The Body (El Cuerpo, 2012) | Filmkritik

01. Juli 2014

The Body

Während sich abgründige Kinostoffe made in Germany weiterhin schwer tun, schießen in anderen europäischen Filmlandschaften regelmäßig sehenswerte Genre-Beispiele aus dem Boden. Frankreich ist seit einer Weile ein echtes Epizentrum düsterer Leinwandfantasien, steht jedoch bei weitem nicht alleine da. Auch und gerade das spanische Kino hat sich in den letzten Jahren äußerst produktiv gezeigt. Filme wie „Sleep Tight“ oder die „[rec]“-Reihe zeugen von einem ausgeprägten Selbstbewusstsein im Umgang mit Codes und Konventionen des Spannungsgenres. Nicht fehlen darf in dieser Auflistung der von Guillermo del Toro produzierte Thriller „Julia’s Eyes“. Dessen Co-Autor Oriol Paulo legte kürzlich mit dem stimmungsvollen Filmrätsel „The Body“ sein Regiedebüt vor. In Deutschland hat es zumindest für eine DVD-/Blu-ray-Premiere gereicht.

Die Ausgangssituation des Films ist ebenso simpel wie packend: Der Nachtwächter eines gerichtsmedizinischen Instituts verlässt panisch seinen Arbeitsplatz und wird auf der Flucht von einem Auto angefahren. Da er ins Koma fällt, kann ihn der herbeigerufene Ermittler nicht befragen und rückt mit seinen Kollegen stattdessen im Leichenschauhaus an, um dem überstürzten Aufbruch des Wachmanns nachzugehen. Lange dauert es nicht, bis die Untersuchungen vor Ort eine unheimliche Erkenntnis zu Tage fördern: Die Leiche der schwerreichen Mayka Villaverde, die erst kürzlich eingeliefert wurde, ist spurlos verschwunden.

Ihr deutlich jüngerer Ehemann Álex (Hugo Silva, gerade erst in „Witching & Bitching“ zu sehen gewesen) wird umgehend in die Gerichtsmedizin bestellt und verwickelt sich bei der Befragung mehr und mehr in Widersprüche. Die Verunsicherung des Witwers hat einen einfachen Grund: Stunden zuvor hat er seiner Frau ein Gift verabreicht, das nach einer bestimmten Zeit einen Herzstillstand auslöst und eigentlich nicht nachzuweisen ist. Mit dem Verschwinden der Toten scheint das neue Leben, das er mit seiner Geliebten beginnen wollte, auf einmal in weite Ferne zu rücken. Als im Leichenschauhaus ein unerklärliches Ereignis das nächste jagt, kommt ihm irgendwann der Gedanke, dass Mayka überlebt haben (oder gar auferstanden sein) könnte und nun einen perfiden Racheplan ins Rollen bringt.

The Body

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Dass die Täterschaft des Ehemanns hier so offen ausgesprochen wird, ist kein fahrlässiger Spoiler, sondern einzig und allein dem erzählerischen Konzept des Films geschuldet. Die Macher spielen von Anfang an mit offenen Karten. Frühzeitig verfügt der Zuschauer so über einen entscheidenden Wissensvorsprung gegenüber anderen Figuren – eine Spannungsdramaturgie in bester Hitchcock-Tradition, mit dem feinen Unterschied, dass es sich beim Ehemann tatsächlich um einen Mörder handelt, der plötzlich um seine Enttarnung fürchten muss, und nicht um einen gänzlich Unschuldigen wie beim Master of Suspense oftmals üblich.

An Hitchcock erinnert auch die örtliche Reduktion der Handlung, für die Sir Alfred bekanntlich einiges übrig hatte. Hauptschauplatz des Films ist das gerichtsmedizinische Institut, das im Verlauf einer einzigen verregneten Nacht zu einem klaustrophobischen Verhörraum wird (und nicht zuletzt an Ole Bornedals „Nachtwache“ erinnert). Überdeutlich verneigt sich Paulo vor seinem filmischen Vorbild, wenn er Álex in einem Flashback die herrschaftliche Treppe seines Hauses mit einem Weinglas in der Hand emporsteigen lässt und so jene berühmte Szene aus „Verdacht“ zitiert, in der Cary Grant seiner Frau giftig leuchtende Milch serviert.

Obwohl der junge Ehemann als Identifikationsfigur eigentlich nicht taugt, sorgen die seltsamen Vorkommnisse dafür, dass man als Zuschauer zwangsweise seine Position einnimmt. Nicht nur, dass ihn der Ermittler immer härter in die Mangel nimmt. Je weiter die Handlung voranschreitet, desto wahrscheinlicher wird auch seine Vermutung, dass die totgeglaubte Mayka ein grausames Spiel mit ihm treiben könnte. Von großer Bedeutung sind in diesem Zusammenhang einige wiederholt eingesetzte Rückblenden, die sich optisch zwar von der Atmosphäre im Leichenschauhaus abheben, zugleich aber ein äußerst verstörendes Bild vom gemeinsamen Eheleben zeichnen. Mayka hat ihren Gatten mit Haut und Haar geliebt, ihre Macht ihm gegenüber jedoch unverhohlen ausgekostet. Dass man dieser Frau so ziemlich alles zutrauen will, ist dabei vor allem der geradezu furchterregenden Präsenz ihrer Darstellerin Belén Rueda („Julia’s Eyes“) zu verdanken.

Erfreulicherweise verlässt sich Paulo auf die unheilvolle Stimmung des Settings und die Ungewissheit, die der mysteriöse Plot verströmt. Plakative Schockmomente braucht es nicht, um die Spannung bis zum Schlussakt hochzuhalten, der mit einem lauten Paukenschlag endet. Derart überraschend, wie manche Rezensenten kolportieren, ist die Auflösung allerdings nicht. Gerade Genre-Kenner können, wenn sie den Hinweisen aufmerksam folgen, durchaus erahnen, worauf das Ganze hinausläuft.

Letztlich bestätigt „The Body“ die klassische Erzählregel, dass alles, was gezeigt wird, am Ende auch bedeutsam ist. Wem die Geschichte nach Eröffnung ihrer Hintergründe allzu konstruiert erscheint, sei daran erinnert, dass auch Hitchcock der größtmöglichen filmischen Wirkung stets den Vorzug vor biederen Wahrscheinlichkeiten gegeben hat. [Christopher Diekhaus]

OT: El Cuerpo (ES 2012) REGIE: Oriol Paulo. BUCH: Oriol Paulo, Lara Sendim. MUSIK: Sergio Moure. KAMERA: Óscar Faura. DARSTELLER: José Coronado, Hugo Silva, Belén Rueda, Aura Garrido, Miquel Gelabert, Juan Pablo Shuk, Oriol Vila, Carlota Olcina. LAUFZEIT: 107 Min (DVD), 111 Min. (Blu-ray). VÖ: 10. Juni 2014.

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[Abbildungen: OFDb Filmworks]

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