Steven C. Miller verschwendet kein Filmmaterial | Interview mit dem Regisseur von THE AGGRESSION SCALE (deutsche Fassung)

12. Februar 2013

Steven C. Miller

Während ihn vor 2012 noch kaum jemand auf dem Schirm hatte, drückte Steven C. Miller dem Maya-Jahr am Ende doch einen deutlichen Stempel auf – oder eigentlich gleich drei davon. Mit nur wenigen Wochen Abstand erschienen „The Aggression Scale“, „Under the Bed“ und „Silent Night“ auf dem Markt und richteten die Aufmerksamkeit auf den gerade einmal 31-jährigen Regie-Newcomer aus Georgia. Mit rasantem Tempo am Set und einer Redegeschwindigkeit, die Scorsese und die Gilmore Girls alt aussehen lassen, verschwendet Miller weder Zeit noch Filmmaterial. Mit uns diskutierte er seine Herangehensweise, die Arbeit mit echten Legenden, Einschränkungen beim Fernsehen, Remakes und warum seine Tochter manchmal ziemlich unheimlich ist.

screen/read: Beim ersten Ansehen Deines Films fiel mir spontan ein passender Claim ein, auf den ich ziemlich stolz war: „’Kevin allein zu Haus’ auf Acid“. Später las ich dann ein paar Kritiken und kam mir vor wie ein kompletter Vollidiot, denn so ziemlich jeder nutzte in etwa diese Formulierung. Hast Du selber in diese Richtung gedacht?

Steven C. Miller: Auf jeden Fall. Als ich das Drehbuch das erste Mal las, war es noch irgendwie anders, und dann fing ich an, dieses gewisse Element von „Kevin allein zu Haus“ weiter auszudehnen. Die Grundzüge waren schon da, aber mir war es noch nicht nah genug an dem, was ich haben wollte. Ich mag Kinderfilme, die sich mit Problemen von Erwachsenen beschäftigen, und die 80er und 90er hatten einiges in dieser Art zu bieten. Für mein Empfinden hatten wir in diesem Fall die Gelegenheit, das wieder aufzugreifen, zugleich aber viel aggressiver zu sein als es diese Filme jemals waren. Wir haben einfach versucht, das Ganze auf eine andere Ebene zu bringen. Eigentlich war ich überrascht, dass das zuvor noch nie jemand probiert hatte, und so war der Versuch für mich noch viel aufregender als ohnehin schon.

screen/read: Genau wie in „Kevin allein zu Haus“ ist die Hauptfigur auch in Deinem Film ein kleiner Junge. Mit Kindern vor der Kamera zu arbeiten, ist sicher immer eine Herausforderung. Wie war die Erfahrung mit Ryan Hartwig – der übrigens absolut aussieht wie ein junger Dexter Morgan?

Steven C. Miller: [lacht] Es hat viel Spaß gemacht mit ihm. Glücklicherweise hatte ich kurz zuvor gerade „Under the Bed“ gedreht und war so an die Arbeit mit Kindern gewöhnt, denn der Film bestand nur aus Kindern. Und Ryan war fantastisch, aber auch seine Eltern verhielten sich großartig. Also war es wirklich leicht, einfach loszulegen und Spaß zu haben. Ich habe jede Menge Anstarr-Wettbewerbe mit ihm durchhalten müssen, um Wege zu finden, Emotionen mit Augen und Mimik, aber ohne Worte auszudrücken, weil seine Figur ja nicht spricht. Es ging darum, das Publikum zum Mitfühlen zu bewegen und herauszubekommen, wie das gelingen könnte. Es war cool, das gemeinsam mit ihm zu erarbeiten. Und am Set war er wirklich professionell, aber trotzdem auch ein Kind, das Spaß hatte. Also war es für mich gar nicht schwierig, aber wir hatten auch nicht viel Zeit, und wie jeder andere auch gehörte Ryan zu denjenigen, die einfach am Set waren und ihren Job machten. Für den Dreh hatten wir 12 Tage, also gab es nicht viel Zeit, etwas anderes zu denken als: Lass uns diesen Film machen!

The Aggression Scale

screen/read: 12 Tage ist eine ziemlich knappe Planung. Ich schätze, da hattet ihr nicht viel Zeit zum Proben.

