The Dark Knight rises | Filmkritik

25. Juli 2012

The Dark Knight Rises

Es wäre zynisch, das Blutbad von Aurora in den Rahmen einer Filmkritik einzubinden, deren Aufgabe naturgemäß die gesellschaftlich eher eingeschränkt relevante Diskussion eines popkulturellen Phänomens sein sollte. Beides strikt trennen zu wollen, macht jedoch auch keine angemessene Haltung aus. Wie immer man sich da entscheiden mag, in jedem Fall lässt sich die Beobachtung kaum vermeiden, dass die Tiefenschichten apolitischen Terrors, denen Nolans Batman-Trilogie vor allem mit „The Dark Knight“ ein einprägsames Gesicht verliehen hat, in den Schüssen des Attentäters James Holmes ihr bitteres reales Gegenstück gefunden haben. Und es ist ausgerechnet jene virulente Angst vor der Erschütterungen einer sicher geglaubten, in Wahrheit jedoch profund fragilen öffentlichen Ordnung, mit der auch der finale Teil der Serie erneut operiert.

Seit den Zeiten des Kalten Krieges hat die US-Filmindustrie Ängste vor Aggressoren auf heimatlichem Boden kanalisiert, doch mit dem Zerfall klarer Feindbilder ist die Lage schwierig geworden. Wo in den 80ern die Sowjets einfach mal auf amerikanischem Boden erst einfallen und sich dann von aufrechten Partisanen wieder vertreiben lassen konnten („Red Dawn“), sind die Verhältnisse zur Jahrtausendwende (und auch bereits vor 9/11) komplexer und die Grenzen diffuser. Der Feind lässt sich noch nicht einmal mehr als echter Fremdkörper in der Mitte der Gesellschaft erkennen (wie etwa in „Invasion of the Body Snatchers“), sondern erweist sich schlimmstenfalls als ihr integraler Bestandteil, der die Medien nutzt und auf seine Rechte pocht. Was die Freiheit sichern soll, richtet sich in den falschen Händen am Ende gegen sie.

„The Dark Knight“ hatte die gewandelten Verhältnisse erstmals zur Grundlage eines Blockbusters gemacht und die Figur des Jokers als amerikanischen Alptraum angelegt: Terror ohne politischen Hintergrund und erkennbares Motiv. „Kill the Batman“, begrabt alle Hoffnung, lautete die schlichte Forderung des Mannes mit dem Zerrbild eines Clownsgesichtes, während er sich mit wechselnden Geschichten zum Ursprung seiner Wangennarben einen Spaß daraus machte, die um Sicherheit ringende Suche nach Beweggründen zu verhöhnen. Nicht umsonst glich er dabei den beiden Home-Invasoren aus Michael Hanekes „Funny Games“, die alle Erklärungsversuche ihres Tuns mit gängigen Motivklischees aktiv ad absurdum führen.

Doch wo „The Dark Knight“ mit einem klaren Täter/Opfer-Schema arbeitete, geht „The Dark Knight Rises“ nun noch einen Schritt weiter und macht die Opfer gleichermaßen zu Verbündeten. An die Stelle von Psychofolter mit perfiden Entscheidungsspielen aus der KZ-Schule treten Anarchie und Volkstribunale. Bane, die Inkarnation des Bösen, das diesmal von Gotham City Besitz ergreift, übergibt das Zepter den Bürgern und setzt den Hass der Straße frei. Die Politik der Verschleierung zum Wohl des Volkes spielt ihm dabei in die Hand, denn wo das Vertrauen in die Träger der Ordnung restlos erschüttert ist, übernimmt der Mob.

Die Basis dafür liefern ausgerechnet jene, die im Sinne der Freiheit zu handeln glauben: Acht Jahre nach den Ereignissen des Vorgängerfilms wird die Stadt von einem eng gestrickten Lügengeflecht aufrecht erhalten. Harvey Dent ist die zentrale Heldenfigur und zugleich Symbol für eine rigide Form des Strafvollzugs, die Gothams Straßen vom Verbrechen befreit hat. Diejenigen, die um die wahren Hintergründe wissen, schweigen sich der Sache wegen aus (Commissioner Gordon), sind spurlos verschwunden (Batman, der nach außen alle Schuld auf sich genommen hat) oder bereiten den Ausbruch totaler Anarchie vor (Bane).

Nolan nimmt sich eine Menge Zeit, die Geschichte in Gang zu bringen, denn es gibt einige Stränge zusammenzuführen. Bruce Wayne hat sich vollständig zurückgezogen, meidet allen Außenkontakt und trägt einen albernen Ziegenbart. Um wieder Leben in seine müden Knochen zu bringen, bedarf es einer hübschen Unbekannten (Selina Kyle a.k.a. Catwoman), die seinen Safe aufbricht und dabei neben der Perlenkette seiner Mutter auch seine Fingerabdrücke stiehlt. Doch die wiedererwachte Sehnsucht nach dem Fledermauskostüm könnte auch bloßer Thanatos sein. Denn immerhin gilt Batman in Gotham als Staatsfeind Nummer Eins, und für Bruce Wayne ist mit seiner großen Liebe Rachel einst auch der eigene Lebenswille gestorben. Wenn er die schwarze Maske also schließlich wieder überzieht, stellt er sich dabei zugleich unter das Damoklesschwert eines unvermeidlichen Märtyrertodes. Doch den will er offenbar so sehr, dass er bereitwillig selbst den hohen Preis bezahlt, den einzigen Menschen zu verlieren, der ihn sein ganzes Leben lang bedingungslos geliebt hat.

