Terminator Genisys | Filmkritik: Zwischen Update und Systemabsturz

06. Juli 2015

Terminator Genisys

Ein altmodischer Faustkampf beweist es: Er ist alt geworden, der T-800, aber im direkten Vergleich mit seinem 30 Jahre jüngeren Ebenbild schlägt er sich (auch wörtlich) immer noch ganz wacker. Über den mittlerweile vierten Aufguss von James Camerons schulemachendem B-Film lässt sich das hingegen nur bedingt behaupten. Mit dem Original von 1984 macht er allerdings genau dasselbe wie der alte Terminator mit dem jungen – er vermöbelt ihn, bis nicht mehr viel übrig ist. Zugeben wollen Regisseur Alan Taylor und seine Autoren das freilich nicht. Denn wenn sie den pop-ikonischen ersten Auftritt des Maschinenkillers aus der Zukunft detailgenau nachinszenieren, wollen sie das ganz sicher als Hommage verstanden wissen. Ansonsten haben sie jedoch wenig Probleme damit, ihr großes Vorbild sorglos zu demontieren.

Es ist ein eigentümlicher Zwitter aus Sequel, Prequel und Reboot, den sich Patrick Lussier („Drive Angry“) und Laeta Kalogridis („Shutter Island“) da ausgedacht haben. Aber da der Dreh- und Angelpunkt im „Terminator“-Universum nun einmal die Zeitreise ist, darf einen nichts wirklich wundern. Alternative Versionen von Gestern und Morgen, Eltern, die jünger sind als ihre Kinder, und Figuren, die sich selber begegnen, gehören zum Standardprogramm. Wirklich erstaunlich ist lediglich, dass der T-800 seit Beginn der Serie immer gleich aussieht, während alle anderen Charaktere beständig ihr Äußeres ändern. Aber so muss das wohl sein, wenn ein Franchise sich offenbar nur noch über seinen Star definieren kann (so sehr, dass ein digitaler Schwarzenegger selbst in „Terminator Salvation“ einen Gastauftritt bekommen musste).

Terminator Genisys

„Genisys“ entscheidet sich für eine Herangehensweise, die sich momentan vor allem in bestimmten Bereichen der Populärliteratur (schlimmstes Beispiel: „Grey“) zunehmender Beliebtheit erfreut – nämlich eine bereits bekannte Geschichte noch einmal aus der Perspektive einer anderen Figur zu erzählen. Hier ist es Kyle Reese, der Soldat aus der Zukunft, der sich in Sarah Connor verlieben, mit ihr den Widerstandsführer John Connor zeugen und dann den Heldentod sterben wird. Oder auch nicht. Denn da er im Imperativ zu uns spricht und niemand ernsthaft einen narrativen Bluff erwarten dürfte (das hier ist nicht „Casino“), steht zu vermuten, dass er diesmal überleben wird. Aber wie kann das sein?

Ganz einfach: Als ein erwachsener John Connor ihn wie gewohnt in die Vergangenheit schickt (und die Regie sich wie einst Robert Zemeckis in „Beowulf“ alle erdenkliche Mühe gibt, die Genitalien von Reese-Darsteller Jai Courtney aus dem Bild zu halten – Zeitreisen sind bekanntlich nur unbekleidet möglich), wird rasch klar, dass nichts mehr so ist, wie es der Zuschauer aus dem Originalfilm kennt. Sarah Connor (hier Emilia Clarke, „Game of Thrones“) wird seit ihrem neunten Lebensjahr von einem T-800 beschützt, kennt demnach die Verläufe und harrt seit langem der Ankunft ihres zukünftigen Kindsvaters. Doch wer hat den Maschinenmenschen geschickt, den sie in Ermangelung echter Eltern liebevoll „Pops“ (also „Papi“) nennt? Ein alternativer John Connor? Walter Bishop? Der Wizard von Oz? Niemand weiß es.

Terminator Genisys

Es wird nicht das letzte Fragezeichen sein, das der Zuschauer im weiteren Verlauf des Films vor Augen hat, denn die Geschichte schlägt allerlei Haken, über die man besser nicht weiter nachdenkt, will man nicht den Anschluss verlieren. Irgendwann reisen Reese und Sarah selber ein paar Jahre in die Zukunft (eine Idee aus der sträflich ignorierten TV-Serie „Terminator S.C.C.“), weil sich der Zeitstrahl inzwischen verändert hat und die neuen alten Pläne nichts mehr wert sind. In Wahrheit ist das aber nur ein Erzähltrick, um eine leidlich originelle Idee durchzuspielen und den Kids im Publikum die ihnen bekannte Lebenswelt aus Tablets und Smart Living zu servieren: Skynet ist in dieser Version des Jahres 2017 ein globales Betriebssystem namens „Genisys“, das es auszuschalten gilt, bevor es die totale Kontrolle übernimmt – etwa so wie kürzlich Scarlett Johansson als „Lucy“.

Es ist also für alle etwas dabei: Die altersmäßig gesetzteren Fans des Franchise bekommen eine Reihe von Deja-vus präsentiert und für die jüngeren Neueinsteiger, die in Schwarzenegger nur einen alten Mann mit Sprachfehler erkennen, muss sich eine der Hauptdarstellerinnen ihrer Lieblingsserie mit Killermaschinen und machtgierigen Überwachungs-Apps herumschlagen. So weit, so kalkuliert. Das wäre für eine angeblich 170 Millionen Dollar teure Produktion alles verzeihlich, würde mit der Mythologie des Originals nicht umgegangen wie mit einem Legobausatz, aus dem man einfach machen kann, was man will. Am Ende steht für den Preis einer neuen Trilogie jedenfalls kein Stein mehr auf dem anderen.

James Cameron himself soll das alles gut gefallen haben, doch darauf sollte man nichts geben. Denn wer sich nach „Genisys“ noch einmal wehmütig die beiden ersten Teile vornimmt, wird sich wünschen, er könnte selber in der Zeit zurückreisen und den neuerlichen Maschinenkrieg ungeschehen machen – oder doch zumindest die eigene Erinnerung daran auslöschen. Aus dem T-800 ist eine (sehr menschliche) Vaterfigur geworden, die vor allem darum bemüht zu sein scheint, ab und an ein paar zitierfähige Einzeiler zu produzieren; zwischen Emilia Clarke und dem völlig charismafreien Jai Courtney funkt rein gar nichts; und was zu Jason Clarke (nicht verwandt oder verschwägert) und seinem John Connor zu sagen wäre, behält man – im Gegensatz zum spoilerfreundlichen US-Verleih – besser für sich. Get down. [LZ]

Terminator Genisys

OT: Terminator Genisys (USA 2015) REGIE: Alan Taylor. BUCH: Laeta Kalogridis, Patrick Lussier. MUSIK: Lorne Balfe. KAMERA: Kramer Morgenthau. DARSTELLER: Emilia Clarke, Jai Courtney, Arnold Schwarzenegger, J.K. Simmons, Byung-hun Lee, Sandrine Holt, Dayo Okeniyi, Matt Smith, Courtney B. Vance, Michael Gladis. LAUFZEIT: 126 Min.

Terminator Genisys

[Abbildungen: Paramount]

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