THE HUMAN CENTIPEDE 2 (FULL SEQUENCE) | Filmkritik

28. Dezember 2011

The Human Centipede 2

Eine Menge ist geschrieben worden über die Fortsetzung des niederländischen Chirurgenhorrors von 2009, und das meiste davon hat mit dem Film selber erstaunlich wenig zu tun. Ganz unschuldig ist Autor und Regisseur Tom Six daran nicht, denn sein beständig wiederholtes Versprechen, im Sequel so ziemlich alles zu zeigen, was beim Vorgänger fast ausschließlich im Kopf des Zuschauers stattfand, schürte (bewusst) eine von möglichen Tabubrüchen überschattete Erwartungshaltung, die ganz offenbar den Blick für alles andere versperrte. Dass derartiges Marketing nicht nur den Genre-Fans ordentlich einheizte, sondern im gleichen Zug auch die Sittenwächter auf den Plan rief, hätte man eigentlich ahnen können. Im Juni 2011 verweigerte die britische Filmbewertungsstelle BBFC die Freigabe für den englischen Markt und schien damit zu bestätigen, dass „The Human Centipede 2“ tatsächlich zum Schlimmsten gehört, was jemals im Bewegtbild zu sehen war.

Inzwischen hat Australien mit einem Totalverbot nachgezogen, und auch in den USA wurde im Rahmen der Kinoauswertung lediglich eine gekürzte Version des Films gezeigt. Es dürften nicht die letzten Einschränkungen, Indizierungen und Verbote sein, mit denen sich Tom Six und die jeweiligen Verleiher auseinandersetzen müssen. Vermarktungstechnisch ist das durchaus positiv, denn gerade beim anvisierten Zielpublikum sorgen Zensurmaßnahmen erfahrungsgemäß für gesteigertes Interesse. Inhaltlich allerdings lässt sich die Aufregung kaum nachvollziehen. Was die detaillierte Darstellung physischer Gewalt betrifft, ist „Full Sequence“ weit von mancherlei exzessiveren Auswüchsen des Torture Porn (vor allem avant la lettre) entfernt. Zudem erweist sich der von der BBFC ins Spiel gebrachte Vorwurf eines durchgängigen Abhängigkeitsverhältnisses von sexueller Erregung und praktizierter Gewalt im Zusammenhang als wenig haltbar. Vielleicht wäre manches auch schlichtweg anders verlaufen, wenn der eine oder andere Kritiker einfach wirklich bis zur allerletzten Sekunde durchgehalten hätte.

The Human Centipede 2

Wie sein Vorgänger ist auch THC2 ein erstaunlich origineller, intendiert geschmackloser, oftmals schwarzhumoriger und durchweg absurder Genre-Beitrag, der mal plakativ, mal subtil mit gängigen Klischees jongliert und dabei niemandem ernsthaft wehtut – außer den Figuren des Films selber, aber das ist natürlich legitim. Sollte man meinen. Die Realität sieht jedoch anders aus. Denn während die zentrale Idee, eine Gruppe von Personen operativ in eine auf allen Vieren kriechende Kette zu verwandeln, für die Zensurbehörden im ersten Teil offenbar deshalb noch tolerabel war, weil die betroffenen Charaktere selber im Mittelpunkt standen und das Mitgefühl der Zuschauer auf sich ziehen konnten, spielen sie im Sequel, so der Vorwurf, keine gesteigerte Rolle und dienen lediglich als Mittel zum Zweck.

Dem ist inhaltlich nicht zu widersprechen. Doch besagter Umstand hat seinen guten Grund, denn die Perspektive der Erzählung ist keine auktoriale. „Full Sequence“ betrachtet die Dinge ganz aus der Sicht einer psychotischen Hauptfigur und kann so unmöglich weniger verzerrt ausfallen als Salieris Mozart-Bild in „Amadeus“. Vom Vater missbraucht, von der Mutter gehasst, vom behandelnden Arzt sexuell begehrt: Martin, der untersetzte, übergewichtige, mit Basedow-Augen ausgestattete Protagonist, ist nicht nur das genaue Gegenteil des hochgewachsenen, schlanken, verstandesklaren, aber durchweg faschistoiden Meisterchirurgen des ersten Teils, sondern zugleich auch dessen bizarre Nerd-Parodie. Und noch eins unterscheidet die beiden in buchstäblich existenzieller Hinsicht. Denn der Ersatz-Mengele Dr. Heiter (in der fantastischen Darstellung von Dieter Laser) ist lediglich eine Filmfigur. Den adipösen Parkwächter mit Vorliebe für absurde Horrorfilme hingegen gibt es tatsächlich.