Steven C. Miller: Überhaupt nicht. Es gab immer nur ein bis zwei Takes. Aber ich denke, da zahlt sich meine Herkunft aus. Ich habe als Cutter angefangen. Wenn ich also mit einem Film beginne, habe ich ihn im Kopf schon geschnitten. Es gibt kaum ungenutztes Material. Ich bin sehr akribisch, was die Zahl der Einstellungen betrifft, weil immer dann, wenn ich das Gefühl habe, dass wir etwas nicht verwenden werden, ich es auch gar nicht erst drehe. So ist also alles ziemlich genau geplant und wir hatten nicht viel Zeit für irgendwelche Proben. Es war mehr so, dass wir uns einigten, wie wir etwas machen wollten, und dann machten wir es einfach.

screen/read: Mit den digitalen Möglichkeiten ist so eine Vorgehensweise für einen Filmemacher ja eher ungewöhnlich. Betrachtest Du es als Zeitverschwendung, Aufnahmen zu machen, die Du gedanklich nicht bereits für den Film vorgesehen hast?

Steven C. Miller: Tue ich. Es ist so, dass eine Menge der Probleme am Set daher rühren, dass es die Schauspieler frustriert, dieselbe Sache immer und immer und immer wieder machen zu müssen. Vor allem bei diesen Kleinproduktionen will man seine Crew und seine Schauspieler ja zufrieden stellen und bei Laune halten. Sie kriegen nicht viel Geld, und da will ich, dass sie wenigstens eine gute Zeit haben. Und ich will nicht, dass das Tempo nachlässt. Für mich ist es also wichtig, nicht an einer Szene hängen zu bleiben, nur weil ich vielleicht denke, sie könnte cool sein.

The Aggression Scale | DVD / Blu-ray

screen/read: Du musst ein ziemlich schneller Arbeiter sein, wenn Du zwei Filme nahezu direkt nacheinander gedreht hast. Ist das Deine Art, an Dinge heranzugehen?

Steven C. Miller: Ja, da gibt es etwas am schnellen Filmemachen, das ich mag, und ich kann das eben auch irgendwie gut. Wir machen diese Filme mit einem geringen Budget, und sie dann nach großem Kino aussehen zu lassen, das ist für mich eine Herausforderung. Außerdem, wenn ich nur 10 bis 17 Tage habe, einen Film zu machen, dann mache ich eben so viele Filme wie möglich. Aber ich mag ein hohes Tempo auch im Allgemeinen. Und immer dann, wenn ein Film eine gewisse Geschwindigkeit hat, spricht mich das an. Ich denke auf jeden Fall, dass ich immer ein hohes Tempo vorlege, und dass alles an mir mit Geschwindigkeit zu tun hat. Ich glaube, ich werde einfach naturgemäß von Actionfilmen angezogen.

screen/read: Der Film selber legt eine ziemlich hohes Tempo und verliert über seine gerade mal 85 Minuten hinweg nie an Geschwindigkeit, aber man bekommt auch nicht das Gefühl, irgendetwas nicht mitbekommen zu haben.

Steven C. Miller: Das hat im Wesentlichen damit zu tun, wie ich die Aufmerksamkeitsspanne des Publikums sehe und welchen Typus von Publikum ich erreichen will. Man muss die Kids da draußen berücksichtigen, die sich nur noch zweiminütige YouTube-Videos ansehen, und damit muss man konkurrieren. Man muss damit konkurrieren, dass sie unmittelbar entscheiden, ob sie mehr von etwas sehen wollen oder nicht. Ein Film wie dieser muss nicht länger sein als er ist. Man bringt die Story rüber, die Figuren und ihre Handlungsbögen, und wenn man dabei das Tempo aufrecht erhalten kann, hat man was Besonderes in der Hand.

Aggression Scale

screen/read: Zuvor hast Du auch eine Reihe von Musikvideos gemacht, richtig?

Steven C. Miller: Ja, und da habe ich vermutlich das Finetuning für meinen Stil des Filmemachens her, also dieser aggresse Ansatz auf der einen und der cineastische auf der anderen Seite. Im Grunde ist „The Aggression Scale“ fast so eine Art Kurzfilm, wo man in schnellen fünf oder sechs Minuten alles reinbekommen und zugleich das Publikum unterhalten muss. Für mich hat es sich wirklich wie ein großer Kurzfilm angefühlt. Ich musste die Story, die Figuren und das Publikum ganz schnell zusammenbringen. Dabei war es spannend, die Zuschauer mit dem Gefühl zurück zu lassen, dass sie eigentlich mehr sehen wollen, zugleich aber ein perfektes Ende bekommen. Und das ist der Trick bei der Sache.

screen/read: Das Ende ist ziemlich pointiert, bietet andererseits aber auch die Option für ein interessantes Sequel. Ist das etwas, was Du gerne machen würdest?

