkle Seite zu offenbaren, ohne dafür Konsequenzen erleiden zu müssen. Doch das ändert nichts, denn über ihre Motive wissen sie herzlich wenig. Schon immer habe er gleichzeitig auf beiden Seiten des Zauns gestanden, formuliert es Lou, und das bleibe so, bis eines Tages ein Riss durch seine Mitte geht.

„The Killer inside me“ vereint ein bemerkenswertes Ensemble an Figuren und Darstellern, von denen niemand verzichtbar ist. Die beiden zentralen Frauengestalten in Lous Leben sind Spiegelbilder, die sich im Verlauf des Films immer mehr gleichen – in ihrer bedingungslosen Hingabe wieder besseren Wissens, in ihren masochistischen Vorlieben, und letztlich auch schlicht in ihrem äußeren Erscheinungsbild. Oder ist auch das nur eine Fantasie des Erzählers? Kate Hudson erweist sich hier vielleicht als die größte Überraschung, denn kaum eine Figur könnte weiter entfernt sein von ihrem üblichen Rollenschema als Amy Stanton, das gute Mädchen an Lous Seite, das ihm sexuell hörig ist und jede Lüge bereitwillig schluckt.

Ersatzväter kommen und gehen. Sheriff Bob Maples meint es gut mit Lou, der Staatsanwalt (Simon Baker) eher nicht, Gewerkschaftsführer Joe Rothman (Elias Koteas) handelt vor allem im Eigeninteresse, und der laut polternde Anwalt Billy Boy Walker (Bill Pullman) scheint mit seinen weit geöffneten Armen von allen Figuren diejenige zu sein, die am wenigsten real ist und den größten Anteil ihrer Existenzberechtigung aus Fords Fantasie bezieht. Der Film steht und fällt jedoch mit Casey Affleck, dessen vielschichtige Darstellung unter einer Oberfläche aus Minimalismus und Fistelstimme (ein entscheidendes Element, das in der Synchronfassung verloren geht) erst den Zugang zu den Abgründen seiner Rolle freilegt.

Winterbottoms Film will nur bedingt verstören, aber vielleicht hinterlässt er gerade deshalb deutliche Spuren im Unterbewusstsein. Das Grauen zeigt sich zwar offen, doch zugleich verbirgt es sich auch wieder hinter entspannter Gleichgültigkeit und alberner Country-Musik. Umso größer gerät das Entsetzen, wenn mittendrin eine Figur buchstäblich zu Brei geprügelt wird. Wer das nicht erträgt, ist hier nicht gut aufgehoben. [LZ]

OT: The Killer inside me (USA/UK/CA/SE 2010). REGIE: Michael Winterbottom. BUCH: John Curran. KAMERA: Marcel Zyskind. MUSIK: Joel Cadbury, Melissa Parmenter. DARSTELLER: Casey Affleck, Kate Hudson, Elias Koteas, Jessica Alba, Simon Baker, Tom Bower, Ned Beatty, Bill Pullman. LAUFZEIT: 109 Minuten.

The Killer inside me | US-Poster

[Abbildungen: Universum Film Home Entertainment / IFC Films]

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