The Hateful Eight | Filmkritik: Das große Faseln

24. Januar 2016

The Hateful Eight

Es gibt diesen Künstlertypus, dem man gerne bereit ist, eine Menge zuzugestehen – darunter Dinge, die man jedem anderen im natürlichen Reflex um die Ohren hauen würde. Der Grund für diese Ausnahmeregelung, zu der man sich entgegen aller Vernunft breitschlagen lässt: All die Unerträglichkeiten, die einem da zugemutet werden, lösen sich früher oder später angesichts einzelner, gänzlich herausragender Leistungen ins neutrale Nichts der Kategorie „Schwamm drüber“ auf. Quentin Tarantino gehört zu eben diesem Typus von Künstlern, doch was er seinem Publikum mit den (je nach Fassung) bis zu 187 Minuten seines Neo-/Post-/Meta-/Pseudo-Spaghettiwesterns abverlangt, stellt selbst die heißeste Fanliebe auf eine zermürbende Geduldsprobe.

Dabei beginnt alles so atemberaubend vielversprechend. Randvoll ist die Leinwand mit den versteinerten Augen eines Toten, der sich im langsamen Rückzug der Kamera als hölzerner Jesus am Kreuz inmitten eines schneebedeckten Nirgendwos zu erkennen gibt. Aus der Ferne kämpft sich eine Postkutsche hervor und fügt der Vertikalen des Kruzifix eine Horizontale hinzu, als sei hier Saul Bass am Werk gewesen, bekommt dafür aber ausgiebig Zeit, damit sich der Zuschauer an dem schier überwältigenden Zusammenspiel von Ultra Panavision und Ennio Morricone sattsehen und –hören kann.

Was für ein Versprechen in dieser Eröffnung steckt! Doch Tarantino ist nicht derjenige, sie zu erfüllen. Und es soll auch nicht das letzte Versprechen sein, das er in den folgenden knapp drei Stunden machen wird. Ungeheures türmt er auf, deutet an, verweist auf Großes, allzeit versehen mit einem von diebischer Vorfreude versehenen „Wartet ab, ihr werdet schon sehen!“-Gestus. Doch wenn am Schluss die große Seifenblase platzt, bleibt nur heiße Luft, die maximal ein bisschen Schnee zum Schmelzen bringen könnte. Viel Lärm um nichts also? Eine Frage der Perspektive.

The Hateful Eight

Tarantino ist über die Jahre hinweg zu einem begnadeten Trickdieb herangereift, der es meisterhaft versteht, unsere Aufmerksamkeit mit schillernder Blenderei auf Nebenkriegsschauplätze zu lenken, damit wir gar nicht erst auf die Idee kommen, dass sich hinter dem ganzen Budenzauber ein narrativer Leerverkauf verbergen könnte. Im Grunde ist der berühmte MacGuffin aus „Pulp Fiction“ – ein allseits begehrter Koffer mit gralsgleich leuchtendem, jedoch nie weiter erläutertem Inhalt – längst zu seinem Erzählprinzip geworden. Es funkelt an allen Ecken und Enden, doch blickt man hinter die Kulissen, lässt sich nur zweidimensionale Pappmaché finden.

Der MacGuffin hier ist ein vermeintlicher Brief von Abraham Lincoln an den farbigen Bürgerkriegshelden Marquis Warren (Samuel L. Jackson), doch vergleichsweise früh offenbart die Geschichte – in einer Sequenz, die mit allen gängigen Mitteln der Aufschub-Dramaturgie einer Doppelconference arbeitet – dessen wahre Genese und lässt den Zuschauer in etwa so dumm aussehen wie so manchen der leichtgläubigen Protagonisten. Wer es bis dato noch nicht begriffen hat, weiß es jetzt mit Sicherheit: Hinter allem und (fast) jedem in diesem Film steht ein großes Fragezeichen. Kein Wunder also, dass die ganze Angelegenheit irgendwann zu einem recht eigenwilligen Whodunit umschwenkt.

