Steven Soderbergh zeigt Indiana Jones in Schwarzweiß und mit elektronischem Soundtrack

23. September 2014

Raiders of the Lost Ark | Steven Soderbergh

Wer versucht, eines der unberechenbarsten Chamäleons des US-Kinos der Gegenwart zu kategorisieren, muss im Grunde schon scheitern, bevor er begonnen hat. Steven Soderbergh macht von jeher, was er will. Momentan hat er sich gänzlich vom Kino ab- und dem Fernsehen zugewendet. Nebenbei bietet er auf seiner Homepage „Extension 765“ seltsames Merchandising zu seinen Filmen an und stellt filmtheoretische Postings online. Skurriler Höhepunkt ist aktuell eine von ihm erstellte schwarzweiße Stummfilmversion von „Jäger des verlorenen Schatzes“ mit einer musikalischen Begleitung, die sich auch gut in einem Giallo oder Nintendo-Game machen würde (tatsächlich aber aus „The Social Network“ stammt). Welche Idee hinter der ausdrücklich nur zu Studienzwecken erstellten Fassung steht, erläutert er ausführlich in eigenen Worten, die wir hier auszugsweise übersetzt haben.

„Ich vermutete, der Begriff Inszenierung stammt aus der Theaterwelt, aber sie ist in der Filmwelt genauso zuhause (und nützlich), denn er bezieht sich (grob definiert) darauf, wie all die unterschiedlichen Elemente einer Szene oder eines Stücks ausgerichtet, arrangiert und angeordnet werden. Im Film fügt die Funktion des Schnitts etwas Einzigartiges hinzu: die Möglichkeit, einen visuellen (oder narrativen) Gedanken bis an die Grenzen der eigenen Vorstellungskraft zu erweitern und/oder auszudehnen [...]

Ich schätze die Fähigekit zu einer guten Inszenierung sehr, denn wenn sie gelingt, ist das Vergnügen am Ergebnis riesengroß, doch die meisten sind darin nicht besonders gut – was bedeutet, dass es nicht einfach sein kann (es ist beängstigend, wie viele Fehler man in einer Sequenz oder Gruppe von Szenen machen kann. Überall Minenfelder. Fincher hat es auf den Punkt gebracht: Es gibt vermutlich hundert unterschiedliche Arten, etwas zu drehen, aber am Ende sind es dann tatsächlich doch nur zwei, und eine von ihnen ist die falsche). Natürlich ist es für den Regisseur ebenso wichtig, die Geschichte, die Figuren und die Darstellung zu verstehen, aber ich gehe von der Prämisse aus, dass ein Film auch ohne Ton funktionieren sollte, und unter dieser Voraussetzung hat Inszenierung Priorität [...]

Ich will nun, dass Sie sich diesen Film ansehen und dabei nur auf die Inszenierung achten, darauf, wie die einzelnen Einstellungen aufgebaut und ausgeführt sind; nach welchen Regeln Bewegung vollzogen wird; was die Schnittmuster sind. Versuchen Sie, den Gedankenprozess zu rekonstruieren, der zu den jeweiligen Entscheidungen geführt hat, indem Sie sich fragen: Warum ist jede Einstellung [...] genauso lang, wie sie eben ist, und warum in exakt dieser Reihenfolge angeordnet? Könnte Spaß machen, oder? Macht es nämlich. Mir jedenfalls. Oh, und ich habe Ton und Farbe entfernt. Stattdessen gibt es einem eigenen Soundtrack, der Ihnen helfen soll, lediglich die visuelle Inszenierung zu studieren [...]

Ab einem bestimmten Punkt werden Sie zu sich selbst oder jemand anderem sagen: Das sieht ja fantastisch aus in Schwarzweiß! und das ist deshalb so, weil Douglas Slocombe The Lavender Hill Mob [Dt. Das Glück kam über Nacht] und The Servant [dt. Der Diener] fotografiert hat und sein schroffer, kontrastreicher Beleuchtungsstil ganz unabhängig vom jeweiligen Film einfach ins Auge sticht.“

Originalposting und Soderberghs Filmversion finden sich unter:
extension765.com

[Abbildung: Screencapture | Deutsche Übersetzung (c) screenread.de]

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