THE AMAZING SPIDER-MAN 3D | Filmkritik

01. Juli 2012

The Amazing Spider-Man

„Beginnen wir noch einmal bei Seite 1“, lautet der letzte Satz dieses Films (jedenfalls bis zu Marvels mittlerweile obligatorischem Epilog-Teaser), und das ist die einzige Gelegenheit, bei der sich die neuerliche Leinwandversion der Initiationsgeschichte um den Jungen mit den Spinnenkräften ihrer absurden Natur bewusst wird. Denn „The Amazing Spider-Man“ spielt in einer Gegenwart, die selbstverständlich weder Stan Lees Comic-Superhelden noch die Vorgänger-Trilogie von Sam Raimi kennt. Das ist nicht ungewöhnlich, doch in diesem Fall besonders amüsant, denn immerhin sind gerade einmal bloß fünf Jahre seit Toby Maguires letztem Auftritt im rotblauen Spandex-Anzug vergangen. Von einem echten Generationswechsel kann also nicht wirklich die Rede sein.

Es ist müßig, darüber zu grübeln, was die Verantwortlichen bei Sony zu einem derart zeitnahen Reboot der überaus erfolgreichen Filmreihe bewegt haben mag, denn „The Amazing Spider-Man“ ist nicht mehr und nicht weniger als eine Notlösung. 2009 waren die Pläne für einen vierten Teil der Serie mit der Original-Besetzung vor und hinter der Kamera noch in vollem Gange. Die offizielle Reboot-Ankündigung folgte erst Anfang 2010. Ja nachdem, welcher Quelle man glauben will, waren sich Raimi und das Studio entweder nicht einig geworden oder aber man hatte schlichtweg keine Geschichte zusammenbekommen, die ausreichend erfolgversprechend gewesen wäre. In jedem Fall war das Projekt erledigt.

Dass der Markt aber noch keineswegs gesättigt war, werden die laufenden DVD-Verkäufe der ursprünglichen Trilogie vermutlich deutlich unterstrichen haben, und da eine Fortführung des Franchise mit neuen Gesichtern durchaus riskant gewesen wäre, hat man sich wohl lieber für den Weg des geringsten Widerstandes entschieden und einfach nochmal bei Null angefangen. Ein kleines bisschen Prequel-Strategie ist ebenfalls mit eingeflossen, denn die aktuelle Version beginnt mit einem einschneidenden Ereignis aus Peter Parkers Kindheit, das den Film durchgehend überschattet. Ansonsten bleiben die Eckdaten im Wesentlichen unverändert. Ein echtes Überflussprodukt also. Sollte man jedenfalls meinen.

Umso mehr muss überraschen, wie auffällig unverbraucht diese rund 200 Millionen Dollar teure Produktion daherkommt und mit einer gesunden Arroganz beständig darauf hinweist, dass sie nichts zu verlieren hat. Und so ist es tatsächlich: „The Amazing Spider-Man“ kann nur gewinnen. Dass der Film seiner Hauptfigur eine ähnliche Haltung andichtet, macht die Angelegenheit umso reizvoller.

The Amazing Spider-Man

Nicht zuletzt ist das aber wohl vor allem ein Verdienst von Andrew Garfield, der seinem arg braven Vorgänger eine Menge schlaksiges Selbstbewusstsein entgegensetzt. Dass er für den Part etwa zehn Jahre zu alt ist – geschenkt. Sein Peter Parker trägt eine Menge unterdrückte Wut in sich, und die lässt ihn (wenn auch keineswegs blindlings) einfach machen, was er für richtig hält oder ihm gerade in den Sinn kommt. Konsequenzen egal. Peter widersetzt sich, wenn ihm danach ist, und man ahnt frühzeitig, dass er mit seinen späteren Spinnenkräften eine Weile lang eher nicht haushalten wird.

Doch auch als Superheld geht er jedes Risiko ein, wenn es die Situation erfordert. Das hat mit Mut zu tun, sicher mit wachsender Verantwortung, aber auch mit echter Kompromisslosigkeit. In einer der besten Szenen des Films scheut sich Peter nicht davor, seine Maske abzulegen, um einem kleinen Jungen die Angst zu nehmen. Da gehört eine Menge Herzblut zu. Und eine Form strategischen Denkens, die diesem Spider-Man schon vor der Verwandlung eigen ist.

Von derart überraschend ungewöhnlichen Momenten hat das Drehbuch einige zu bieten. Dass die Figur aber das ganze Spektrum von Aufbegehren, Schuldgefühlen, Schüchternheit, Cleverness und Erwachsenwerden schlüssig aushält und dabei echte Originalität beweist, ist in erster Linie ihrem Darsteller zuzurechnen. Eine gewisse Unscheinbarkeit kommt ihm dabei zugute, denn sie erlaubt, eine Menge unter Verschluss zu halten, das sich im Innern der Figur abspielt. Nicht umsonst hinterließ Garfield in der Vergangenheit auch aus der zweiten Reihe heraus nicht selten mehr Eindruck als die jeweiligen Hauptdarsteller („Alles, was wir geben mussten“ und „The Social Network“ sind dafür eindringliche Beispiele).

The Amazing Spider-Man

Auf der anderen Seite muss der Film einige Pflichtleistungen erfüllen und bietet über stolze 135 Minuten hinweg zwar keine echten Längen, wohl aber jede Menge Voraussehbares. Und während viele der Szenen, in denen Peter seine neu erworbenen Kräfte auslebt, testet und perfektioniert, als Ausdruck seiner Gefühlslage funktionieren, dominiert im letzten Drittel das unvermeidliche Endgegner-Syndrom. Umso mehr hat Regisseur Marc Webb – der mit „(500) Days of Summer“ zwar erst einen Spielfilm, dafür aber jede Menge TV- und Musikvideo-Erfahrung einbringen konnte – gut daran getan, sich von den obligatorischen Action-Sequenzen nicht gänzlich das Ruder aus der Hand nehmen zu lassen.

Am Ende mag zwar nicht viel Nachhall übrig bleiben, aber die Tatsache, dass auch diese Neuauflage mehr auf die Figuren als auf spektakuläre CGI-Materialschlachten setzt, macht „The Amazing Spider-Man“ zu einem der besseren Beiträge im Superhelden-Genre. Wer im Kino allerdings auf eine 3D-Offenbarung hofft, sitzt definitiv im falschen Film. [LZ]

OT: The Amazing Spider-Man (USA 2012). REGIE: Marc Webb. BUCH: James Vanderbilt, Alvin Sargent, Steve Kloves. KAMERA: John Schwartzman. MUSIK: James Horner. DARSTELLER: Andrew Garfield, Emma Stone, Rhys Ifans, Denis Leary, Martin Sheen, Sally Field, Irrfan Khan, C. Thomas Howell. LAUFZEIT: 136 Minuten.

The Amazing Spider-Man

The Amazing Spider-Man

[Abbildungen © 2012 Sony Pictures Releasing GmbH]

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