Sucker Punch | Filmkritik

02. April 2011

Review: Sucker Punch

Ein ganzes Jahr im Voraus hat man bei Warner für diese uferlose Bilderfantasie die Werbetrommel gerührt und in den letzten Wochen vor Filmstart gar einen echten medialen Overkill eingeleitet. Dass man damit trotz der eher mäßigen Einspielergebnisse, die „Watchmen“ und „Legende der Wächter“ generiert haben, ungerührt an der Marke Zack Snyder festhält, muss wohl immer noch eine Nachwirkung des Fabelerfolgs von „300“ sein. Ihm gleich auch noch das nächste „Superman“-Reboot in die Hand zu drücken, lässt so manchen Fanboy nach den ersten Reaktionen auf „Sucker Punch“ und einem unbefriedigendem Startwochenende Schlimmes befürchten – vielleicht zu Unrecht. Denn Snyders ziemlich entfesselter Korsett- und Manga-Nonsens ist gar nicht so schlecht wie sein Ruf.

Filmkritik: SUCKER PUNCH
Tanzt, sonst sind wir verloren.

Die visuelle Verweigerung ist im Kino entweder ein Privileg der Avantgarde (die aller Erwartungshaltungen die kalte Schulter zeigt), eine Strategie des Horrorfilms (weil der Schrecken im Kopf allem Gezeigten immer überlegen ist) oder die Folge eines zu knapp bemessenen Budgets. Im Fall von „Sucker Punch“ hat das Nicht-Zeigen allerdings eher damit zu tun, dass der Film den Mund ganz schön voll nimmt. Hauptfigur Baby Doll nämlich, so will es die Erzählung, soll in der Lage sein, hypnotische Tänze aufzuführen, die den Zuschauer alles andere um ihn herum vergessen lassen. Doch in den Genuss eines Beweises für diese Behauptung kommt nur, wer auch Teil des Geschehens auf der Leinwand ist. Alle anderen müssen sich mit aufwendig durchgestylten CGI-Szenarien zufrieden geben, in denen die Choreographie durch Schwerter und Schusswaffen ersetzt wird. Bei Zack Snyder ist Tanz also offenbar eine durchaus kriegerische Angelegenheit.

Wie im Märchen beginnt die Geschichte mit dem Tod der Mutter und einem bösen Stiefvater, der den beiden Waisenmädchen bereits am Sterbebett ein düsteres Versprechen macht. Missbrauch und Gewalt kulminieren schon wenige Schnitte später in einer Katastrophe. Das ältere der beiden Mädchen landet in der Psychiatrie, wo ein finsterer Deal ihre Lobotomie besiegelt, die alle Erinnerung für immer auslöschen soll. Doch bevor es dazu kommen kann, träumt sich Baby Doll – so nennt sie sich fortan – in ein fiktives Szenario, das sie und die anderen Anstaltsinsassen in Tänzerinnen und Zwangsprostituierte eines Burlesque-Theaters verwandelt. Gewillt, ihrem Schicksal zu entkommen, schmiedet Baby Doll zusammen mit den anderen Mädchen einen waghalsigen Fluchtplan. Doch um diesen durchführen zu können, müssen sie ein seltsames Paralleluniversum betreten, um dort gegen überdimensionale Samuraikrieger, Nazi-Zombies und Riesendrachen anzutreten. Doch die Dinge entwickeln sich rasch ganz anders als erhofft.

Sucker Punch

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David Lynch hat bei Gelegenheit einmal auf die ihm eigene rätselhaft-spinnerte Weise behauptet, seine Metempsychose-Fantasie „Lost Highway“ müsse man so verstehen, als würde man in einem Song von David Bowie aufwachen. Zack Snyder hat offenbar einen ähnlichen Gedanken gehabt und ihn ausgesprochen wörtlich genommen. Denn wenn sich seine Heldinnen als fulminante Kriegerinnen in eine Fantasiewelt zwischen Steampunk, Weltkriegszirkus und Martial Arts hineinflüchten, werden sie wahlweise von Björk, den Stooges oder den Beatles (bzw. deren Covervarianten) begleitet, die dem Rhythmus der Bilder und der Logik des Geschehens ihren eigenen Stempel aufdrücken.

Aber auch sonst trägt „Sucker Punch“ die Grundtendenz zum Musical in sich, dessen einzelne Nummern direkt der Psyche der Figuren zu entstammen scheinen. Sonderlich subtil läuft das alles nicht ab, und nicht umsonst mag man sich vage an Baz Luhrmans „Moulin Rouge“ erinnert fühlen (Marius De Vries sorgte auch hier für die passende Mashup-Balance). Wenn über die fulminante Eröffnungssequenz ein bedrohlicher Hauch von „Sweet Dreams“ der Eurythmics mit der Stimme von Hauptdarstellerin Emily Browning (und im gedehnten Takt der Manson-Version) hinwegschwebt, ist das durchaus von beunruhigender Schönheit. Führt jedoch am Schluss eine Fahrt ausgerechnet ins „Lennox (sic) Hospital for the Mentally Insane“, so wird der plakative Zitationszug durch die Pop- und Geekkultur, den Snyders Film von der ersten bis zur letzten Minute praktiziert, in seiner ganzen Oberflächlichkeit sichtbar. Wer das mitmachen will, ist am richtigen Ort. Alle anderen halten sich besser fern.

