TENEBRAE: Giallo-Klassiker von Dario Argento in Deutschland erneut beschlagnahmt

18. Juni 2014

Auch eine 32-jährige Wirk- und Rezensionshistorie hält hierzulande nicht davon ab, ein von Cineasten, Filmhistorikern, Medienwissenschaftlern und nicht zuletzt Branchenkollegen hoch geschätztes und als Klassiker seiner Art eingestuftes Werk in seiner Ursprungsfassung weiterhin vom mündigen Bürger fernzuhalten. In Deutschland erstmals 1985 erschienen (und damals bereits in einer gekürzten Fassung), wurde „Tenebrae“, Dario Argentos Rückkehr zum Giallo-Genre, im September 1987 beschlagnahmt und ist seitdem legal nur in einer deutlich gekürzten und sinnentstellten Version erhältlich.

Jüngst war ein aus den USA importiertes und bereits 2008 erschienenes Box-Set von Anchor Bay mit fünf Argento-Filmen, darunter eine ungekürzte Fassung des fraglichen Films, erneut auf der Beschlagnahmungsliste gelandet. Das ist zunächst einmal nicht verwunderlich, denn seit dem Beschlagnahmebeschluss des LG München I vom 24.09.1987 hat sich an der Rechtslage nichts geändert bzw. wurde keine Listenstreichung vorgenommen (2005 erfolgte stattdessen eine weitere Beschlagnahmung).

Dem Beschluss war damals bereits eine – angesichts des Umgangs mit dem Film in England und den USA – wenig überraschende Indizierung vorangegangen. Doch dabei hätte es theoretisch auch bleiben können. Denn einen ersten Antrag auf Beschlagnahme lehnte das Amtsgericht München zunächst einmal ab. Kurz darauf allerdings legte die Staatsanwaltschaft erfolgreich Beschwerde ein und „Tenebrae“ verschwand vom Markt. Das ist bis heute der Stand der Dinge. Der eigentliche Witz dabei bleibt folgerichtig die immer noch gültige Begründungslage. Wörtlich heißt es im damaligen Beschlusstext:

„Der Film schildert grausame Gewalttätigkeiten gegen Menschen in einer Art, die das Grausame des Vorgangs in einer die Menschenwürde verletzenden Art und Weise darstellt“ – eine Begründung, die den Bezug auf den für die Beschlagnahmung relevanten und unter Gegnern dieser Praxis berüchtigten § 131 Abs. I StGB im Blick hat. Das Urteil: „Blutrünstiges Geschehen wird ausschließlich zur Erzeugung von Entsetzen und Nervenkitzel ausgemalt.“

Einem möglichen Einwand mit Bezug auf Artikel 5 Abs. 3 GG begegnete man vorab und erklärte „Tenebrae“ zum Gewaltporno avant la lettre: „Da die triviale Rahmenhandlung ausschließlich dazu dient, nackte, effekthaschende und grausame Gewalttätigkeiten darzustellen, ist der Film … sicher kein Werk der Kunst, so dass der Kunstvorbehalt … nicht greift.“ Und schließlich: „Mildernde Maßnahmen … sind wegen der erheblichen Anzahl der über den ganzen Film verteilter [sic] beanstandenswerter [sic] Handlungen nicht erkennbar.“

Es bedarf keiner ausgewiesenen Kennerschaft, um hier aus heutiger Sicht unverständig mit den Schultern zu zucken. Dass ein deutsches Gericht nach Inaugenscheinnahme von Argentos Film auch aktuell noch ähnlich urteilen würde, darf man wohl getrost bezweifeln. An der immer noch aktuellen Rechtsgültigkeit des Urteils ändert das allerdings nichts.

Dass der Status Quo weiterhin unverändert bleibt und zur neuerlichen Beschlagnahme geführt hat, könnte darin begründet liegen (doch das ist eine reine Vermutung), dass der zuständige deutsche Verleih allem Anschein nach wenig Interesse an einer vorzeitigen Listenstreichung hat und sich mit seiner gekürzten FSK16-Fassung von 2012 zufrieden gibt (die 18er-Freigabe verdankt die DVD/Blu-ray ausschließlich dem beigefügten Trailer – ein nicht unüblicher Vermarktungstrick). Argento ist markttechnisch offenbar irrelevant. [LZ]

Unsere Empfehlung: Mark Goldblatt via trailersfromhell.com über „Tenebrae“ und die US-Fassung zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung.

Trailers from Hell

[Abbildungen: Screencaptures]

follow screenread on twitter | like screenread on facebook

The Walking Dead

Hinterlasse eine Antwort