The Expanse (Staffel 1) | Mars macht mobil: Visuell beachtliche Scifi-Serie des Syfy-Channels schwächelt in der Figurenzeichnung

13. Januar 2018

The Expanse (Staffel 1)

[Lesedauer: ca. 2:20 Minuten]

Während die UN zur Weltregierung aufgestiegen ist, hat sich der Mars als ernstzunehmende Militärmacht etabliert. Und als ob diese Konstellation nicht schon explosiv genug wäre, wächst im ausgebeuteten Asteroidengürtel eine Widerstandsgruppierung heran, die keiner der beiden Parteien gut gefällt. Doch ist es wirklich sie, die im Verborgenen für eine Destabilisierung der Verhältnisse sorgt, um einen Krieg heraufzubeschwören, oder lauert da noch eine unbekannte Gefahr von außen, die niemand kennt? So in etwa sieht das Grundszenario der vielgelobten, visuell beachtlichen und mittlerweile auf drei Staffeln angewachsenen Serie „The Expanse“ des Syfy-Channels aus, die man hierzulande auf Netflix oder neuerdings auch auf DVD und Blu-ray verfolgen kann. Doch was helfen aufwendige Sets und ein dystopischer Konflikt kosmischen Ausmaßes, wenn die handelnden Figuren kreuzlangweilig sind?

Die hauptsächlich in den kanadischen Pinewood-Studios (ehemals Filmport) entstandene Serie beruht auf dem gleichnamigen Romanzyklus des Autorenduos Daniel Abraham und Ty Franck (schreiben unter dem gemeinsamen Pseudonym James S. A. Corey), der seit 2011 eine weltweite Fangemeinde begeistert. Ursprünglich hatten die beiden den Stoff für ein Videospiel erdacht, und in gewissen Sinne fühlt sich Staffel 1 auch tatsächlich wie die halbgare Adaption eines Erfolgsgames an. Wer mit den Vorlagen vertraut ist, findet alte Bekannte wieder, deren Hintergründe und zukünftige Entwicklungen er kennt. Das ist erfreulich und die Fans haben die Serie auch rasch gut angenommen. Für Neueinsteiger ist der Gähnfaktor hingegen ziemlich hoch, denn ob irgendeinem der profillosen Hauptcharaktere im nächsten Moment der Garaus gemacht wird, kann einem herzlich egal sein. Haben sie ein Leben jenseits des Reiz-Reaktions-Schemas, innerhalb dessen sie sich bewegen, Überzeugungen, Sehnsüchte, Ängste? Lange Zeit spricht nicht sonderlich viel dafür.

The Expanse (Staffel 1) | Thomas Jane

Ein frustrierter Cop (Thomas Jane mit der albernsten Frisur seiner Karriere), der auf einer gigantischen Raumstation für ein Sicherheitsunternehmen arbeitet – die Polizei ist offenbar privatisiert worden – und ganz in Noir-Tradition nach der verschwundenen Tochter eines wichtigen Geldgebers suchen soll; ein Quartett aus ehemaligen Besatzungsmitgliedern eines Transportschiffs (darunter der charismafreie Steven Strait, Hauptdarsteller in Roland Emmerichs lachhafter Frühmenschgurke „10.000 BC“), das von einem unbekannten Angreifer pulverisiert wird; sowie ein manipulatives Mitglied des UN-Sicherheitsrates mit undurchsichitgen Zielen (lange Zeit der einzige Lichtblick: die iranische Schauspielerin Shohreh Aghdashloo, deren Stimmfarbe allein den Originalton wert ist) – sie bilden das Personal eines kosmischen Verschwörungsplots, der nicht immer so ganz nachvollziehbar ist.

Die meisten Dialoge reichen kaum über ihre funktionale Rolle hinaus. Inspiriert klingt jedenfalls anders und auch insgesamt gilt: Spannend und/oder originell ist hier wenig. Das muss umso mehr wundern, als dass Mark Fergus und Hawk Ostby, die Autoren hinter der Serie, mit „Children of Men“ und „Iron Man“ eigentlich auf zwei echte Vorzeigeprodukte verweisen können (dass „Cowboys & Aliens“ so unausgegoren ausfiel, war eher ein Problem widriger Produktionsbedingungen). Doch wer weiß schon, wie weitreichend ihnen das Projekt aus den Händen genommen wurde? Eigentlich könnte man die Angelegenheit an dieser Stelle abschließen und zur Tagesordnung übergehen, gäbe es nicht einen entscheidenen Grund, sich durch das gutaussehende, aber unspektakuläre Einerlei aus 10 mal mehr, mal weniger zähen Episoden durchzuarbeiten: die zweite Staffel nämlich.

Was genau da wohl passiert sein mag, dass die Figuren plötzlich Ecken, Kanten und vor allem eine gewisse Tiefe zu erkennen geben, lässt sich nur erahnen. Tatsache ist, von der ersten Folge an haben sie ein Innenleben und damit einhergehend das Bedürfnis, pointierte Dinge zu sagen. Selbst neu eingeführte Charaktere (darunter die bei Fans besonders beliebte Marsianerin Bobbie Draper) brauchen nicht lange, um Relevanz zu gewinnen. Die Autoren verschaffen ihnen passende Konflikte, Bedürfnisse, Haltungen. Nichts davon kann die erste Staffel für sich behaupten. Geradezu atemberaubend gerät Episode 5 (bzw. 15), hebt die Serie auf eine bis dato gänzlich unerwartete Ebene und lässt so manches gleichgültige Schulterzucken der ersten rund 430 Minuten fast vergessen. Dass man diese allerdings erst hinter sich bringen muss, darüber sollte man sich bewusst sein. [LZ]

OT: The Expanse (USA/CA 2015). REGIE: Terry McDonough, Jeff Woolnough, Rob Lieberman, Bill Johnson. BUCH: Mark Fergus, Hawk Ostby, Robin Veith, Naren Shankar, Dan Nowak, Jason Ning, Daniel Abraham, Ty Franck. MUSIK: Clinton Shorter. KAMERA: Jeremy Benning. DARSTELLER: Thomas Jane, Steven Strait, Dominique Tipper, Wes Chatham, Shohreh Aghdashloo, Chad L. Coleman, Florence Faivre, Jared Harris, Jay Hernandez. LAUFZEIT: 427 Min. VÖ: 05.12.2017.

The Expanse (Staffel 1)

[Abbildungen: Pandastorm]

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