Sucker Punch

Warum „Sucker Punch“ bei der US-Kritik gnadenlos durchfiel, hat vermutlich vor allem damit zu tun, dass von diesem Filmemacher weiterhin mehr erwartet wird, als er liefern kann und will. Dass er ein merkliches Talent besitzt, beeindruckendes Bildmaterial irgendwo zwischen Graphic Novel und Videospiel zu produzieren, kann ihm niemand absprechen. Den Beweis, dass er auch als eigenständiger Erzähler taugt, ist er bislang schuldig geblieben, und daran ändert auch „Sucker Punch“ nichts. Die Figuren bleiben im Wesentlichen blass und bieten nicht genügend Identifikationspotential, um beim Zuschauer tiefergehendes Interesse zu wecken, und jeglicher Subtext erschöpft sich in Banalitäten, Anachronismen oder Referenzspielereien.

Übrig bleibt audiovisuell ausgesprochen detailliert durchgestyltes Eye Candy, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Das war nicht anders bei Frank Millers „300“ und schon gar nicht bei den auf ihr rein visuelles Potential heruntergebrochenen „Watchmen“. Der entscheidende Unterschied hier ergibt sich diesmal lediglich dadurch, dass Snyder erstmals ohne Fremdvorlage arbeitet und anstelle einer originalgetreuen Nachinszenierung auf die eigenen Storyboards setzen muss. Dass „Sucker Punch“ trotzdem wie eine Comicverfilmung aussieht und auch so funktioniert, kann niemanden wundern.

Sucker Punch

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Will man sich über die Dramaturgie ärgern, wird man reichlich Ansätze finden, doch wozu eigentlich? Die Spielerei mit drei Realitäts- oder Fantasieebenen ist mehr oder weniger willkürlich und hat weder die schlüssige interne Logik von „Inception“, noch die Radikalität der Realitätsverleugnung von „Fight Club“ vorzuweisen. Andere Beispiele mögen einem in Dutzenderschritten einfallen. Wenn Baby Doll in ihrer eigenen Vorstellungswelt von einer Bewusstseinsschicht zur nächsten hinabtaucht, ist das vor allem ein erzählerisches Mittel, um möglichst aufwendig gestaltete Bilderwelten zu konstruieren. Eine oberste, reale Ebene gibt es zu keinem Zeitpunkt, und so beginnt der Film auch konsequent als theatrale Inszenierung. Das ist nicht schwer zu verstehen und weder allzu genau durchdacht, noch sonderlich komplex strukturiert.

Man kann einige Beobachtungen machen, die das Potential besessen hätten, der Geschichte die eine oder andere gedanklich interessante Note zu verschaffen, doch gehen diese allesamt im wilden Bilderreigen eher unter und bleiben Sackgassen und lose Enden. Dass Baby Doll etwa kein Wort onscreen spricht, bevor sie die unterste Fantasieebene erreicht hat. Dass eine unmittelbare Verbindung zwischen ihr und Sweet Pea (vielleicht ihr Alter Ego?) aufkeimt, wenn sich die beiden das erste Mal in die Augen sehen. Oder dass der Blick durch ein Schlüsselloch dasjenige Verbrechen zeigt, das später die Jagd nach dem wichtigsten Artefakt, einem Schlüssel, erst begründet – die Aufzählung ließe sich beliebig erweitern. „Sucker Punch“ bietet eine Menge motivisches Material, das selten weiter- und nie zuende gedacht wird. Stattdessen begnügt sich der Film mit einer Handvoll Konstruktivismus für Siebtklässler, der sich mit einem stolzen „Think about it“ gegen Ende für besonders raffiniert hält.

Ganze 15 Minuten soll Snyder dem PG-Rating geopfert haben, und selbstredend wird bereits ein Director’s Cut auf DVD und Blu-ray versprochen, der (vermeintlich) auf keine Vorgaben seitens des Studios mehr Rücksicht nehmen muss (eine mittlerweile äußerst gängige Marketing-Strategie). Dass sich damit an der Grundstruktur des Films auch nur das Geringste ändert, darf man getrost bezweifeln. Das alles macht „Sucker Punch“ nicht zu einem schlechten Film. Zack Snyder jedoch beharrlich zum Visionär zu erklären, ist eine so gewaltige Marketing-Übertreibung, dass der Schuss zwangsweise nach hinten losgehen muss. Denn was es hier auf der Leinwand zu sehen gibt, kennt der Kern des Zielpublikums ohnehin längst von der heimischen X-Box. [LZ]

OT: Sucker Punch (USA 2011). REGIE: Zack Snyder. BUCH: Zack Snyder, Steve Shibuya.  KAMERA: Larry Fong. MUSIK: Tyler Bates, Marius De Vries. DARSTELLER: Emily Browning, Abbie Cornish, Jena Malone, Vanessa Hudgens, Jamie Chung, Oscar Isaac, Jon Hamm, Carla Gugino, Scott Glenn. LAUFZEIT: 110 Minuten.

Sucker Punch: Trailer

Sucker Punch: Die ersten 5 Minuten des Films

Sucker Punch

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