THE EXPENDABLES | Filmkritik

28. August 2010

The Expendables | Filmkritik

Wie sich im Söldnerbusiness schnell übers Ziel hinausschießen lässt, erfährt gerade Xe Services, besser bekannt unter dem früheren Namen Blackwater. 42 Millionen Dollar muss man jetzt für Regelverstöße bei Waffenausfuhren zahlen. Das ist ungefähr die Summe, die Sylvester Stallone mit seiner wesentlich kleineren Privatarmee in der ersten Woche US-weit eingespielt hat. Dass er und seine Jungs sich aber auch nicht sonderlich um die Einhaltung von Regeln scheren und schon mal ganze Hafenanlagen einfach in die Luft jagen, belegen „The Expendables“ mit Nachdruck. Wen das nicht allzu sehr interessiert, wird an diesem ziemlich anachronistischen Beitrag zum Kanon des Action-Kinos allerdings nur wenig Vergnügen haben.

Filmkritik: THE EXPENDABLES
Eine Handvoll Testosteron.

Kann man sich eine klassische Stallone-Figur im Angestelltenverhältnis vorstellen? Eher nicht. Die Jahre des strikten Einzelkämpfertums sind allerdings auch endgültig durch. Seine beiden bekanntesten Alter Egos haben sich aufs Altenteil zurückgezogen, und das macht auch guten Sinn. Eine Zeitlang geisterten noch Pläne über einen weiteren Teil der Rambo-Reihe umher, doch nach einigen unschlüssigen bis widersprüchlichen Statements und verworfenen Plotideen setzte Stallone dem Nachhall ein unwiderrufliches Ende. Nicht unwesentlich wird dazu auch dieses neue Projekt beigetragen haben. Anstatt einem Franchise, das längst all sein Potential ausgespielt hat, auch noch den letzten Blutstropfen auszusaugen, wagte Sly lieber etwas, das es bis dato so in seiner Karriere nicht gegeben hatte: Einen Ensemblefilm.

Stallone war mit diesem Konzept gut beraten, und er setzte gleich noch eins drauf. Denn der Stoff um eine lose zusammengewürfelte Söldnertruppe bot Gelegenheit, ein Allstar-Cast aus altgedienten, fast vergessenen, aber auch zwischenzeitlich nachgewachsenen Action-Helden zusammenzustellen. So richtig geklappt hat das allerdings nur im Ansatz, denn einige der Namen, die vorübergehend auf der Wunschliste standen, wie Jean-Claude van Damme, Wesley Snipes, Steven Seagal und Kurt Russell, sagten aus den unterschiedlichsten Gründen ab. Im Nachhinein werden sie sich jetzt vermutlich ausgiebig ärgern und ihren Agenten den Kopf waschen, denn „The Expendables“ nahm die US-Chartspitze mit Leichtigkeit ein und verteidigte seine Position auch in der zweiten Woche gelassen.

Dazu hat vermutlich in erster Linie die Vermarktung eine Menge beigetragen. Die Besetzungsliste auf den Plakaten machte trotz aller Ausfälle einiges her, doch viel mehr als ein cleverer Trick ist das alles nicht. Mickey Rourke spielt lediglich eine überschaubare Nebenrolle, Bruce Willis taucht nur kurz auf, und Arnold Schwarzeneggers Teilnahme beschränkt sich auf einen Cameo-Gag am Rand (der aber ist wenigstens tatsächlich echt und kein CGI-Effekt wie in „Terminator Salvation“). Um den Namen des Gouvernators aber dennoch werbewirksam über dem Ensemblebild prangen zu lassen (auf dem er bezeichnenderweise nicht zu sehen ist), hat man die Besetzungsliste einfach einem Zitat des Empire-Magazins entnommen. Und wer genau hinsieht, entdeckt auch die Anführungsstriche. Das mag man als dreist empfinden, der Effekt ist jedoch unbezahlbar.

The Expendables | Jason Statham, Giselle Itié, Sylvester Stallone

Aber auch sonst trickst der Film an allen Ecken und Enden. Die Geschichte ist mehr oder weniger irrelevant, und ob Stallones Truppe nun einen fiktiven südamerikanischen Diktator stürzen soll, hinter dem in Wahrheit ein korrupter Ex-CIA-Agent die Fäden zieht (grimmig chargierend bis zum Abwinken: Eric Roberts), oder ein gekapertes Schiff aus der Gewalt von Piraten befreit, spielt keine gesteigerte Rolle. Entscheidend ist vielmehr, wie viele Schüsse fallen, Fäuste fliegen, Bomben explodieren und Körperteile weggesprengt werden, bevor ein markiger Spruch für die nötige ironische Distanz sorgt. Dass das alles ziemlich altbacken daherkommt und sich auf Video (für Nostalgiker) bzw. DVD und Blu-ray besser anfühlen würde, gehört in gewissem Sinn zum Konzept.

