Stark – The Dark Half | Ungeschnittene Neuauflage mit zahlreichen Extras

13. August 2017

Stark - The Dark Half

[Lesedauer: ca. 3:00 Minuten]

Als George A. Romeros Stephen-King-Verfilmung 1993 arg verspätet in die Kinos kam, war Orion bereits pleite. Panisch angeordnete Nachdrehs hatte das klamme Studio schon kaum mehr finanzieren können. Die finalen CGI-Shots sahen verdächtig nach Atari ST aus und weil für eine Orchestereinspielung kein Geld übrig war, musste die Musik von Christopher Young aus bestehenden Versatzstücken zusammengebastelt werden. An den Kinokassen ging der Film dank einer halbgaren Marketingkampagne praktisch unter und geriet schnell in Vergessenheit. Gut also, dass eine aktuelle Neuauflage von OFDb Filmworks jetzt daran erinnert, wie sehenswert dieser seltsame Doppelgänger-Horror tatsächlich ist – und dabei die Frage aufwirft, warum er in Deutschland immer noch auf dem Index steht (oder dort überhaupt landen konnte) [1].

Die Story ist hinlänglich bekannt und auch ihr Bezug zu Kings Biografie und seinem Pseudonym Richard Bachman ad nauseam durchdiskutiert: Schriftsteller Thad Beaumont begeistert mit seinen literarischen Errungenschaften zwar das Feuilleton, seine Familie ernährt er jedoch ausschließlich mit ziemlich blutgetränktem Schund aus der Feder seines Alter Egos George Stark. Als ein geldgieriger Fan dem Identitätsschwindel auf die Schliche kommt, beschließt Thad schweren Herzens, seinen schreibenden Goldesel öffentlich zu begraben. Eine folgenschwere Entscheidung, denn Totgesagte leben bekanntlich länger: Stark manifestiert sich und wildert so lange mordend in Thads Umfeld, bis dieser erneut zum Stift greift, um den ungeliebten Zwilling im Geiste auch als Autor wiederzubeleben.

Das muss man erstmal schlucken, denn an sich ist die zugrundeliegende Idee haarsträubend. Selten hat King allegorischer geschrieben, und das befremdete damals selbst so manchen Hardcore-Fan (trotzdem avancierte „The Dark Half“ in den USA zum zweitmeistverkauften Buch seines Jahrgangs). Im Rückblick entbehrt das Konzept nicht einer gewissen Genialität und kommt – seien wir mal ehrlich – letztlich auch nicht unglaubwürdiger daher als eine beliebige Inkarnation des Bösen, die alle 27 Jahre die Gestalt eines Clowns annimmt. Thad Beaumont ist im Grunde Kings Version von Goethes Zauberlehrling, nur dass er seine herbeigerufenen Geister selber auskehren muss.

The Dark Half | Timothy Hutton

Romero, so gibt er in einem der zahl- und anekdotenreichen Extras dieser Neuauflage zu Protokoll, habe neben der offensichtlichen Jekyll/Hyde-Motivik vor allem die Auseinandersetzung mit dem Prozess des Schreibens interessiert. Was für ein guter Autor er selber war, kann man an diesem Film – eine von lediglich zwei Romanadaption seiner Karriere – möglicherweise noch besser nachvollziehen als anhand seiner Originaldrehbücher. Nah an der Vorlage zu bleiben, sei das erklärte Ziel gewesen, und doch gelingt ihm eine Übertragung, die sich schlüssige Abweichungen einfallen lässt, um das Volumen des Textes verlustfrei auf runde zwei Stunden Laufzeit herunterzubrechen – eine Tugend, die heute, im goldenen Zeitalter des seriellen Erzählens, zunehmend verlorengeht.