The Dark Knight Rises

Die Zeichen stehen also auf Untergang, und Nolan fährt einiges auf, um dem Druck des Vorgängerfilms standzuhalten. Erneut stützt ein Ensemble aus mindestens vier bis fünf zentralen Figuren, die vorübergehend den Film ganz für sich vereinnahmen, das komplexe Geschehen, bei dem sich leicht der Überblick verlieren lässt. Der Bogen wird bis zum ersten Teil der Serie gespannt und lässt manches in gänzlich neuem Licht erscheinen, doch auch das ist nur einer von vielen Nebeneffekten, die der Film mit sich bringt. Wie so oft setzt Nolan auf ein ganz eigenes Timing und umgeht dabei gerne klassische narrative Muster. Dass er damit durchkommt, belegt den Status, den er mittlerweile innehaben muss. Wer in einem Batman-Film die Hauptfigur mal eben etwa eine halbe Stunde lang gänzlich außen vor lässt, kann sich vermutlich alles erlauben.

Doch auch sonst gibt sich „The Dark Knight Rises“ durch und durch als Produkt seines/seiner Macher/s zu erkennen (der Anteil von Bruder Jonathan Nolan wird nur allzu gerne übersehen), und damit als Rätsel- und Verwirrspiel auf allen Ebenen. Bei Nolan ist bekanntlich nichts sicher, und schon gar nicht das, was am meisten Sicherheit verspricht. Die Grenzen zwischen Realität und Traum sind fließend („Inception“), die Geltung von Erinnerungen ist Interpretationssache („Memento“), und selbst die Einzigartigkeit der eigenen Existenz erscheint fraglich („Prestige“). Dass also ausgerechnet ein Identitätsdiebstahl dafür sorgt, dass Bruce Wayne aus dem Ruhestand zurückkehrt, und eine ganze Stadt dank eines brüchigen Lügengebäudes ins Chaos stürzt, hat vor diesem Hintergrund fast schon ironischen Charakter.

Batmans Nemesis mag zwar deutlich weniger schillernd sein als im Vorgängerfilm, doch da diesmal keine Münzen geworfen, sondern schlicht vollendete Tatsachen geschaffen werden, wäre eine Spielerfigur auch völlig fehl am Platz. Bane ist dort Physis, wo der Joker Intellekt war, und nicht umsonst kommt er deshalb auch im archaischen Gladiatoren-Look eines Underground-Wrestlers mit Gasmaske daher. Dem körperlich sichtbar geschwächten Bruce Wayne ist er deutlich überlegen, doch auch wenn er ihn halb tot prügelt und dabei das schwarze Fledermauskostüm mit dem störenden Umhang denkbar lächerlich aussehen lässt, ist seine eigentliche Vernichtungsmethode doch psychischer Natur.

The Dark Knight Rises

Überhaupt sind die äußeren Welten von „The Dark Knight Rises“ immer zugleich auch Spiegel innerer Verhältnisse. Überall droht die Gefangennahme oder ist die Abkapselung von der Außenwelt bereits wirksam. Der Protagonist verschanzt sich in seiner Villa, Gotham wird in einem Footballstadion gefangen genommen, die Polizei unterirdisch begraben und die gesamte Stadt gerät zur Insel. Der Weg nach draußen gelingt nur durch Selbstüberwindung, Opferbereitschaft oder einen Deus ex Machina (also Batman).

Dass dabei die Logik ab und an aus dem Gleichgewicht gerät, gehört im Nolan-Universum zum Konzept von Realität. An einer Stelle muss Bruce Wayne einem unterirdischen Gefängnis entkommen und dabei seine Angst vor dem Tod wiederfinden, um überleben zu können. Wer diesen seltsamen, höchst symbolischen Ort erbaut hat, spielt keine Rolle. Dass er sich allerdings M.C. Escher zum Vorbild genommen hat (ein heimlicher Querverweis zu „Inception“), lässt sich schwerlich übersehen.

Rückblickend wird man Nolans Trilogie vermutlich in erster Linie als utopisch bereinigten Spiegel eines kollektiven Traumas lesen, dessen Wunden jetzt ausgerechnet in einem Kino erneut aufgerissen wurden. Zugleich ist sie aber auch ein Stück cineastischer Größenwahn eines Filmemachers, der soviel zu sagen hat, dass er am liebsten alles auf einmal loswerden will und erst im unauflösbaren Widerspruch zur Ruhe kommt. The Dark Knight rises. The Legend ends. [LZ]

OT: The Dark Knight Rises (USA/UK 2012). REGIE: Christopher Nolan. BUCH: Christopher Nolan, Jonathan Nolan. KAMERA: Wally Pfister. MUSIK: Hans Zimmer. DARSTELLER: Christian Bale, Joseph Gordon-Levitt, Gary Oldman, Tom Hardy, Anne Hathaway, Morgan Freeman, Michael Caine, Marion Cotillard, Matthew Modine, Juno Temple. LAUFZEIT: 164 Minuten.

The Dark Knight Rises

The Dark Knight Rises | Filmposter

[Abbildungen © 2012 Warner Bros. Entertainment Inc. | Legendary Pictures Funding LLC]

follow screenread on twitter | like screenread on facebook

Tags:

Hinterlasse eine Antwort