So jedenfalls will es das Konzept. Denn statt den gängigen Sequel-Ansatz zu wählen und die bereits bekannte Geschichte mit leichten Variationen schlichtweg noch einmal zu erzählen, geht THC2 ganz eigene Wege und nutzt den Vorgänger als dramaturgischen MacGuffin. Wenn der Film mit den letzten Minuten des ersten Teils beginnt, scheint er zunächst nur ein typisches Fortsetzungsklischee zu wiederholen. Zeigt er dann mit dem Umschnitt allerdings den PC-Bildschirm, auf dem die End Credits ablaufen, kippen die Realitätsverhältnisse. Wir sehen Martin in seinem Parkwächterbüro, wo er sich den Originalfilm in Dauerschleife anschaut und dabei seinen eigenen Centipede plant. Mit viel Liebe und Sorgfalt hat er ein Album aus Screencaptures, Zeitungsausschnitten, Bildern der Schauspieler und eigenen Zeichnungen angefertigt, das er immer wieder hervorholt, um es durchzublättern und die schematischen Darstellungen der Operation, wie Dr. Heiter sie in einer Schlüsselszene vorführt, fein säuberlich zu übertragen. Offenbar begreift Martin „The Human Centipede“ als Lehrfilm. Kein Wunder eigentlich, denn laut Tagline (und ausdrücklicher Recherche von Tom Six) ist das Gezeigte bekanntlich „100% medically accurate“. – Mehr Meta-Horror gibt es selbst bei Wes Craven nicht.

The Human Centipede 2

In der Folge wird der Zuschauer Zeuge, wie Martin sich im Rahmen seiner Möglichkeiten an die Umsetzung seines kühnen Plans macht, die Operation seines Lieblingsfilms nicht nur selber durchzuführen, sondern mit einer Anzahl von zwölf anstelle von drei Teilnehmern auch gleich noch zu übertreffen. Doch weil es um Martins Realitätssinn nicht gerade sonderlich gut bestellt ist, unterschätzt er die Anforderungen des medizinischen Eingriffs gewaltig, und anstelle von Skalpell und Operationsfaden müssen schließlich ein Industrietacker und jede Menge Klebeband herhalten, um aus den mit einer Eisenstange sedierten und per Metallhammer ihrer Zähne beraubten Patienten einen funktionierenden Tausendfüßler zu bauen.

Das sieht im fertigen Film in etwa so absurd aus wie es klingt, und genau das soll es auch. Tom Six hat großes Vergnügen daran, die völlig aus der Luft gegriffene Idee, jemand könnte sich allen Ernstes zur Nachahmung des Originalfilms beflügelt fühlen, gründlich ad absurdum zu führen, und so setzt er vor allem im letzten Drittel immer wieder noch eins oben drauf. Dass er damit zugleich auch der immer wieder gern herbeigezogenen These begegnet, der gemäß Horrorfilme als bedenkliche Auslöser für die Gewalttaten psychisch labiler Täter gelten, liegt auf der Hand. Doch soweit muss man gar nicht gehen.

In vielerlei Hinsicht ist das Spiel mit den Realitätsebenen auch eines mit gängigen Mustern und Topoi. Martin selber etwa repräsentiert ziemlich genau die Klischeevorstellung vom durchschnittlichen Horrorfan: psychisch angeschlagen, äußerlich vernachlässigt, realitätsfremd, verklemmt, kindisch, sexuell abartig und latent gewalttätig. So mancher Kritiker fühlte sich auf dieser Grundlage dazu verleitet, den Machern vorzuwerfen, ihr eigenes Publikum offenbar nicht ernst zu nehmen, aber das ist natürlich Nonsens. Auch die anderen Figuren sind nach ähnlichem Muster gestrickt. Martins Mutter repräsentiert die hässliche Fratze einer Ehefrau, die zulässt, wie ihr Mann den eigenen Sohn missbraucht, sein Psychiater ist ebenso pervers wie ahnungslos (was soll sich hinter einem Tausendfüßler schon anderes verbergen als ein Phallus-Symbol?), und Ashlynn Yennie, eine der beiden Darstellerinnen aus dem Originalfilm, die Martin unter falschen Voraussetzungen in seinen improvisierten Operationssaal lockt, erweist sich (in einer nicht unlustigen Parodie ihrer selbst) als ebenso selbstverliebtes wie strohdummes Starlet.

