TASTE: Stuart Gordon bringt den Kannibalen von Rothenburg auf die Bühne und ins Kino

02. Juli 2012

Stuart Gordon

Den Zombies sei Dank: Mit dem anhaltenden Siegeszug der Untoten erfährt auch das Subgenre des Kannibalenfilms derzeit einen wachsenden Zulauf. Die inhaltliche Spannweite ist dabei denkbar weit ausgerichtet. So etwa hatte der Mexikaner Jorge Michel Grau 2010 mit „Somos lo que hay (dt. Wir sind was wir sind)“ ein beeindruckendes Spielfilmdebüt abgeliefert, das in erste Linie als Sozialsatire funktionierte und derzeit unter der Regie von Jim Mickle („Stake Land“) einem US-Remake unterzogen wird. Eli Roth nimmt sich des Themas demnächst mit „The Green Inferno“ an und verspricht einige Tabubrüche. Stuart Gordon hingegen will direkt mal einen realen Fall auf die Leinwand bringen, und zwar einen, der vor allem dem deutschen Publikum gut bekannt ist.

Die unappetitlichen Details hatten 2001 eine Weile lang die Gazetten in Aufruhr versetzt und eine Menge arg verlogenen Voyeurismus bedient. Inzwischen ist der Fall praktisch vergessen, doch das könnte sich mit Gordons Film rasch wieder ändern. Der von der Sensationspresse zum „Kannibalen von Rothenburg“ erklärte Armin Meiwes hatte damals eine Internet-Bekanntschaft auf eigenen Wunsch getötet und verzehrt. Dass zuvor bereits gemeinsam Fleisch des Opfers gegessen worden war, verlieh der Angelegenheit einen zusätzlichen Freak-Faktor, der sich für Exploitation-Zwecke geradezu aufdrängte.

Früh machten Adaptionspläne die Runde, doch die rechtliche Lage hatte ihre Tücken. Unter dem Titel „Mein Teil“ veröffentlichten Rammstein eine musikalische Ausschlachtung des Falls und konnten sich trotz Einspruch auf die Kunstfreiheit berufen. „Grimm Love (dt. Rothenburg)” mit Thomas Kretschmann in der Hauptrolle blieb bis heute die einzige Filmversion. Meiwes Anwälte konnten den Vertrieb auf deutschem Boden zwar vier Jahre lang aufschieben, gänzlich verhindern ließ sich die Sache jedoch nicht.

Das von Benjamin Brand unter dem Titel „Taste“ verfasste Theaterstück, auf dem Gordons Film laut Variety jetzt beruhen wird, spielt zwar in Los Angeles, doch die realen Ereignisse und Personen bleiben im Wesentlichen dieselben. Hierzulande könnte das eine weitere juristische Auseinandersetzung bedeuten. Zunächst allerdings soll es eine Bühnenfassung geben, bei der Gordon ebenfalls Regie führen wird. Danach erst will er sich dann mit identischer Besetzung an die Leinwandversion machen.

Bekannt ist Stuart Gordon vor allem durch seine Lovecraft-Adaptionen „Re-Animator“ und „From Beyond“. Dass seine Ursprünge allerdings im Theater liegen, mag vielfach eher überraschen. Ende der 60er Jahre war er mit seinem eigenen Ensemble durch die USA und Europa getourt, bevor er sich Mitte der 80er aufs Filmemachen konzentrierte. Mit einer Aufführung von „Sexual Perversity in Chicago“ trug Gordon 1974 wesentlich zum Durchbruch von David Mamet bei, dessen Bühnenstück „Edmond“ er 2005 mit William H. Macy und Julia Stiles in den Hauptrollen verfilmte.

Wer regelmäßig bei Joe Dantes Online-Filmschule „Trailers from Hell“ vorbeischaut, hat möglicherweise schon einmal Gordons Interesse am Kannibalengenre aufleuchten sehen. Für alle anderen gibt es hier seine Einführung zu „Cannibal Holocaust“ zu sehen, Ruggero Deodatos schwer verdauliche Geburtsstunde des Found-Footage-Films.

Cannibal Holocaust

[Abbildungen: Trailers from Hell (Screencaptures)]

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