Eine der auffälligsten, ganz auf das visuelle Medium abgestimmten Weiterentwicklungen ist die optische Annäherung von Beaumont und Stark. Wo im Roman kein sonderlicher Wert auf die Ähnlichkeit der beiden Figuren gelegt wird (wozu auch, wenn der Leser sich ohnehin sein eigenes Bild machen muss?), gibt der Film ihnen ein und dasselbe Gesicht – in diesem Fall das von Timothy Hutton, der interessanterweise nur zweite Wahl war. Gary Oldman soll der Favorit des Studios gewesen sein und Romero selbst hatte versucht, den später anderweitig besetzten Michael Rooker durchzuboxen (der bis „Guardians of the Galaxy Vol. 2“ warten musste, um wirksam gegen sein eigenes Klischee anspielen zu dürfen). Doch wie reizvoll der Gedanke in beiden Fällen auch erscheinen mag, erweist sich Hutton schlussendlich doch als Idealbesetzung, zumal er dem All-American-Guy Beaumont vom Typus her näher ist als dem gewissenlosen Stark und die Verwandlung in den dunklen Zwilling damit umso überzeugender gelingt.

The Dark Half | Timothy Hutton

Am Set, so erinnern sich einige Beteiligte, muss Hutton ziemlich unerträglich gewesen sein und seinen Method-Ansatz bis zum Äußersten getrieben haben (zwei Trailer etwa habe er verlangt, für jede Rolle einen; und wenn er gerade im Stark-Modus war, habe man ihn ausschließlich mit „George“ ansprechen dürfen). Doch am Ende zählt das Ergebnis, und das ist nicht nur beeindruckend, sondern lässt auch die seltsame Absurdität der Geschichte vergessen. „Are you lonesome tonight“ hat sich Romero als musikalisches Leitmotiv für den Wiederkehrer aus dem Reich der ungebetenen Geister ausgewählt und damit der fleischgewordenen Persönlichkeitsspaltung einen eigenwilligen Sinn für Humor untergejubelt. Passenderweise verlegt der Film das erste Auftauchen von Thads dunkler Hälfte (in Form eines zum Tumor angewachsenen Auges in seinem Hirngewebe) ganz nebenbei ins Veröffentlichungsjahr des Songs. Dass Elvis Presley zudem bekanntlich selber einen Zwilling hatte, der bei seiner Geburt verstarb, ist ein unausgesprochener Witz am Rande, den sich nur einer wie George Stark ausdenken kann.

Wie es der Zufall manchmal so will, erschien die Neuauflage von „The Dark Half“ knapp eine Woche bevor Romero verstarb und blieb, da der Film in Deutschland – fast ein Vierteljahrhundert später – aktuell immer noch indiziert ist, bedauerlicherweise unter dem Radar. Mit seinem Klassiker „Dawn of the Dead“ verhält es sich ähnlich, und da reden wir gar von vier Jahrzehnten (wer sich hier ein ordentliches Loch in den Bauch ärgern will, dem sei die detaillierte Analyse der unterschiedlichen Fassungen auf Schnittberichte.com empfohlen [2]). Zeit also, dass sich die zuständigen Sittenwächter am Riemen reißen und vor Augen führen, welchen Status Romero in der neueren Filmhistorie innehat. Einen guten Einstieg dazu bietet beispielsweise die ebenfalls unter den Extras enthaltene Doku aus der Reihe „The Directors“. Oder so ziemlich jeder seit Mitte Juli verfasste Nachruf auf ihn. [LZ]

OT: The Dark Half (USA 1993). REGIE: George A. Romero. DREHBUCH: George A. Romero. MUSIK: Christopher Young. KAMERA: Tony Pierce-Roberts. DARSTELLER: Timothy Hutton, Amy Madigan, Michael Rooker, Julie Harris, Glenn Colerider, Royal Dano, Robert Joy, Kent Broadhurst, Beth Grant, Rutanya Alda, Tom Mardirosian, Larry John Meyers, Chelsea Field. LAUFZEIT: 116 Min (DVD), 121 Min (Blu-ray). VÖ: 07.07.2017.

The Dark Half | Amy Madigan, Timothy Hutton

[Abbildungen: MGM]

follow screenread on twitter | like screenread on facebook

Kommentare sind geschlossen.