The Human Centipede 2

Doch alle Meta-Bezüge reichten Tom Six noch nicht zur Verfremdung des Stoffs, und so entschied er sich, seinen Film (nahezu) gänzlich in kontrastreichem Schwarzweiß zu halten. Das Ergebnis kann sich sehen lassen, denn visuell ist „The Human Centipede 2“ seinem Vorgänger weit überlegen. Six und sein Kameramann David Meadows („Scenes of a Sexual Nature“) haben sich die Zeit für durchdachtes Framing genommen und eine Reihe von Bildern geschaffen, die ganz unabhängig vom Inhalt alleine ihrer Komposition wegen beeindrucken. Gelegentlich erinnern die Arrangements der nackten, in der Totalen fast leuchtenden Körper von Martins Opfern an Darstellungen des Weltgerichts bei Bosch oder Memling, und nicht selten erlaubt der Film sich und dem Zuschauer auf die eine oder andere Einstellung gerne einen längeren Blick.

Auch sonst ist selten Eile angebracht, und so investiert Six etwa zwei Drittel der Spielzeit in Martins Geschichte, seine Obsession, vor allem aber seine anhaltenden Erniedrigungen in Vergangenheit und Gegenwart. Und genau das mag den Zensoren von allem am meisten auf den Magen geschlagen sein, denn wenn sich Mitleid für eine der Figuren einstellt, dann ausgerechnet für Martin selbst. Dass die einzigen Kreaturen, denen er Liebe entgegenbringen kann, kleine Kinder und Tiere sind, macht es nicht unbedingt leichter, und wenn er bei einer einzigen Gelegenheit Mitleid bei einem potentiellen Opfer zeigt, weil er begriffen hat, dass auch dieses eine gequälte Seele ist, wird er umgehend maßlos enttäuscht und reagiert entsprechend gnadenlos. Zudem spricht er kein Wort und vermittelt alle Emotionen ausschließlich über seine Mimik. Nicht selten ist da ein trauriger Hundeblick dabei, und Darsteller Laurence R. Harvey (eine echte Entdeckung) ist zudem klug genug, nie in billiges Overacting zu verfallen.

The Human Centipede 2

Die vielfach kritisierten und schließlich auch zensierten Momente dürfen zwar nicht übersehen werden, sie fallen aber tatsächlich wesentlich geringfügiger ins Gewicht als die Kritiker es glauben machen wollen. Eine vielbeschworene und vorab von der BBFC en Detail beschriebene Sequenz, in der Martin beim Anschauen des Originalfilms mithilfe von Schmirgelpapier masturbiert, ist kaum erwähnenswert, denn zu sehen gibt es dort praktisch nichts. Drastischer fällt da schon die gesteigerte Variante aus, die hier nicht näher beschrieben sein soll. Aber auch dort gibt es keine Nahaufnahmen von blutigen Genitalien oder anderen Körperteilen. Und das, was die Kamera inklusive ausgiebiger Exkrementspielerei tatsächlich zeigt, gehört im modernen Regietheater längst so sehr zum Standard, dass selbst das biederste Feuilleton keinen Bedarf mehr für ausgiebiges Echauffieren hat.

Wer die Exploitation-Elemente von „Antichrist“ gesehen hat, wird möglicherweise mehr Schockmomente erlebt haben als hier. Doch Tom Six ist (vor allem hinsichtlich seiner öffentlichen Reputation) nicht Lars von Trier, und das wurde ihm bei Kritik und Zensur offenbar zum Verhängnis. Mit einer anderen Vorgeschichte und der passenden Vermarktungsstrategie wäre „Full Sequence“ problemlos an ein Arthouse-Publikum verkaufbar gewesen und nicht nur von den einschlägigen Genre-Magazinen diskutiert worden (denen THC2 vielfach deutlich zuviel Arthouse enthielt). Doch Six versteht sich selber ausdrücklich als Horror-Filmemacher, und so soll es dann auch sein. [LZ]

OT: The Human Centipede 2: Full Sequence (NL/UK/USA 2011). REGIE: Tom Six. BUCH: Tom Six. KAMERA: David Meadows. MUSIK: James Edward Barker. DARSTELLER: Laurence R. Harvey, Vivien Bridson, Bill Hutchens, Ashlynn Yennie, Dominic Borrelli, Maddi Black. LAUFZEIT: 87 Minuten.

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[Abbildungen: Screencaptures | Six Entertainment]



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