The Human Centipede | Die Kritik hasst beide Sequels – doch warum eigentlich?

23. September 2015

The Human Centipede 3

Mark Kermode, vielleicht der bekannteste lebende Filmkritiker der Gegenwart, hat in seinem BBC-Vlog zuletzt freimütig eingestanden, jahrelang munter aus „Citizen Kane“ zitiert zu haben, bevor er mit 46 Jahren endlich beschloss, den einflussreichen Klassiker von Orson Welles auch einmal selber in Augenschein zu nehmen. Das ist nicht wirklich ungewöhnlich, denn popkulturelle Phänomene (zählen wir das Kino der Einfachheit halber dazu) verdanken ihre Relevanz und Langlebigkeit weniger der Wahrnehmung als der Gesprächstauglichkeit. Davon kann Tom Six wahrlich ein Lied singen.

Haben wir im vorigen Absatz genug Platz zwischen ihm und Orson Welles gelassen? Hoffentlich. Andererseits: Tim Burton hatte auch kein Problem damit, dem Meister ausgerechnet Ed Wood an den Tisch zu setzen. Warum also den stets gut gelaunten Guru des Ass-to-Mouth-Marketings fern halten? Und tatsächlich ist Six ja vielleicht so etwas wie die genaue Schnittmenge zwischen beiden, auch wenn sein großes Vorbild eigentlich Pasolini heißt. Seine „Centipede“-Filme lassen sich jedenfalls durchaus als recht eigenwillige Variationen von „Saló oder die 120 Tage von Sodom“ lesen (die in jedem Fall weniger prätentiös daherkommen als das, was Johann Kresnik kürzlich auf die Bretter der Berliner Volksbühne sudelte).

Aber wie gesagt, Welles, Wood und Hollands Antwort auf Eli Roth in der Mitte – da ist durchaus etwas dran. Als „The Human Centipede“ 2009 die Genre-Festivals abklapperte und selbst so manch hartgesottenen Alleskenner fassungslos zurückließ, gingen die Meinungen über das filmemacherische Talent des ehemaligen „Big Brother“-Regisseurs noch weit auseinander. Zwischen Genie, Blender und Nichtskönner war alles dabei. Mit Erscheinen des ersten Sequels wurde die Luft bereits merklich dünner, doch auf die breite Welle uneingeschränkter Ablehnung, die ihm mit dem finalen Teil entgegenschlug, war Six, der gerne damit kokettiert, wie sehr er von allen erdenklichen Seiten gehasst wird, garantiert nicht vorbereitet.

The Human Centipede 3 | Dieter Laser als Bill Boss

Dabei ist es weniger die (viele würden hinzufügen: nicht vorhandene) Qualität des Films selber, von der das allgemein angewiderte Unisono aus Igitt und Ogott herrührt, sondern vielmehr der Fluch der guten Tat, ein Bild ins kollektive Gedächtnis gepflanzt zu haben, das über die Jahre hinweg mehr Früchte getragen hat, als es seinem Urheber recht sein kann. „The Human Centipede“ – oder genauer: die plastische Grundidee, Menschen wie eine Kette aneinanderzunähen und ihnen so einen gemeinsamen Verdauungstrakt zu verschaffen – hatte schnell die Runde gemacht und sich von seinem ursprünglichen Zusammenhang gelöst. Ein popkulturelles Phänomen war geboren und da gilt dann nun mal siehe oben.

Conan O’Brien ließ gleich zweimal eine Centipede-Parodie auf allen Vieren durch seine Sendung krabbeln und Mitglieder einer einschlägigen Boyband mussten mit albernem Kichern auf die Frage eines Reporters antworten, ob sie diesen seltsamen Film kennen mit vorne und hinten, also vorne an hinten dran, und dann naja, man weiß ja schon, also eben (wie gesagt, albernes Kichern). Die Folgen dieser Aufmerksamkeit waren fatal, zumal sie dem/den Film/en vermutlich kaum einen (zahlenden) Zuschauer mehr einbrachten. Der Original-Centipede knackte beim US-Verleiher IFC noch alle Rekorde. Danach ging es dann bergab.

