The Green Inferno | Filmkritik: Die Revolution frisst ihre Kinder

23. März 2014

The Green Inferno

Als Ruggero Deodato 1980 seinen wenig zurückhaltenden Schocker über einen Stamm menschenfressender Ureinwohner konzipierte, konnte er sich mit großer Wahrscheinlichkeit eher nicht vorstellen, dass ihn der fertige Film einmal vor Gericht bringen würde. „Cannibal Holocaust“ war mit seinem pseudodokumentarischen Stil so realistisch ausgefallen, dass der Filmemacher tatsächlich einige seiner Darsteller öffentlich vorzeigen musste, um zu beweisen, dass er sie nicht wirklich einer Horde Kannibalen zum gefälligen Verzehr überlassen hatte. Mit derartigen Auswüchsen muss Eli Roth wohl eher nicht rechnen. Für seine (ausdrücklich Deodato gewidmete) Liebeserklärung an das italienische Menschenfresser-Genre wird vermutlich jedoch eine andere rechtliche Maßnahme greifen, mit der sein Vorbild zu kämpfen hatte: die Zensur.

Ob man beim deutschen Verleih (Constantin) mit der Originalfassung auf den Markt geht – bzw. gehen kann – wird sich erst im September zeigen. Roth hat jedenfalls großen Spaß daran, die Schmerz- und Ekelgrenze seines Publikums (und die Toleranz der Zensoren) gründlich auszutesten. Dass er sich dabei allerdings auf einige wenige Sequenzen beschränkt, schraubt den Exploitation-Charakter seines Films merklich herunter und wiederholt die Formel, die schon in „Hostel“ gut funktioniert hat: Denn den Zuschauer beständig wissen zu lassen, dass schwer Erträgliches auf ihn wartet, ist wesentlich effektiver, als es ihm permanent zu zeigen. Ein paar wenige, dafür aber umso drastischere Highlights hier und da reichen völlig aus.

Dem Durchschnittspublikum schlägt das sicherlich auf den Magen. Für Genrekenner mit einem Faible für die Auswüchse des europäischen Horrorkinos der frühen 80er hingegen ist „The Green Inferno“ ein Grund zur Wehmut. Das hat zweierlei Gründe: Zum einen sucht man die wilde Anarchie eines Deodato, eines Umberto Lenzi oder auch des frühen Wes Craven heute eher vergebens, und so ist dieser späte Nachzügler eine Erinnerung an (je nach Geschmack) bessere Zeiten. Zum anderen gelingt Roth die Wiederbelebung dieses Kinos nur sehr bedingt. Sein Film ist in erster Linie eine Hommage mit den Mitteln, aber auch Stereotypen der 2000er und 2010er Jahre – durchdacht, zitationssicher und hinsichtlich seiner Radikalität eigenartig inkonsequent. Positiv gewendet: Popkornkino mit Kotzeimergarantie.

Die Stereotypen entnimmt Roth direkt mal seinem eigenen Oeuvre und setzt erneut auf bewährte Backwood-Dramaturgie: Eine Handvoll Umweltaktivisten verschlägt es in den peruanischen Regenwald, wo sie mit einer gezielten Blockadeaktion für den Abbruch von Rodungsmaßnahmen sorgen wollen. Verkleidet als Mitarbeiter des verantwortlichen Konzerns und bewaffnet mit Smartphones, die das Geschehen live im Netz streamen, gelingt ihnen ein medienwirksamer Auftritt. Festnahmen sind aus politischen Gründen ausgeschlossen, also schickt man sie per Kleinflugzeug auf den Weg Richtung Heimat. Alles gut? Keineswegs, denn die Maschine fängt Feuer und stürzt in die grüne Fauna – für die Überlebenden ein Absturz in die Hölle, denn schon kurz darauf finden sie sich in den Händen eines Kannibalenstamms wieder, der sie offenbar für den rodenden Feind hält.

The Green Inferno

Was folgt, kann man sich im Groben denken, und fällt mal mehr, mal weniger originell aus. Im Vergleich zur grundlegenden Belanglosigkeit des Ensembles ist das jedoch eher unproblematisch. Die Mehrheit der Figuren bleibt völlig gesichtslos, andere driften ins Cartoonartige ab. Doch halt, es gibt eine Ausnahme, und die ist zugleich das Herz des Films – und damit etwas, dass man in allen bisherigen Roth-Produktionen vergeblich gesucht hat. Dass sie zudem als einzige Identifikationsfigur auch zwangsweise zum Final Girl taugt, ahnt man bereits nach wenigen Minuten. Justine ist dabei in etwa so tugendhaft wie ihre Namensschwester bei de Sade und muss auch auf ähnliche Weise büßen.

