The Founder | Filmkritik: Bigger Business

20. April 2017

The Founder | Filmkritik

[Lesedauer: ca. 3:50 Minuten]

Höhere Effizienz steigert den Umsatz. Um das zu begreifen, braucht man keine Unternehmensberatung zu beschäftigen. Wenn Ray Kroc uns gleich zu Beginn einen Spezialmixer schmackhaft macht, mit dem sich binnen kürzester Zeit eine größere Anzahl Milkshakes zubereiten lässt, leuchten seine Augen hell und seine Argumente unmittelbar ein. Mehr Shakes, mehr Kunden, mehr Umsatz. Aber Amerika ist noch nicht so weit. Denn während wir dem smarten Handlungsreisenden seinen Mixer eigentlich direkt abkaufen wollen, beißt er bei den schlechtgelaunten Betreibern verschlafener Drive-Ins, die er landesweit abklappert, regelmäßig auf schwer verdaulichen Granit. Great sieht anders aus.

Drive-In, das heißt im Jahr 1954: Mit dem Auto vorfahren, bestellen, eine Ewigkeit auf dem Parkplatz warten, dann im schlimmsten Fall das falsche Menü serviert bekommen und umständlich mit Besteck und einem Tablett hantieren zu müssen, das in die Fahrertür eingehangen wird. Essen mit Spaß? Wohl kaum. Offenbar ist die gesamte USA vom konservativ-verbohrten Geist eines deutschstämmigen War-Immer-So-Bleibt-Immer-So beherrscht. Aber Moment. Die gesamte USA (oder doch zumindest Illinois)? Nicht ganz. Ein kleiner Imbiss zweier Brüder namens McDonald hat quasi im Alleingang Fastfood und Systemgastronomie erfunden. Klar, dass dort direkt mal sechs Exemplare des zukunftsweisenden Shake-Mixers bestellt werden.

Sechs Stück, ernsthaft? Ray kann es nach all den Absagen nicht glauben und muss sich erstmal von Existenz und ordnungsgemäßem Zustand der sagenhaften Burgerbraterei in San Bernardino überzeugen – und kann seinen Augen nicht trauen. Eine Riesenschlange will gefüttert werden, aber keine Bestellung dauert länger als wenige Sekunden. Eins, zwei, drei, schon ist der Burger fertig und verpackt. Essen geht mit den Händen, auf der nächsten Parkbank, im Auto, im Stehen. Das kennt der Zuschauer eigentlich, denn damit ist er aufgewachsen. Aber irgendwie ist er jetzt auch ein bisschen Ray Kroc, denn so klar war ihm der Unterschied eigentlich nie. Und eigentlich will er jetzt auch direkt so einen Burger haben.

The Founder | Michael Keaton

Eine bessere Werbung in Spielfilmlänge hätte das (immer noch) erfolgreichste Gastro-Franchise der Welt gar nicht haben können – denkt man sich in diesem Moment. Die satten Farben (so lecker!), die glücklichen Menschen (so glücklich!) und dieses effiziente Fastfood-System (so genial!). Denkt sich auch Ray Kroc und bietet den Brüdern sofort einen Deal an, denn in dem kleinen Laden, das hat er längst erkannt, steckt unermessliches Potential. In einem Comic würde man über seinem Kopf vermutlich Dollarzeichen tanzen sehen. Hier hingegen steht überall unsichtbar „Bigger Business“ geschrieben.

Doch es ist nicht nur Scrooge McDuck, der lockt. Es sind auch (scheinbar) Brüder im Geiste, die Ray gefunden hat, Effizienzkünstler, Erfinder, echte Pioniere. Hier entspringt der American Dream in Reinform aus einer Ketchup-Quelle. Vom Burgerbrater zum Millionär, und zwar wörtlich. Doch die Widerstände erweisen sich größer als erwartet, nicht zuletzt von den McDonald-Brüdern selber, die mit „Think Big“ nicht viel anfangen können und ihr kleines überschaubares Business den Plänen ihres Partners zur Übernahme der Weltherrschaft vorziehen. Ein Fehler, denn Ray ist längst auf den Geschmack der ganz großen Burger gekommen und wird davon – wie wir wissen –auch nicht mehr ablassen. Koste es, was es wolle.

The Founder | Michael Keaton

Die reale Geschichte hat sich im Wesentlichen genau so abgespielt und doch beginnt die Lüge schon mit dem Titel. Denn Ray Kroc ist selbstverständlich alles andere als der Gründer von McDonald’s – und dann irgendwie doch, denn im Nachhinein hat er auf wasserdichter Vertragsgrundlage Geschichtsklitterung betrieben und echte alternative Fakten geschaffen. Alles eine Frage der Perspektive also. Ähnlich schwer wird man es haben, diese schillernde Figur eindeutig zu bewerten, die Michael Keaton mit Charme, Witz und der nötigen Prise Diabolik anlegt. Sein Kroc ist die ideale Schnittmenge aus Jimmy Stewart und J.R. Ewing, und zwar genau in dieser Chronologie. Man darf ihn mögen, seine Cleverness und sein Durchhaltevermögen bewundern, kommt im Verlauf der Geschichte aber auch nicht umhin, sein Urteil über ihn irgendwann deutlich zu revidieren.

Denn natürlich ist „The Founder“ auch ein Beispiel für die typisch amerikanische Form des Kapitalismus. Willst du nach oben, tritt nach unten. Wer im Weg steht, bleibt auf der Strecke. So einfach ist das, und damit kann man sogar Präsident werden. John Lee Hancock („Saving Mr. Banks“, noch so ein Film über eine allzu hell leuchtende Legende) und Autor Robert Siegel („The Wrestler“) erzählen davon mit großer Leichtigkeit und in angemessenem Tempo. Für das heimische Publikum hat das alles nicht gereicht. Und auch bei den Oscars spielte ihr Film sträflicher- und unverständlicherweise keine Rolle.

Unsere Empfehlung für ein optimales Doppelfeature mit einer Menge interessanter Parallelen im Augenblick des Erfolgs: „Gold“, ein weiteres Beispiel für fehlgeleiteten Pioniergeist und unbedingtes Aufsteigertum nach realem Vorbild. Dass beide Hauptfiguren eine gänzlich entgegengesetzte Haltung zum eigenen Namen und dessen Relevanz haben, definiert bemerkenswerterweise ihr Gewinnen oder Scheitern. Wer würde schon Burger bei „Kroc’s“ kaufen, fragt Ray einen der McDonald-Brüder einmal. Oder – mag man hinzufügen – stylische Hardware bei „Jobs“? [LZ]

OT: The Founder (USA 2016). REGIE: John Lee Hancock. BUCH: Robert Siegel. MUSIK: Carter Burwell. KAMERA: John Schwartzman. DARSTELLER: Michael Keaton, Laura Dern, Nick Offerman, John Carroll Lynch, Linda Cardellini, Patrick Wilson, B.J. Novak, Justin Randell Brooke, Kate Kneeland. LAUFZEIT: 115 Min.

The Founder | Filmplakat

[Abbildungen: Splendid Film]

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