Star Wars: Das Erwachen der Macht | Filmkritik: Family Affairs

16. Dezember 2015

Star Wars: Das Erwachen der Macht

Nur wenige Minuten, nachdem der ikonische Prolog trapezförmig in den Tiefen des Weltraums verschwunden ist und vom rätselhaften Verschwinden Luke Skywalkers, des letzten aller Jedi, und dem phönixartigen Aufstieg der „First Order“ aus der Asche des Imperiums berichtet hat, fällt der Film bereits mit der Tür ins Haus: Oberschurke Kylo Renn ist (glaubt man Max von Sydow in einem Kurzauftritt als Obi-Wan-Lookalike) aufgrund familiär-freudianischer Disposition mit neuem Namen zur dunklen Seite der Macht gewechselt – und schon möchte man das Kino eigentlich wieder verlassen. Eine weitere Anakin-Psychose als Grundmotivation für einen Sternenkrieg? Ernsthaft?

Oder noch einmal von vorne und mit anderer Gewichtung: Beim Angriff auf ein Lager des Widerstandes will man seinen Augen für einen Moment nicht trauen. Ein Stormtrooper muss miterleben, wie einer seiner Kameraden tödlich getroffen zu Boden geht, sterbend die Hand ausstreckt und eine blutige Markierung auf dem Helm des Überlebenden hinterlässt (und ihm damit für den Zuschauer trotz Ganzkörperuniform ein wiedererkennbares Gesicht verschafft). Doch anstatt sich umgehend aufzurappeln und umso entschlossener auf den Gegner loszugehen, desertiert er. Erst innerlich, indem er keine weiteren Schuss mehr abfeuert, dann äußerlich als Fahnenflüchtiger, der zu allem Überfluss auch noch einen Gefangenen befreit. Das muss man erstmal sacken lassen. Ein Stormtropper. Desertiert. Unfassbar.

Star Wars: Das Erwachen der Macht

So in etwa funktioniert das Balancekonzept dieser Rückkehr ins Lucas-Universum unter Abwesenheit seines Schöpfers (Gott existiert, darf aber nicht mehr eingreifen). Auf jede Variation bekannter Muster folgt eine unerwartete Neuerung, die sich in der Regel als Annäherung an den Zeitgeist und nicht zuletzt als Reaktion auf so ziemlich alles erweist, was im Hollywood-Blockbusterkino seit 2005 bzw. 1983 passiert ist. Denn hier kommt einiges an Zielgruppen zusammen und alle müssen bedient werden. Ganz offensichtlich jedenfalls hat die Macht vor ihrem Erwachen ausgiebig unter anderem von Marvel, Pandora, Christopher Nolan, den Transformers, dem Herrn der Ringe, Torture Porn und 9/11 geträumt.

Politisch korrekt sind die neuen Hauptfiguren ein Farbiger und eine Frau (Überraschung: beide wissen nichts über ihre familiäre Herkunft), Rookies im Umgang mit den Dingen, die nicht nur eingefleischten Fans, sondern im Grunde der gesamten westlichen Welt bestens bekannt sind. Ideale Einstiegshelfer also in dieses Sequel, bei dem vermutlich eine ganze Armada aus Experten darauf geachtet hat, dass sich nirgendwo ein Fehler im Umgang mit der Mythologie einschleicht – was nicht heißt, dass man die Originaltrilogie (oder die nachgeschobenen Sequels) im Detail kennen müsste, um folgen zu können. Hier hält sich J.J. Abrams ganz an das Prinzip, mit dem er bereits „Star Trek“, die andere Verehrungsmaschinerie aus den unendlichen Weiten des Alls, wiederbelebt hat. Die zugrundeliegende Regel in Yoda-Grammatik: Niemanden außen vor lassen du darfst.

