Suicide Squad | Filmkritik: Big Shot, Deadshot

23. August 2016

Suicide Squad

Wenn sich eine einzige Erkenntnis aus diesem neuerlichen Ausflug ins Expanded Universe von DC gewinnen lässt, dann diese, dass die Ära, in der Will Smith als letzter Kassengarant Hollywoods gegolten hat, endgültig der Vergangenheit angehört. Und das nicht etwa, weil er mit „After Earth“ (a.k.a. der gescheiterte Versuch, seinem mit überschaubarem Talent ausgestatteten Sohn Jaden ein Franchise zu basteln) nach fast zwei überaus erfolgreichen Jahrzehnten einen üblen Flop gelandet hatte, und auch nicht, weil er die beleidigte Leberwurst spielte, als er für „Concussion“ (noch so ein Flop) keine Oscar-Nominierung bekam. Sondern weil er jetzt – wenn auch mit der meisten Screentime – endgültig in einem Ensemblefilm gelandet ist und weder sein Name noch sein Gesicht auf dem Filmplakat irgendeine erwähnenswerte Rolle spielen. Umso mehr muss man wohl anerkennen, dass ausgerechnet er diese weitere Katastrophe aus dem Hause Snyder vor dem Totalausfall bewahrt.

Dabei gilt: Was stört mich mein Geschwätz von gestern? Denn die Hauptrolle in „Django Unchained“ hatte er eigenem Bekunden nach der Gewalt wegen abgelehnt, die seine Figur aus Rachegründen ausüben sollte. Als „Deadshot“ hingegen – Nomen est Omen im Comic-Universum – spielt er nun einen ebenso vielbeschäftigten wie unfehlbaren Auftragskiller, für den einzig die gute Bezahlung zählt. Und wenn man ihm beim Ausüben seines Jobs so zusieht, kann man angesichts der Vorstellung ganz wehmütig darüber werden, um wie vieles besser Tarantinos Post-Meta-Exploitation-Spätwestern hätte werden können, wäre Big Will damals nicht auf dem Weltverbesserungstrip gewesen. Jetzt muss er sich stattdessen mit antiken Superhexen herumschlagen und menschliche Fackeln zum Brennen motivieren. Das ist keine akzeptable Alternative.

Aber er wäre kaum Will Smith, würde seine Figur nicht gleichzeitig auch einen liebenden Vater abgeben, der nur seiner kleinen Tochter wegen im Hochsicherheitstrakt landet. Und klar, in dem harten Hund steckt natürlich ein Herz aus Gold mit Sinn für Loyalität und Menschlichkeit. Das ist perfekter Nonsens, aber wir befinden uns schließlich in einer breitenwirksamen Comicverfilmung. Ähnliches gilt deshalb auch gleich für die anderen Badass-Figuren, mit denen zusammen Deadshot – eher unfreiwillig – ein Team bilden muss, um besagte Superhexe (mehr CGI als Mensch und ein bisschen Zuul aus dem Original-„Ghostbusters“: Cara Delevingne) davon abzuhalten, na was wohl, der Menschheit den Garaus zu machen. So weit, so gähn.

Suicide Squad

Eine zwielichtige Regierungsbeauftragte (man könnte sagen: „M“ aus der Hölle oder einfach die weibliche Variante von Samuel L. Jackson: Viola Davis) hat dazu einer Handvoll Superschurken mit besonderen Fähigkeiten – „Meta-Wesen“ im Sprech des Films – vorübergehenden Haftfreigang verschafft. Und damit alle auch schön in der Spur bleiben, wird ihnen eine Sprengladung injiziert. Funktionierte bekanntlich schon bei Snake Plissken. Bevor es allerdings dazu kommt, hat uns der Film ausführlich mit der Vorgeschichte der einzelnen Figuren wahlweise bei der Stange gehalten oder genervt, denn auch wenn wir uns freiwillig Unsinn wie diesen ansehen, sind wir als Zuschauer doch nicht gänzlich blöde und wissen, dass der ganze Aufwand in erster Linie dazu dient, uns auf die kommenden Sequels, Prequels und Spin-Offs vorzubereiten.