Steven C. Miller: Unbedingt. Ich bin sicher, dass es eine Menge Möglichkeiten für diese Kids gibt, zu ikonischen Charakteren zu werden. Die Frage ist lediglich, ob sich eine Fortsetzung rechnet und eine Fanbase da ist. Ich denke, wir werden in den nächsten Monaten abschätzen können, ob sich das für die Investoren finanziell lohnen würde.

screen/read: Apropos die Kids in Deinem Film: Interessanterweise ist der Topos der bösen Kinder im Horrorfilm der letzten Jahre wieder recht populär geworden. Die Hauptfigur in „The Aggression Scale“ und vielleicht auch seine Schwester passen in gewissem Sinne ebenfalls in diese Kategorie. Hast Du eine Erklärung für die gegenwärtige Beliebtheit des Motivs?

Steven C. Miller: Keine Ahnung, ich denke, das ist eine Art Welle. Im Horrorkino gibt es immer irgendwelche Phasen. In den späten 70ern, frühen 80ern waren Filme wie „The Omen“ sehr beliebt, in den 90ern hat sich das auf Teenager verschoben, und jetzt ist man eben wieder bei Kindern. Aber Kinder waren schon immer unheimlich [lacht]. Sie machen halt unheimliche Sachen. Wenn ich da etwa an meines Tochter denke, da wache ich manchmal mitten in der Nacht auf und sie starrt mich einfach nur an. Das ist schon ziemlich gruselig.

Silent Night

screen/read: Kommen wir zu etwas anderem, was auch ziemlich gruselig sein kann: Remakes. Mit „Silent Night“ hast Du Dich gerade auf diesem Gebiet ausprobiert. Nun hat die Horror-Gemeinde im Normalfall ja einen ausgeprägten Beschützerinstinkt und ist mit Remakes nur selten glücklich. Erfreulicherweise konnte Dein Film aber eine Menge Lob und positive Kritiken einfahren. Hattest Du Angst vor den Reaktionen der Fans, als Du mit dem Film anfingst?

Steven C. Miller: Aber hundertprozentig! Vor allem, weil ich selber kein Fan von Remakes bin. Wenn man es mit einem Remake zu tun hat, geht man schon im Vorhinein mit der Idee daran, dass die Leute den Film hassen werden. Oder zumindest sehen sie ihn mit einer vorgefertigten Meinung, denn so sind die Leute eben bei Remakes. Also bin ich von der Möglichkeit ausgegangen, dass sie meinen Film nicht mögen würden, hatte aber zugleich das Gefühl, dass es erlaubt wäre, das Original noch einmal neu anzugehen, denn offen gesagt, ist es nicht gerade der bedeutendste Film aller Zeiten. Wenn man sich den Film heute noch einmal anschaut, sieht man schon, dass das eben nicht „The Evil Dead“ ist. Es hat sich da über die Zeit hinweg zwar eine Fanbase gebildet, aber ich hatte nicht das Gefühl, dass ich wirklich jemandem auf den Schlips treten würde. Und beim Lesen des Drehbuchs zeigte sich eben auch, dass es keine eins-zu-eins-Kopie werden würde, sondern schon einen anderen Ansatz haben würde, und so soll es ja auch bestenfalls sein. Ein Remake sollte seine eigenen Wege einschlagen und nicht versuchen, derselbe Film zu sein. Und das mochte ich eben an der Idee.

screen/read: Die Hauptrolle in diesem Film spielt mit Malcolm McDowell ein legendärer Schurkendarsteller, der in den letzten Jahren so etwas wie eine Horrorfilmikone geworden ist. Wenn Du mit jemandem wie ihm arbeitet oder im Fall von „The Aggression Scale“ mit Ray Wise, mit Leuten eben, die man unmittelbar mit einer ganzen Handvoll einprägsamer Charaktere assoziiert, betrachtest Du sie dann als Kulminierung all dieser Alter Egos hinter einem bekannten Gesicht, oder abstrahierst Du davon?

Steven C. Miller: Ich denke, man sieht all diese Charaktere zwangsweise, und ich habe so viele Filme konsumiert, dass ich immer an eine oder zwei Figuren im Speziellen denke. So ist es dann interessant, diese spezielle Figur in dem Schauspieler zu sehen und herauszufinden, was für ein Charakter er wohl in meinem eigenen Film sein wird. Es macht Spaß, mit diesen Leuten zu sprechen und darüber zu diskutieren, was diesmal anders sein könnte als bei früheren Rollen. Oder auch ähnlich. Das ist das Interessante an der Arbeit mit diesen Jungs, aber bei dem Kaliber, das sie haben, lässt man sie am Ende sowieso machen, was sie wollen. Und ich denke, man kann auf der Leinwand sehen, dass sie Spaß daran hatten, die jeweilige Figur auf ihre eigene Weise zu spielen.

screen/read: Neben Ray Wise hast Du auch Dana Ashbrook in „The Aggression Scale“, beides „Twin Peaks“-Veteranen. Bist Du ein Fan?

