TED | Filmkritik

03. August 2012

Ted

Wozu auf fortschrittliche Technologie warten, um einen gewöhnlichen Teddy zum Leben zu erwecken, wenn es auch ein handelsübliches Wunder tut? Aus dieser Perspektive betrachtet ist „Ted“ eine ausgesprochen unkomplizierte Antwort auf „A.I.“, jenen Film, von dem sein Autor Stanley Kubrick wusste, wie unverzichtbar ein kindliches Gemüt ist, um die lebenslange Freundschaft zwischen einem kleinen Jungen und einem Stofftier so zu erzählen, dass nicht bereits im ersten Akt alle Glaubwürdigkeit auf der Strecke bleibt. In dieser Hinsicht haben Steven Spielberg und Seth MacFarlane etwas Entscheidendes gemeinsam. Exkremente von Prostituierten findet aber vermutlich nur einer der beiden lustig.

Warum genau sich der Wunsch des kleinen John Bennett erfüllt und sein Teddy über Nacht zum lebenden Spielgefährten (und vorübergehenden Medienliebling) wird, während ansonsten kein zweiter Fall dieser Art bekannt ist? Wer sich derartige Fragen stellt, sitzt schlichtweg im falschen Film, denn in der Welt des Erfinders von „Family Guy“ gilt als oberste Regel: Nichts existiert grundlos, solange eine Pointe dabei herauskommt. Ein Kleinkind, das die Weltherrschaft anstrebt, ein Goldfisch mit dem Gehirn eines ostdeutschen Skispringers oder eben ein Teddybär auf Cannabis – das Spektrum bei MacFarlane ist so vernunftfrei und breit wie die beiden Hauptfiguren seines Spielfilmdebüts (die meiste Zeit über jedenfalls).

Ted

Im Gegensatz zu Spielbergs Roboterjungen und dessen plüschigem Begleiter geht die Zeit nämlich nicht spurlos an Ted und John (Mark Wahlberg) vorbei. 2012 sind sie zu zwei Mittdreißigern mit dem Reifegrad spätpubertierender Teenager herangewachsen, die sich mit dem Erfinden alberner Wortspiele gegenseitig anspornen, stundenlang biertrinkend auf dem Sofa abhängen und ohne Bong nicht fernsehen können. Doch die sorglose WG-Seligkeit sieht sich bald schon jener großen Gefahr ausgesetzt, an der irgendwann alle echten Männerfreundschaften zerbrechen: einer Frau. In diesem Fall ist es Johns Freundin Lori (Mila Kunis), der bei aller Sympathie für den pelzigen Mitbewohner irgendwann der Kragen platzt (der Anlass: siehe erster Absatz). Ted muss schweren Herzens ausziehen und sich einen Job suchen. Kann das gut gehen? Natürlich nicht.

Doch wie immer bei MacFarlane ist die Geschichte natürlich Nebensache und gerade noch ausreichend, um die hohe Pointendichte nicht zur bloßen Nummernrevue ausufern zu lassen. Überhaupt hat er „Ted“ vergleichsweise konventionell angelegt. Auf seine berüchtigte Cutaway-Technik, bei der völlig zusammenhanglos eingebaute Flashbacks für Lacher sorgen, verzichtet er bis auf eine einzige (vermutlich selbstreferentiell gedachte) Ausnahme gänzlich und folgt stattdessen dem Standardschema einer Buddy-Comedy mit ein paar Nebensträngen und absurden Running Gags, die auf ihre Weise eskalieren.

Ted

Der zentrale Running Gag aber ist die (dank Motion Capture) animierte und von MacFarlane mit Peter-Griffin-Stimme gesprochene Hauptfigur selber, und obwohl sich Ted nicht wirklich anders als der gewöhnliche Filmkumpel mit hohem Hallodri-Faktor verhält, funktioniert der Plüschtier-Effekt eben doch durchgängig als Witz an sich. Dass dieses Prinzip über runde einhundert Minuten hinweg überhaupt keine Ermüdungserscheinungen zeigt, ist ebenso verblüffend wie überzeugend, zumal nur ein Bruchteil der Pointen wirklich mit der Natur des lebendigen Stoffbären selber zu tun haben.

In den USA legte „Ted“ für eine Komödie mit R-Rating einen echten Fabelstart hin, was mit großer Wahrscheinlichkeit nicht zuletzt einer hohen viralen Präsenz zu verdanken war. Und auch wenn der Film bei weitem nicht so politisch unkorrekt ist, wie er vorgibt, und sich gegen Ende gar eine gewisse Rührseligkeit erlaubt (der es aber immerhin gelingt, Disneys „Dschungelbuch“ und Scotts „Alien“ miteinander zu vereinen), gehört er doch zum Lustigsten, was das amerikanische Kino seit langem hervorgebracht hat. Dass er zudem ganz nebenbei die DVD-Verkäufe von „Flash Gordon“ ankurbelt, grenzt an echte Realsatire. [LZ]

OT: Ted (USA 2012). REGIE: Seth MacFarlane. BUCH: Seth MacFarlane, Alec Sulkin, Wellesley Wild. KAMERA: Michael Barrett. MUSIK: Walter Murphy. DARSTELLER: Mark Wahlberg, Seth MacFarlane, Mila Kunis, Giovanni Ribisi, Joel McHale, Sam J. Jones, Patrick Stewart, Norah Jones, Laura Vandervoort. LAUFZEIT: 106 Minuten.

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[Abbildungen: Universal Pictures/Tippett Studio/Iloura]

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