Starry Eyes | Filmkritik

13. September 2014

In Los Angeles kann man mit angehenden Hollywoodstars den Sunset Boulevard pflastern – und den ganzen Rest der Stadt gleich mit. Sie schlagen sich durch als Kellnerinnen oder Taxifahrer, eilen von Audition zu Audition und betteln an den metallbeschlagenen Türen der Top-Agenten um Aufnahme in die Karteikästen der Hoffnung. Wieso zum Teufel, so werden sich viele von ihnen früher oder später fragen, stolpern manche ganz schnell nach ganz oben, während man selber keinen Schritt vorwärts kommt? Casting-Couch? Einflussreiche Eltern? Mafia-Kontakte? Sicher alles richtig. „Starry Eyes“, ein einhundertprozentiger Independent-Beitrag aus der Stadt der Engel, hat aber noch eine ganz andere Antwort zu bieten.

Sarah ist eine dieser vielen, die es einfach nicht schaffen. Statt endlich den großen Wurf zu landen, verdient sie sich ihren Lebensunterhalt als knapp bekleidete Serviererin in einem Schnellrestaurant, das zwar für die ganze Familie gedacht sein soll, dessen Name „Big Taters“ aber doch vor allem die Väter ansprechen dürfte. Ihr soziales Umfeld besteht ausschließlich aus Gleichgesinnten, die sich gegenseitig mit einem breiten Lächeln neidisch und argwöhnisch beäugen. Und auch sonst sieht die Zukunft eher wenig rosig aus.

Als sie wider Erwarten zu einer Audition der legendären Astraeus Pictures eingeladen wird, kann sie ihr Glück kaum fassen. Doch das Vorsprechen läuft zunächst nicht wirklich zufriedenstellend. Erst als Sarah die Nerven verliert und sich vor lauter Stress die Haare ausreißt, zeigen die (übrigens arg seltsamen) Casting-Juroren deutliches Interesse. Es folgen weitere, äußerst bizarre Termine und sogar ein Besuch in der Privatvilla des (noch seltsameren) Astraeus-Moguls – für Sarah ein Abstieg in äußerst dunkle Gefilde. Bald muss sie sich entscheiden, wie weit sie für den großen Erfolg zu gehen bereit ist.

Starry Eyes

Starry Eyes

Um Irrtümern vorzubeugen: Aus Genre-Sicht ist „Starry Eyes“ kein Sozial- oder Psychodrama, sondern ein handfester Horrorfilm – vielleicht sogar einer, den sich mit „Maps to the Stars“ so mancher von Altmeister David Cronenberg erhofft hätte. Tatsächlich bewegen sich beide Beiträge im gleichen Sujetumfeld und würden ein hervorragendes Doppelfeature abgeben. Entscheidender Unterschied: Während die Figuren bei Cronenberg ihre Transformation zu bizarren Celebrity-Monstern bereits lange hinter sich haben, muss Sarah den Preis dafür gerade erst bezahlen. Gut denkbar, dass sie in zwanzig, dreißig Jahren auf einer Stufe mit Julianne Moores schwindender Diva aus „Maps“ steht.

Doch wo Bruce Wagners Skript für Cronenbergs Film überall enge Vernetzungen und inzestuöse Bande spinnt, die sämtliche Figuren aneinender ketten, steht in „Starry Eyes“ jeder alleine da. Freundschaften funktionieren nur sehr bedingt, und wer nach oben will, muss sowieso alles hinter sich lassen. Ehrgeiz, aus der Sicht des wenig vertrauenserweckenden Oberhaupts von Astraeus (in der griechischen Mythologie bezeichnenderweise übrigens ein Titan und Gott des Sonnenuntergangs) die dunkelste aller menschlichen Eigenschaften, ist der Motor, der Hollywood am Laufen hält. Wer ihn besitzt, darf nicht an seinem alten Leben hängen und muss vielmehr bereit sein zu opfern, was ihn bislang ausgemacht hat.

Es ist abzusehen, dass die überambitionierte Jungschauspielerin dieses Films genau das tun wird. Welche Ausmaße es allerdings nimmt, lässt sich kaum erahnen. An einem entscheidenden Punkt kommt dann übrigens wieder Cronenberg ins Spiel: In einer geradezu hysterisch verblüffenden (Traum?)Sequenz, die den unwiderruflichen Status von Sarahs Wandel vor Augen führt, bieten die Macher eine unverkennbare Hommage an Jeff Goldblums Seth Brundle in „Die Fliege“ – wenn auch mit ganz und gar abweichender Konsequenz.

Starry Eyes

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Dennis Widmyer und Kevin Kölsch (so heißt er tatsächlich) haben mit „Starry Eyes“ – ihrem zweiten Langfilm – einen durchweg überraschenden, originellen und überaus sehenswerten Horrorfilm abgeliefert. Gänzlich unabhängig und in Teilen Anfang des Jahres per Crowdfunding finanziert, nutzen die Macher ihre budgetbedingt eingeschränkten Möglichkeiten optimal, ohne dabei Kompromisse eingehen oder (zumindest erkennbar) Verzicht üben zu müssen. Von nicht zu unterschätzendem Nutzen war dabei ganz sicher die Beteiligung des umtriebigen Produzenten Travis Stevens, der momentan zu den wichtigsten Namen der Indie-Szene gehört („Jodorowsky’s Dune“, „The Thompsons“, „American Muscle“).

Eine echte Entdeckung ist Hauptdarstellerin Alex Essoe, die dem Film zu Beginn die nötige Bodenhaftung verschafft, dann aber umso mehr den verstörenden Wandel Sarahs glaubhaft macht, ohne den Bezug zur Figur allzu früh zu verlieren. In einer Nebenrolle beweist zudem Fabianne Therese erneut (nach „The Aggression Scale“, ebenfalls von Stevens produziert), dass sie momentan zu den vielversprechendsten Nachwuchstalenten vor der Kamera gehört. Auch sonst können sich die Akteure allesamt sehen lassen. Einzig der Rolle des namenlosen Moguls hätte eine etwas differenziertere Darstellung und weniger Charge sicher gut getan.

Alle geringfügigen Schwächen beiseite gelassen, ist „Starry Eyes“ ein echter Glücksfall: Ein alptraumhafter Trip über die Geburt einer Hollywood-Ikone – clever, blutig und ein bisschen irre. [LZ]

P.S.: Unser Review bezieht sich auf die beim Fantasy Filmfest 2014 gezeigte Version. Einen deutschen Verleih hat der Film bislang noch nicht.

OT: Starry Eyes (USA 2014) REGIE: Dennis Widmyer, Kevin Kölsch. BUCH: Dennis Widmyer, Kevin Kölsch. MUSIK: Jonathan Snipes. KAMERA: Adam Bricker. DARSTELLER: Alex Essoe, Fabianne Therese, Noah Segan, Amanda Fuller, Pat Healy, Natalie Castillo, Nick Simmons, Maria Olsen, Marc Senter, Louis Dezseran, Danny Minnick, Emma Jacobs. LAUFZEIT: 96 Min.

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[Abbildungen: Snowfort Pictures / Parallactic Pictures]

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