„The Expendables“ ist ein durchweg konservativer Action-Film, der mehr auf Stunts und Pyrotechnik setzt als auf CGI. Daran ist nichts auszusetzen, nur gibt es hier wenig zu sehen, was nicht zuvor schon Hunderte Male über die Leinwand geflackert ist. Die Figuren sind, wie immer bei Stallone, mal mehr, mal weniger gebrochen, aber aufgeben ist ihnen (selbstverständlich) trotzdem fremd. Der Unterschied liegt im Ensemble, und das scheint weniger an „The Dirty Dozen“ (zu ernst) angelehnt zu sein als an „The Wild Geese“. Seine Hauptfunktion ist es aber vor allem, Stallone den Rücken zu stärken, denn dass er einen Blockbuster alleine nicht mehr stemmen kann, weiß er selber.

Zwar bleibt seine Figur die zentrale der Geschichte, doch ohne einen seiner Co-Stars gibt es ihn in kaum einer Sequenz zu sehen. Den größten Sidekick-Anteil hat Jason Statham inne, und das hat vermutlich vor allem mit dessen (hohem) Marktwert zu tun. So ist er dann auch bemerkenswerter Weise der einzige der „Expendables“, der nicht nur seinen eigenen Handlungsstrang bekommt (an der Seite von Charisma Carpenter, die lediglich hübsches Beiwerk sein darf), sondern diesen auch ganz ohne Stallone durchzieht. Das mag seinem Charakter mehr Tiefe verleihen, verkommt aber letztlich dann doch zur bloßen Nummernrevue, denn im Anschluss wird er gnadenlos zur Nebenfigur degradiert. Jet Li hingegen fungiert in erster Linie als Comic Relief und fügt der Armada aus Faustkämpfen und Schießereien eine Handvoll Martial Arts hinzu. Danach ist auch seine Rolle erledigt.

The Expendables | Mickey Rourke, Sylvester Stallone

Einzig Mickey Rourke, dessen Figur dem Söldnerleben längst den Rücken gekehrt hat, hinterlässt in seinen wenigen Auftritten bleibenden Eindruck und nimmt Stallone mit einem völlig unerwarteten Monolog aus Verzweiflung und Selbsthass beinahe das Heft aus der Hand. Ähnlich ergeht es Sly mit der brasilianischen Schauspielerin Giselle Itié, die der Opferrolle, wie sie ein Film dieser Machart der einzigen (handelnden) weiblichen Figur nun einmal traditionsgemäß zumutet, ein paar Seiten abgewinnt, mit denen sich der Rahmen der einfach gestrickten Geschichte allzu leicht sprengen ließe. Stattdessen aber ist das einzige, was gesprengt wird, eher aus festem Material, und wie um diese Tatsache zu betonen, explodiert gegen Ende einfach alles, was sich irgendwie in die Luft sprengen lässt.

In der Zusammenschau ist das durchweg ganz unterhaltsam, zugleich aber auch völlig verzichtbar. Stallones Inszenierung hat den zweifelhaften Charme von mittelmäßigen TV-Actionserien und erweist sich visuell als völlig belanglos. Dass „The Expendables“ als Franchise angelegt ist, lässt sich unmöglich übersehen, doch für die Kinoleinwand bleibt das Konzept letztlich zu einfach gestrickt. Nicht umsonst wählte man sich bewusst einen Starttermin, zu dem alle Sommer-Blockbuster bereits längst durch waren. [LZ]

OT: The Expendables (USA 2010). REGIE: Sylvester Stallone. BUCH: Dave Callaham, Sylvester Stallone. MUSIK: Brian Tyler. KAMERA: Jeffrey Kimball. DARSTELLER: Sylvester Stallone, Jason Statham, Giselle Itié, Jet Li, Dolph Lundgren, Eric Roberts, Steve Austin, Charisma Carpenter. LAUFZEIT: 103 Minuten.

The Expendables | Poster

[Abbildungen © 2010 Twentieth Century Fox]

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