Den Aktivisten schließt sie sich zu Beginn weniger aus Begeisterung für die Sache an als aus Schwärmerei für den Kopf der Gruppe. Als sie erkennt, worauf sie sich tatsächlich eingelassen hat (eine interessante Wendung), ist es bereits zu spät. Im Kannibalencamp dann soll ihr ein Schicksal zuteil werden, dass (bestenfalls) selbst den hartgesottensten Zuschauer nicht kalt lässt. Umso kontroverser muss das Ende des Films ausfallen, das Justines Figur in einer Art überhöht, die vor allem ein weibliches Publikum kaum nachvollziehen können dürfte (und auch grundsätzlich durchaus fragwürdig geraten ist).

Einige der Szenen mit ihr gehören zugleich aber auch zu den überzeugendsten des ganzen Films. Das ist nicht zuletzt ihrer Darstellerin Lorenza Izzo zu verdanken (Roth-Alumna aus „Aftershock“ und „Hemlock Grove“). Sie verleiht ihrer Figur die notwendige Glaubwürdigkeit und lässt damit so manche Absurdität anderer Ensemble-Mitglieder umso deplazierter wirken (Masturbation im Angesicht des Todes?). Dass Justine trotzdem die eine oder andere vorhersehbare Dummheit begeht, liegt am Skript.

Allen Flausen zum Trotz hebt sich „The Green Inferno“ deutlich von der Masse der gegenwärtigen Genreproduktionen ab. Die größten Stärken seines Films liegen in einer gelegentlich aufflackernden Atmosphäre realen Grauens, die sich nur schwerlich abschütteln lässt (nicht zuletzt dank der beunruhigend-ethnischen Musik des Spaniers Manuel Riveiro). Der Einzug ins Kannibalendorf und Justines persönlicher Kreuzweg brennen sich ein und vermitteln einen Eindruck davon, was Horrorkino sein kann, wenn es will. Dass Roth zugleich immer wieder zum Humortypus von „Cabin Fever“ zurückkehrt und seine (ohnehin austauschbaren) Figuren der Lächerlichkeit Marke Fäkal- und Genitalhumor preisgibt, kann man bedauern, aber das ist nun einmal seine künstlerische Entscheidung.

Roth zitiert fleißig und lässt nie einen Zweifel darüber aufkommen, wo er seine Einflüsse hergenommen hat. Selbst der Titel ist Deodatos Film entnommen und das Rachemotiv der Ureinwohner gegenüber den Ausbeutern stammt direkt aus „Cannibal Ferox“. Die End Credits bieten gar eine kurze Historie des italienischen Kannibalenfilms (und übrigens auch die Twitternamen einzelner Crewmitglieder). Mehr Hommage geht nicht.

Ob man die Globalisierungskritik, an der sich der Film in der Rahmenerzählung entlang hangelt, ernst nehmen will, muss jedem selbst überlassen bleiben. Trotz aller Kritikpunkte ist „The Green Inferno“ ganz sicher der bislang unterhaltsamste, blutigste, lustigste, aber auch identifikationsstärkste Film unter Roths Federführung. Dass die Zeichen auch vor dem offiziellen US-Release bereits deutlich auf Franchise stehen, ist eher unzweifelhaft. [LZ]

[Unser Review bezieht sich auf die am 15. März 2014 im Rahmen der Fantasy Filmfest Nights gezeigte Fassung des Films]

OT: The Green Inferno (USA 2014) REGIE: Eli Roth. BUCH: Eli Roth, Guillermo Amoedo. MUSIK: Manuel Riveiro. DARSTELLER: Lorenza Izzo, Ariel Levy, Daryl Sabara, Kirby Bliss Blanton, Sky Ferreira, Magda Apanowicz, Nicolás Martínez, Aaron Burns, Ignacia Allamand, Richard Burgi. LAUFZEIT: 103 Min.

Eli Roth | The Green Inferno

[Abbildungen: Constantin/Official Facebook]

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