Wer allerdings auf den Plan gerufen wurde, war eine Fraktion der Filmkritik, die vergleichbare Produktionen unter anderen Umständen lieber ignoriert, sich nun aber genötigt sah mitzumischen. Erwartungsgemäß destruktiv fiel ihr Urteil aus. Aber auch sonst erdrückte der allgemeine Hype jegliche Offenheit. Das Bild des Human Centipede hatte sich verselbständigt und war zu etwas angewachsen, dem Tom Six mit seinen vergleichsweise kleinen Bürgerschreckfilmen unmöglich gerecht werden konnte. „Full Sequence“ mochte kaum jemand leiden, auch wenn keiner so genau sagen konnte, was er sich eigentlich von einem Sequel erwartet hatte. Einen Meta-Ansatz zu wählen und dem üblichen Sittenwächter-Nonsens seine eigene Propaganda vom Nachahmungseffekt, den Horrorfilme angeblich auslösen, um die Ohren zu hauen, war jedenfalls zumindest originell.

Sehen wollte das allerdings zunächst kaum jemand, denn das eigentliche Zentrum des Vorgängers fehlte: Dr. Heiter, die Apotheose des Mad Scientists in der am Rande einer klinischen Psychose balancierenden Darstellung durch Dieter Laser. Six wird im Vorhinein keinerlei Vorstellung davon gehabt haben, welche Reaktionen Figur und Schauspieler auslösen würden, denn sonst hätte er kaum den (rückblickend absurd dumm anmutenden) Fehler begangen, einen sicheren Fan-Favoriten zu töten und sich damit den Weg zu einem Franchise um eine möglicherweise langlebige Horrorikone zu verbauen.

The Human Centipede | Dieter Laser als Dr. Heiter

Heiter, die Mengele-Karikatur, die sich einen Human Centipede erschafft, um endlich etwas zu haben, was sie lieben kann (nichts in diesem Film übertrifft den Moment, als der Chirurg die frisch zusammengenähte Kreatur unter Tränen zu umarmen versucht), war in der Laser-Interpretation ein echtes Geschenk an das Genre-Publikum und zugleich Kult-Garant. Tom Six mag das erst klar geworden sein, als er die Reaktionen auf den Conventions miterleben und vermutlich vor sich selbst zugeben musste, dass sich der Antagonist im Eppendorfer Arztmantel über Nacht zum eigentlichen Star des Films entwickelt hatte.

Doch die Figur war tot und ließ sich nicht zurückholen. Quicklebendig und für einen weiteren Einsatz greifbar hingegen war ihr Darsteller. Die Pläne für THC2 standen allerdings längst und so musste eine Lösung für einen dritten Teil her, mit dem sich Lasers Zugkraft (ganz sicher auch im Hinblick auf mögliche Finanzierungspartner) noch einmal voll ausschöpfen ließ. Ein weiterer Meta-Ansatz, eine weitere Karikatur, die Dr. Heiter im Vergleich harmlos aussehen lassen würde, und natürlich noch viel mehr Centipede – so sollte sich der Erfolg des Originals doch vielleicht wiederholen lassen.

Der Irrtum hätte nicht größer ausfallen können. Laser verweigerte sich nach anfänglicher Zusage, weil er die finale Gestaltung der Rolle nicht ausstehen konnte. Ein ganzes Jahr zog ins Land, bis Six seinen Hauptdarsteller von der satirischen Anlage der Figur überzeugt und zurück ins Boot geholt hatte. Als schließlich die letzte Klappe gefallen war, schien zunächst alles in Ordnung. Doch je länger sich ein möglicher Veröffentlichungstermin hinzog, desto mehr sah es danach aus, dass der Film in irgendeinem Giftschrank enden und nie das Licht der Öffentlichkeit sehen würde.

Ende Mai dieses Jahres dann endlich die Erlösung: „The Human Centipede 3“ bekommt eine US-Kinopremiere mit anschließendem VOD-Release. Doch die Freude ist nur von kurzer Dauer, denn die ersten Kritiken fallen fast ausnahmslos vernichtend aus. Allerdings: Die meisten sind mit Edding geschrieben und von einem raschen ersten Eindruck bestimmt, der die ganze oben skizzierte Last deutlich lesbar mit sich herumschleppt. Umso mehr lohnt sich ein genauerer Blick auf den Film, denn „Final Sequence“ ist weitaus besser als sein Ruf. [LZ]

[Unser Review von „The Human Centipede 3“ findet sich hier]

[Abbildungen: Six Entertainment / IFC]

follow screenread on twitter | like screenread on facebook

David Cronenberg | Verzehrt

Kommentare sind geschlossen.