Steven C. Miller: Oh, ich und mein Produzent Travis Stevens lieben „Twin Peaks“. Ich bin ein sehr großer Fan von Ray und Dana, und so habe ich mir gedacht, es wäre interessant, sie beide wieder zusammen im Ring zu haben, auch wenn es nur für ein paar Minuten sein würde. Es war cool, sie gemeinsam in einem Raum zu haben und zu sehen, was sie immer noch für eine Chemie haben, wie sie miteinander arbeiten und sich an die alten Sachern erinnern, die sie zusammen gemacht haben.

Scream of the Banshee

screen/read: Bislang hast Du drei Kinofilme gemacht, aber mit „Scream of the Banshee“ auch schon fürs Fernsehen gearbeitet. War die Erfahrung in den jeweiligen Medien eine andere, und würdest Du sagen, dass TV Deinem Arbeitstempo eher entgegenkommt?

Steven C. Miller: Ja, ich denke, das funktioniert da wirklich ziemlich gut. Trotzdem war es für mich schwierig, beim Fernsehen zu arbeiten, weil es da mehr Kontrolle und mehr Richtlinien gibt. Da sind einfach mehr Vorgaben als beim Kino, wo ich wesentlich expressiver arbeiten kann. Die Bilder sind viel intensiver, und das gefällt mir einfach. Das Problem, das ich mit dem Fernsehen hatte, war die Gewalt. Ich hatte manchmal schlicht vergessen, dass ich fürs TV arbeitete und habe einfach so gedreht, als wäre ich völlig unabhängig, und deshalb wurde nachher eine Menge rausgeschnitten.

screen/read: Was aus heutiger Sicht ja eigentlich eher überrascht. Denkt man an Beispiele wie „The Walking Dead“, dann sieht es ja eher nicht so aus, als hätte sich da jemand zurückgehalten.

Steven C. Miller: Das stimmt schon. Ich denke, wenn wir über Serien wie diese reden, liegen die Dinge einfach anders. Ich habe „Scream of the Banshee“ vor drei oder vier Jahren gedreht, und das Fernsehen hat sich seitdem radikal verändert. Sogar im Mainstream-TV ist Gewalt etwas akzeptabler geworden. Das ist ein Umstand, der mich in Zukunft vielleicht wieder anziehen könnte. Ich würde liebend gerne an „The Walking Dead“ arbeiten oder an der „Zombieland“-Serie, die jetzt wohl in Arbeit ist. Ich denke, da ist eine Menge Gelegenheit für Filmemacher wie mich, etwas wirklich Cooles abzuliefern.

The Aggression Scale | DVD / Blu-ray

screen/read: Was sind Deine nächsten Pläne? Du hast 2013 noch keinen Film gedreht, was bei Deinem Tempo ja eher ungewöhnlich ist.

Steven C. Miller: [lacht] Da gibt es einige Sachen, zu denen ich im Moment eine Entscheidung treffe. Ich bin an einem Punkt angekommen, wo ich ernsthafte Entscheidungen für meine Karriere treffen muss. Und deshalb will ich sicher gehen, dass meine nächsten Filme ausgesprochen gut geschrieben sind und tolle Figuren haben, denen die Leute gerne zusehen. Ich habe zwei bis drei Projekte, für die ich versuche, grünes Licht zu bekommen, und ich freue mich schon darauf, drüber reden zu können, wenn es soweit ist.

screen/read: Siehst Du Dich irgendwann vom Independentkino zum Großbudget herüberwechseln?

Steven C. Miller: Ich denke, das ist auf jeden Fall das Ziel. Wenn ich mir meine Vorbilder ansehe, dann denke ich an Sam Raimi, der „Evil Dead“ gemacht hat und 20 Jahre später „Spiderman“. Da würde ich gerne sogar noch etwas schneller hinkommen, aber mir macht eben auch Spaß, was ich jetzt tue. Ich will einfach nur, dass mehr Menschen meine Filme sehen. Deshalb glaube ich, je größer die Filme sind, die ich mache, desto mehr Leute bekommen sie auch zu sehen, und das ist wirklich eine wichtige Sache für mich. Was ich in ein paar Jahren gerne machen würde, sind Filme wie die „Bourne“-Serie oder „Taken“ oder „The Grey“. Projekte also, die mir erlauben, tolle Figuren zu haben, aber eben auch den temporeichen Typus von Action, der mir so gut gefällt.

[Wir bedanken uns bei Steven C. Miller für seine Zeit. Die englische Fassung des Interviews gibt es hier zu lesen.]

The Aggression Scale

Steven C. Miller

[Bildnachweise: Steven C. Miller (portraits) | Sunfilm (The Aggression Scale) | After Dark Films (Scream of the Banshee) | Anchor Bay (Silent Night)]

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