THE HUMAN CENTIPEDE 2: Totalverbot in England | BBFC verweigert Freigabe

07. Juni 2011

BBFC verweigert Freigabe von THE HUMAN CENTIPEDE 2

Das wird Tom Six mit ziemlicher Sicherheit bereits vorausgesehen haben: Beim British Board of Film Classification (BBFC) konnte die Fortsetzung seines 2009er Erfolgsschockers „The Human Centipede“ (an den sich bis heute kein deutscher Verleih herantraute) einer Freigabeprüfung nicht standhalten und ist in England damit jetzt uneingeschränkt verboten. Selbst Kürzungen und die Entfernung einzelner Szenen oder Bilder können hieran nichts ändern, denn „der inakzeptable Inhalt zieht sich durch das gesamte Werk, (und deshalb) sind Schnitte in diesem Fall keine durchführbare Option“. Eine derart radikale Entscheidung hatte das britische Pendant zur deutschen FSK zuletzt 2009 bei der Bewertung des japanischen Horrorfilms „Gurotesuku (Grotesque)“ und ein Jahr zuvor für Nick Palumbos „Murder-Set-Pieces“ vorgenommen. Eric Stanze konnte sein radikales Kammerspiel „Scrapbook“ 2003 immerhin in Form einer um ganze fünfzehn Minuten gekürzten Fassung vor einem Totalverbot bewahren, doch welchen Sinn derartige Maßnahmen machen, steht auf einem anderen Blatt.

An den Vorgaben des BBFC scheitern Filme vor allem dann, wenn ihr Hauptfokus darauf liegt, dass Gewalt und Erniedrigung zum Selbstzweck oder zum Gegenstand sexueller Bedürfnisbefriedigung werden, bei der die betroffenen Figuren im Wesentlichen die Rolle von Objekten übernehmen. Für die Board-Mitglieder trifft dies im Fall von „The Human Centipede 2 (Full Sequence)“ zu. So heißt es in der offiziellen Begründung: „Kaum wird der Versuch unternommen, irgendeines der Opfer im Film nicht als bloßes Objekt darzustellen, das zur Erregung der Hauptfigur und zum Vergnügen des Zuschauers brutal behandelt, erniedrigt und verstümmelt wird.“ Unzweifelhaft bestehe eine durchgehende „Verbindung von sexueller Erregung und sexueller Gewalt, sowie eine deutliche Assoziation zwischen Schmerz, Gewalt und sexuellem Vergnügen.“ Der Schluss, den man daraus beim BBFC zieht, ist eindeutig und geht davon aus, dass „die explizite Präsentation der obsessiven sexuellen Fantasien der Hauptfigur … ein reales … Risiko dahingehend darstellt, potentiellen Zuschauern Schaden zufügen zu können.“

Für Tom Six kann das alles keine Überraschung sein. Frühzeitig hatte er angekündigt, mit dem Sequel jegliche Zurückhaltung beiseite zu legen und den ersten Teil wie „My Little Pony“ aussehen zu lassen. Die Entscheidung des Boards könnte also durchaus einkalkuliert sein, denn ein besseres Marketing hätten sich die Macher nicht wünschen können. Kurz nach Veröffentlichung von Verbot und Begründung hatte die Nachricht bereits von den sozialen Netzwerken Besitz ergriffen. Auf Twitter gehörte „Human Centipede“ nach wenigen Stunden bereits zu den weltweit wichtigsten Trendbegriffen, und die Diskussion unter den Genre-Experten ist längst entfacht. Axelle Carolyn, Verfasserin des Standardkompendiums „It lives again: Horror movies in the new Millennium”, bewertet die Entscheidung des Boards gar unerwartet wohlwollend: „Die Sache ist die – so sehr ich [diesen Film] auch sehen will, … wenn die BBFC ihn nicht verbietet, hat sie keine weitere Existenzberechtigung. ”

Doch marketingtechnisch hat Six hier noch in ganz anderer Hinsicht einen bemerkenswerten Coup gelandet. War bislang rein gar nichts über den Inhalt des Films an die Öffentlichkeit gedrungen, lassen sich jetzt erstmals Details erfahren – und zwar im Rahmen der Begründung des BBFC, das auf diese Weise ungewollt sozusagen die Pressearbeit für den Film übernimmt. Dass unter Genre-Fans und Anhängern des ersten Teils damit eine ungemeines Interesse geschürt wird, liegt auf der Hand.

Innerhalb der nächsten sechs Wochen könnten die Macher jetzt gegen die Entscheidung Einspruch erheben. Am Ergebnis würde das mit großer Wahrscheinlichkeit allerdings nichts ändern. Eine Möglichkeit für weiteres kostenloses Marketing wäre jedoch weiterhin drin.

Rückblickend finden sich unter den ehemals von der BBFC uneingeschränkt zurückgewiesenen Filmen übrigens eine Reihe von Klassikern, die heute längst wieder in England vertrieben werden dürfen, so etwa „The Texas Chainsaw Massacre“ (1974), „Freaks“ (1932), „The Wild One“ (1955) oder gar „A Clockwork Orange“.

Die Begründung des Boards mit Beschreibung einiger Filminhalte ist online einsehbar.

[Nachtrag vom 06.10.2011: Überraschend hat die BBFC ihre Entscheidung noch einmal überdacht und jetzt eine gekürzte Fassung freigegeben.]



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[Abbildung: Screencapture]

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