Dass „The Hateful Eight“ mit einem Nichts an Story auskommt, sei geschenkt. Einige Jahre nach dem Sezessionskrieg angesiedelt, zwingt ein Schneesturm zwei Kopfgeldjäger samt Gefangener und den neuen Sheriff der nächstgelegenen Stadt zum Zwischenstop in einem Handelsposten. Ebenfalls dort untergekommen ist eine disparate Gruppe zwielichter Einzelgänger. Schnell macht sich der Verdacht breit, dass mindestens einer von ihnen ein falsches Spiel treibt und mit der Frau in Fesseln, auf die der Galgen wartet, gemeinsame Sache macht. Angesichts der angespannten Lage und so mancher persönlicher Konflikte ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Waffen sprechen. Bevor es dazu kommt (und danach nicht weniger) sprechen aber vor allem die einzelnen Figuren, und das nicht zu knapp.

The Hateful Eight

Nun will man einem Film von Quentin Tarantino ungern seinen hohen Redeanteil vorhalten, denn pointiert-absurde Dialoge sind nun einmal seine Stärke. Vor Produktionsbeginn hatte er eine szenische Lesung arrangiert und demnächst will er eine Bühnenfassung erarbeiten. Beides hat seine sinnvolle Berechtigung, denn mit Ausnahme einiger comicartiger Eruptionen von Gewalt (minutenlang wird in hohem Bogen literweise Blut erbrochen) ist „The Hateful Eight“ ein theatraler Schlagabtausch aus Rede und Gegenrede. Ob das jedoch immer alles so originell ausfällt, wie der Autor glaubt, sei einmal dahingestellt.

Dass Tarantino kein Maß kennt, ist nicht neu. Welche enervierenden Folgen es allerdings haben kann, wenn er partout an allem festhält, was er einmal zu Papier gebracht hat, lässt sich auf besonders ärgerliche Weise am Fall „Death Proof“ nachvollziehen. In seinen schwächsten Momenten erinnert „The Hateful Eight“ deshalb auch nicht von ungefähr an den wenig geschätzten „Grindhouse“-Beitrag und dessen inhaltsleere Dialogexzesse. Welche unsägliche Selbstverliebtheit einem dabei aus jeder Zeile entgegensprigt, trägt nicht unbedingt zum besseren Gesamteindruck bei.

Natürlich gibt es sie, die großen Momente, und jeder mag sich da seine eigenen Highlights heraussuchen. Nicht zuletzt haben sie mit einigen fantastischen Leistungen der Darsteller zu tun (Goggins, Jason-Leigh, Jackson) und der exquisiten Bildästhetik von Robert Richardson. Doch Tarantinos immenses Ego steht dem Film diesmal deutlich im Weg. Selbst mit einem Originalscore von Morricone kann er nicht auf seine eigene Soundtrack-Compilation verzichten, und wenn er gar zweimal als erklärender Off-Erzähler in Erscheinung tritt, glaubt man, sich bereits auf dem Kommentartrack der DVD zu befinden.

Inzwischen gehört auch das eigene Oeuvre zum Zitationspool, in dem sich Tarantino bedient. In der Originalfassung reicht diese Form intellektuellem Raubbaus bis in die Dialoge hinein. Wie immer kann man sich einen Spaß daraus machen, die unzähligen mehr oder weniger maskierten Bezüge zur Kinohistorie herauszufiltern, wohl wissend, dass sie weder zur Erzählung noch zur Charakterisierung der Figuren auch nur das Geringste beitragen. Aber so ist das nun einmal. In Tarantino-Land gelten eigene Regeln, und wer deren Spiel nicht mitspielen will, ist schlicht im falschen Film. [LZ]

OT: The Hateful Eight (USA 2015). REGIE: Quentin Tarantino. BUCH: Quentin Tarantino. MUSIK: Ennio Morricone. KAMERA: Robert Richardson. DARSTELLER: Samuel L. Jackson, Kurt Russell, Jennifer Jason Leigh, Walton Goggins, Tim Roth, Michael Madsen, Bruce Dern, Demian Bichir, Channing Tatum, James Parks, Dana Gourrier, Zoë Bell, Quentin Tarantino. LAUFZEIT: 187 Min.

The Hateful Eight

[Abbildungen: Universum Film]

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