Genau da verfängt und verheddert sich die ganze Angelegenheit dann aber auch gehörig, denn es gibt offenbar so viel zu erzählen, dass einiges erheblich zusammengestaucht werden musste und selbst erklärende Schrifttafeln viel zu schnell wieder verschwinden, um sie wirklich zuende lesen zu können. Vielleicht ist die Hektik das Ergebnis von Testvorführungen, vielleicht aber auch ein kalkulierter Trick, damit man bloß nicht in die Verlegenheit gerät, über irgendetwas nachzudenken und dabei in ein tiefes Plotloch zu stürzen. Mag alles sein. Andererseits: Ein „Extended Cut“ in der DVD- und Blu-Auswertung wurde bereits im Vorhinein angekündigt und so kann man durchaus den Eindruck haben, im Kino absichtlich nur eine Teaser-Fassung serviert zu bekommen (ähnlich beim inhaltlichen Vorgänger „Batman v Superman“). Dass dabei ein Seitenstrang um den Joker, dem Jared Leto eine nicht uninteressante Interpretation abzugewinnen scheint (tja, so ungewiss muss man da schon formulieren), wie ein Fremdkörper wirkt, muss vor diesem Hintergrund wenig wundern.

Suicide Squad

„Suicide Squad“ wirkt, als hätte man versucht, mehrere Filme – mindestens vier oder fünf – so lange an allen Ecken und Enden zu stutzen, bis sie in einen einzigen hineinpassen. Für einen TV-Piloten geht das durch, auf der Kinoleinwand stellt sich hingegen eher Frust ein. Marvel war clever genug, mit seinen „Avengers“ den umgekehrten Weg zu gehen und erst eine Reihe von Solo-Superheldenfilmen zu lancieren, die auf den Zusammenschluss hinarbeiteten. DC hat da schlicht den Anschluss verpasst (nicht zuletzt wegen der „Dark Knight“-Trilogie, die zeitlich praktisch im Weg stand) und versucht nun, mit eigenen Ensemble-Konstellationen nachzuziehen. Das Hauptproblem dabei heißt aber vermutlich Zack Snyder.

Statt an die fest in der Realität verwurzelte Superhelden-Erzählung Christopher Nolans anzuknüpfen, scheinen Snyder/DC ihr Heil eher im bunt auftrumpfenden Batman-Universum von Joel Schumacher („Batman Forever“, „Batman & Robin“) zu suchen, erweitert freilich um die unvermeidlichen CGI-Orgien, ohne die mittlerweile kein Blockbuster mehr auskommt. Wieviel von David Ayer in „Suicide Squad“ steckt, ist schwerlich auszumachen, denn mit dessen früheren Arbeiten („Training Day“, „End of Watch“) hat dieser Film herzlich wenig zu tun. Snyder hingegen ist allgegenwärtig in der Herrschaft von Form über Inhalt – von der unsäglichen, durch und durch klischeegetränkten Musikauswahl, die so typisch ist für ihn, will man lieber gar nicht anfangen (da braucht es nicht erst ein gigantisches Smiley-Gesicht irgendwo in einer Schaufensterdekoration, um unangenehm an seine „Watchmen“-Verfilmung erinnert zu werden).

Der Ton schwankt in einem Maße zwischen ernst und albern, wie man es sonst nur aus dem chinesischen Action-Kino kennt, und manches bewegt sich gar jenseits von beidem. Ob etwa Margot Robbies Darstellung der Joker-Geliebten Harley Quinn wirklich so brillant ist, wie viele meinen, oder doch eher schlichtes Overacting, muss die Tagesform des Zuschauers entscheiden. Als nächstes steht „Justice League“ auf dem Programm und es sollte niemanden überraschen, dass wir daran in einer Post-Credit-Sequence erinnert werden. Auf dem Regiestuhl sitzt dann wieder Zack Snyder himself. Das kann man nicht gut finden. [LZ]

OT: Suicide Squad (USA 2016). REGIE: David Ayer. BUCH: David Ayer. MUSIK: Steven Price. KAMERA: Roman Vasyanov. DARSTELLER: Will Smith, Margot Robbie, Viola Davis, Jay Hernandez, Jared Leto, Cara Delevingne, Jai Courtney, Adewale Akinnuoye-Agbaje, Common, Joel Kinnaman, Karen Fukuhara, Ike Barinholtz, Scott Eastwood, Ben Affleck. LAUFZEIT: 123 Min.

Suicide Squad | Filmplakat

[Abbildungen: © 2016 Warner Bros. Entertainment Inc. and Ratpac-Dune Entertainment LLC, Photo Credits: Clay Enos / TM & © DC Comics]

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