The Human Centipede 3 (Final Sequence) | Filmkritik: Sorglose Anarchie

19. September 2015

The Human Centipede 3

In Texas ist bekanntlich alles größer. Das gilt in diesem Fall vor allem für den psychischen Vollschaden, den Gefängnisleiter Bill Boss tagtäglich mit sich herumträgt. Die Insassen bekommt er mit konventionellen Methoden schon lange nicht mehr in den Griff und so sucht er sein Heil in mittelalterlicher Züchtigung und bewährten Foltertechniken Marke Guantanamo. Doch nichts hilft und der Gouverneur droht mit Schließung der staatlichen Besserungsanstalt. Die Patentlösung liefert ausgerechnet Buchhalter Dwight: Warum nicht auf die Idee des holländischen Filmemachers Tom Six zurückgreifen und einfach alle Gefangenen zu einem monströsen Human Centipede zusammennähen?

Genau, denkt man sich, warum eigentlich nicht? Schließlich hatte eben dieser Tom Six lange Zeit immer wieder betont (zum Beispiel in unserem Interview von 2010), dass ihm ein befreundeter Chirurg die realistische Umsetzbarkeit einer künstlichen Menschenkette uneingeschränkt bestätigt habe. Ein Grund mehr für Dwight, den Schöpfer und Rechteinhaber der medizinisch 100% akkuraten Endlösung ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten einzuladen, damit dieser der Operation seinen Segen erteilen und sich dann angesichts der faktischen Umsetzung als Weichei mit nervösem Magen erweisen kann.

Hätte sich „The Human Centipede 3“ auf diese Art von Humor beschränkt, wären die Kritiker vermutlich milder mit dem lange aufgeschobenen finalen Teil der Trilogie umgegangen. Doch Tom Six gefällt sich offenbar in der Rolle des Enfant terrible und zeigt dem Rest der Welt gerne, dass er vor keinem Tabu (oder dem, was er dafür hält) zurückschreckt. Das kann man pubertär finden und hat dabei vermutlich nicht ganz unrecht. Wer aber so gar keine Anerkennung für die sorglose Anarchie aufbringen kann, mit der dieser Film gutgelaunt hausieren geht, ist der schleichenden Vereinnahmung konventionellen Erzählens möglicherweise mehr verfallen, als er gerne wahrhaben will.

The Human Centipede 3

Überhaupt Konventionen, was helfen die schon? Da geht der Filmemacher ganz d’accord mit seiner Hauptfigur und dessen Sidekick. Nichts ist so wirkungslos wie Abstumpfung. Das gilt für die Gefängnisinsassen, bei denen keine Resozialisierungsmaßnahme mehr greift, genauso wie für die Regeln des Genres. Und wenn schon ein Sequel, dann bitte Meta (wie bei THC2) oder gar Meta-Meta (wie hier). Der Witz dabei ist weniger der mal willkommene – Dieter Laser und Laurence R. Harvey kehren in neuen Rollen zurück – bisweilen aber auch arg selbstverliebte Umgang mit den früheren Teilen, sondern vielmehr die Tatsache, dass ausgerechnet derjenige Film, der beide Vorgänger zur reinen Fiktion erklärt, selber mit dem geringsten Anteil an Realismus daherkommt.

Hat man das einmal verinnerlicht, erscheint so manche Widerlichkeit, die einem Six um die Ohren haut, in einem anderen Licht. „Final Sequence“ würde entspannt als Adaption eines ansehnlich bekoksten Underground-Comics durchgehen – wenn es die Vorlage denn gäbe. Cartoonartige Extremgewalt im Überfluss, grenzenlos überhöhter Sexismus und Dialoge aus der Gummizelle finden hier ein willkommenes Zuhause. Und wo sonst würde ein plakativ sprechender Name wie Bill Boss als legitim durchgewunken werden („Bill, you’re really no boss“, sagt eine Figur irgendwann einmal allen Ernstes)?