Und so können sich die Fans daran erfreuen, wenn überall in der Wüstenlandschaft des Planeten Jakku gigantischer Schrott aus Zeiten der imperialen Kriege herumliegt, ohne dass weniger Eingeweihte sich gestört fühlen müssen. Überhaupt bleibt die Erzählperspektive ganz auf Seiten der beiden Neueinsteiger Finn (der Stormtrooper) und Rey (ganz sicher eine zukünftige Jedi). Wenn sie irgendwann notgedrungen im Cockpit des Millennium Falcon landen, um einem Angriff der First Order zu entkommen (es wird auffällig oft geflohen in diesem Film), geschieht das wie nebenher und ohne den legendären Raumgleiter zuvor prominent in den Fokus zu rücken oder mit Fanfaren zu bedenken.

Star Wars: Das Erwachen der Macht

Star Wars: Das Erwachen der Macht

Zu diesem Zeitpunkt ist schon eine Menge passiert, denn Abrams und seine Co-Autoren (Lawrence Kasdan, Michael Arndt) schieben die Momente, denen die Fangemeinde entgegenfiebert, möglichst lange vor sich her. Mit Lichtschwertern wird erst im letzten Drittel gekämpft (es gibt schließlich keine Jedi mehr) und das Wiedersehen mit den geliebten Figuren der Originalfilme lässt merklich auf sich warten. Das ist gut so und notwendig, um den neuen Charakteren überhaupt eine Chance zu geben. Denn wenn Harrison Ford schließlich auftritt, übernimmt er den Film oder besser: er kapert ihn und gibt ihn nicht mehr her. Dagegen lässt sich nichts unternehmen. Das schiefe Lächeln mit dem Charme eines kleinen Jungen hat er immer noch drauf und für eine Weile kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass dieser Han Solo, der altmodische Schmuggler (zwischenzeitlich General), Superpilot und Lederjackenträger mit seinem pelzigen Begleiter, auch 32 Jahre später immer noch der coolste Kerl der ganzen Galaxie ist.

Bringen wir es auf den Punkt: „Das Erwachen der Macht“ ist eine einzige Ford/Solo-Hommage und plötzlich wird rückwirkend klar, inwiefern die nachgeschobene Prequel-Trilogie vielleicht in erster Linie gar nicht daran gescheitert ist, dass sie so unerträglich redundant, langatmig und über weite Strecken einfach erschreckend dämlich war, sondern weil ihr das Herz gefehlt hat, das in lässigem Rhythmus vor sich hin schlägt und – wenn es sein muss – auch schon mal den ersten Schuss abfeuert. Auf den kreuzbraven Bauernjungen Luke lässt sich verzichten, aber Han Solo? Da müsste man sich schon eine Menge einfallen lassen.

Das wissen die Macher alles und so geben sie sich jede erdenkliche Mühe, die Welt der Saga mit (vor allem visuell atemberaubendem) Überwältigungsmaterial auszustatten, das dem erfolgreichsten Franchise der Kinogeschichte eine lange und fruchtbare Zukunft garantiert. Kreaturen, Monster, Roboter, ein neuer Todesstern, ein Terrorregime mit faschistoider Ästhetik, die Apokalypse, Andy Serkis usw. Dass die immens hohen Erwartungen, die vorab an diesen Film herangetragen wurden, durch keine Maßnahme der Welt hätten erfüllt werden können, müssten eigentlich selbst Hardcore-Fans einsehen. Der neue Sternenkrieg aus dem Hause Disney und Bad Robot will vor allem eins: niemanden enttäuschen. Das ist vermutlich gelungen.[LZ]

OT: Star Wars: The Force Awakens (USA 2015). REGIE: J.J. Abrams. BUCH: J.J. Abrams, Lawrence Kasdan, Michael Arndt. MUSIK: John Williams. KAMERA: Dan Mindel. DARSTELLER: Harrison Ford, John Boyega, Daisy Ridley, Adam Driver, Oscar Isaac, Lupita Nyong’o, Carrie Fisher, Peter Mayhew, Simon Pegg, Andy Serkis, Anthony Daniels, Max von Sydow, Mark Hamill. LAUFZEIT: 136 Min.

Star Wars: Das Erwachen der Macht

[Abbildungen: Lucasfilm Ltd.]

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