The Great Wall | Filmkritik: Kriegsbeistand aus dem Abendland

18. Mai 2017

The Great Wall

[Lesedauer: ca. 2:10 Minuten]

Habgier schafft Monster. Da ist sicher einiges dran, doch wer hätte gedacht, dass man diese Erkenntnis so wörtlich nehmen muss wie in der ersten englischsprachigen Regiearbeit von Zhang Yimou („House of Flying Daggers“)? Dieselbe Untugend ist es auch, die den englischen Söldner William (Matt Damon) und seinen spanischen Begleiter Tovar irgendwann um die erste Jahrtausendwende ins Land des Lächelns gelockt hat, wo jenes sagenumwobene schwarze Pulver zu finden sein soll, mit dem sich trefflich Krieg führen lässt. Welche Reichtümer man sich wohl verschaffen könnte, hätte man nur ein paar Pfund davon! Doch dann stoßen die beiden auf eine imposante Mauer, die das gesamte Land zu durchziehen scheint und vor den Angriffen einer gewaltigen Armee ebenso hungriger wie hässlicher Kreaturen schützen soll. Ein echtes Ammenmärchen? Leider nein.

Die Tao Tie sind fester Bestandteil chinesischer Volksmythologie. Jorge Luis Borges beschreibt sie in seinem berühmten „Handbuch der phantastischen Zoologie“ als hundeähnliche Kreaturen mit monströsem Kopf und gleich zwei Körpern – ein Symbol für Völlerei und (Überraschung!) Habgier. Für „The Great Wall“ reicht zwar ein Körper aus, aber der Kopf, der fällt dafür umso monströser aus. Im Grunde kann es aber auch egal sein, wie das Mistvieh aussieht, entscheidend ist, dass sich ausgiebig mit ihm duellieren lässt, denn das bleibt mehr oder weniger das Hauptelement der rund 100 Minuten dieses Films. Mal im Nahkampf, mal in Gestalt eines prallen Schlachtengemäldes, wie es Peter Jackson vermutlich kaum anders inszeniert hätte. Dazwischen gibt es ein bisschen Handlung, aber die stört nicht weiter. Man könnte sagen, Yimou habe in erster Linie einen Film für heranwachsende Jungs abgeliefert, aber das würde der Meister selber so vermutlich nicht stehen lassen wollen.

Wie so oft bei Großproduktionen dieser Art hat die ganze Angelegenheit viele Väter, von deren Arbeit am Ende aller Wahrscheinlichkeit nach nicht sonderlich viel übrig geblieben ist. Max Brooks etwa hat in der Frühphase an der Geschichte mitgefeilt (bezeichnenderweise erinnert der erste Angriff der Tao Tie an die aufwändige Jerusalem-Sequenz aus „World War Z“), weitere Anteile entfallen auf Edward Zwick und Marshall Herskovitz (beide „The Last Samurai“). Das Drehbuch der jetzigen Fassung stammt allerdings – mit ein bisschen Scriptdoctoring von Tony Gilroy – aus der Feder des Gespanns Carlo Bernard und Doug Miro („Duell der Magier“, „Prince of Persia“), und danach sieht der Film schon eher aus.

The Great Wall

The Great Wall

Visuell ist das alles beeindruckend, aber das muss man von einer Großproduktion wie dieser auch erwarten dürfen. Abseits makelloser Schauwerte bleibt jedoch nicht viel. Wüsste man es nicht besser, würde „The Great Wall“ auch problemlos als Verfilmung einer erfolgreichen Game-Vorlage durchgehen können. Die Dramaturgie eines Videospiels hat der Film jedenfalls. Figuren sind Nebensache, Abziehbild (eine Saulus/Paulus-Transformation geht immer) oder notwendiges Übel ohne sonderliche Tiefe – denn die würde auch unnötig vom Kampfgeschehen ablenken. Willem Dafoe jedenfalls, dessen Rolle einzig und allein als Erklärung dafür dient, warum sich Matt Damon mit Teilen des chinesischen Ensembles auf Englisch unterhalten kann, musste für sein Geld nie weniger leisten.

An den Kinokassen hat das CGI-lastige Spektakel kaum Spuren hinterlassen. Wer den Film hierzulande auf der großen Leinwand sehen wollte (wo er auch hingehört) und nicht direkt am Startwochenende dabei war, muss sich jetzt mit DVD und Blu-ray begnügen. Einzig in China hat „The Great Wall“ überdurchschnittlich gut funktioniert, der Rest der Welt hatte nur ein Schulterzucken übrig. Immerhin reichte es aber für eine kontroverse Diskussion um die Frage, ob hier nicht einmal mehr ideologische Propaganda betrieben werde, denn schließlich sind es zwei westliche Figuren, die dem chinesischen Heer im Kampf gegen die grünen Hundemonster beistehen und – da nimmt man nichts ernsthaft vorweg – es schließlich auch zum Sieg führen.

Von der Hand weisen lässt sich der Gedanke nicht, denn egal wie elaboriert die Kriegsmaschinen im Film auch sind und wie erfahren die Soldaten im Umgang mit den Tao Tie, am Ende haben William und Tavor die entscheidenden Skills und Strategien, um den Kreaturen den Garaus zu bereiten. Als etwa gleich zu Beginn mehrere Monster trotz aller Gerätschaften und Hunderter Soldaten die Mauer erklimmen, sind es ausgerechnet die beiden ungerüsteten Abendländer, die ziemlich virtuos das Schlimmste verhindern, während die bis an die Zähne bewaffneten Chinesen offenbar nur hilflos zusehen können. Ausgeglichene Kräfteverteilung sieht anders aus. [LZ]

OT: The Great Wall (USA/CN/HK/AU/CA 2016). REGIE: Yimou Zhang. BUCH: Carlo Bernard, Doug Miro, Tony Gilroy. MUSIK: Ramin Djawadi. KAMERA: Stuart Dryburgh, Xiaoding Zhao. DARSTELLER: Matt Damon, Tian Jing, Pedro Pascal, Andy Lau, Willem Dafoe, Hanyu Zhang, Lu Han, Kenny Lin, Eddie Peng, Karry Wang. LAUFZEIT: 99 Min (DVD), 103 Min (Blu-ray). VÖ: 18.05.2017.

The Great Wall

[Abbildungen: Universal Pictures Home Entertainment]

follow screenread on twitter | like screenread on facebook

Kommentare sind geschlossen.