Auch visuell lässt sich der Eindruck aufrecht erhalten, denn jeder Frame würde als Panel funktionieren, zumal die Kamera fast durchweg statisch bleibt. Umso lebendiger dafür die Hauptfigur, eine grelle Karikatur unter Dauerdruck, der die texanische Sonne offenbar (und ausdrücklich) so manche Synapse versengt hat. Tom Six hat die Rolle ihrem Darsteller auf den Leib geschrieben und Dieter Laser, der große Theaterveteran, füllt alle ihre Zellen bis zum Rand mit Gift, Galle und menschlicher Erbärmlichkeit, wohl wissend, dass jede gute Karikatur nur dann gelungen ist, wenn hinter ihrer ätzenden Oberfläche auch eine bittere Wahrheit durchscheint. Bill Boss mag als moralfreies Monster auftreten, das mordet, verstümmelt und vergewaltigt (sich also selber das erlaubt, wofür die Bewohner seiner Anstalt inhaftiert sind), doch nimmt man ihm all das weg, bleibt nur ein jammerndes Stück Fleisch, das sich seiner eigenen Feigheit und Unfähigkeit mehr als bewusst ist. Einmal sieht man ihn auf dem Toilettenboden liegen, nackt und schutzlos die Keramik umklammernd, und für einen kurzen Moment öffnet sich tatsächlich der ganze Abgrund eines verkorksten Lebens.

The Human Centipede 3

Dass in vielen Kritiken der irrige Eindruck erweckt wird, Laser arbeite sich im dauerhaft lautstarken Befehlston durch den Film, spricht für eine ziemlich selektive Wahrnehmung. Immer wieder finden sich dieselben Szenen wiedergegeben, und das sind vor allem diejenigen, mit denen Six als Bürgerschreck punkten zu können glaubt (was so wirkt, als arbeite er eine Liste ab). Bill Boss schreit nur ein paarmal. Meistens aber sitzt er hinter seinem Schreibtisch und schwadroniert vor sich hin. Er hört sich gerne reden und monologisiert in Dauerschleife (was nerven kann), vermutlich weil er weiß, dass er anfängt zu grübeln, wenn er seine eigene Stimme nicht hört, und dann von seinen Dämonen heimgesucht wird (was in der einzigen wirklich beunruhigenden Sequenz des Films tatsächlich auch passiert).

Überhaupt wird eine Menge geredet, vielleicht auch, weil Tom Six zeigen will, dass er (nach dem fast wortlosen THC2) durchaus in der Lage ist, Dialoge zu schreiben. Aber wie überall kennt er auch dort keinerlei Maß und weiß zudem nicht so genau, wie man sprechende Charaktere inszeniert. Doch das ist nur eines von vielen Beispielen, wo Regisseur und Autor in Personalunion merklich an ihre Grenzen stoßen. In vielerlei Hinsicht hätte dem Film eine einlenkende Sicht von außen ganz sicher gut getan, ein externer Produzent vielleicht, ganz sicher aber vor allem ein Co-Autor.

Zweimal taucht Eric Roberts auf, doch wirkt er angesichts der Irrelevanz seiner Rolle lediglich wie ein teurer Fremdkörper. Eine Ansprache von Bill Boss, in der er egoman und selbstgefällig über seine Jugend in Deutschland (Schweinfurt!) predigt, geht im Pfeifkonzert der Gefangenen unter. Und Laurence R. Harvey, dessen Figur als einzige zum Sympathieträger taugt und gelegentlich mit der Stimme der Vernunft spricht, ist nicht mehr als bloßer Stichwortgeber. Verpasste Chanchen hat „Final Sequence“ einige zu bieten. Aber eben auch eine Menge ungefilterten Irrsinn, den sich außer Tom Six derzeit kaum ein anderer im Genrekino erlaubt, und dafür braucht er vermutlich die völlige Freiheit, auf deren Strecke eben auch einiges verloren geht oder einfach nicht zuende gedacht wird.

Einmal mehr aber steht und fällt auch dieser „Human Centipede“ wieder mit Dieter Laser. Keine einzige Szene kommt ohne ihn aus, ständig nimmt ihn die Kamera in den Fokus, allzeit beherrscht seine Stimme den Raum – und weniges ist für einen Filmschauspieler so risikoreich wie die eigene Dauerpräsenz. Laser jedoch führt die One-Man-Show von Bill Boss in ein Spiegelkabinett über, das alle äußeren Ereignisse und Charaktere zum Echo seiner katastrophalen Psyche erklärt. Am Ende entledigt sich die Figur ihrer äußeren Zwänge und tanzt in freudigem Wahn nackt auf dem eigenen Grab. The End. [LZ]

OT: The Human Centipede 3 – Final Sequence (USA 2015). REGIE, BUCH: Tom Six. MUSIK: Misha Segal. KAMERA: David Meadows. DARSTELLER: Dieter Laser, Laurence R. Harvey, Bree Olson, Clayton Rohner, Robert LaSardo, Tom Six, Eric Roberts, Tommy Lister, Akihiro Kitamura, Peter Blankenstein. LAUFZEIT: 102 Min.

The Human Centipede 3

[Abbildungen: Six Entertainment / IFC]

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