SS-GB | Alternative Fakten: BBC-Mehrteiler bringt deutsche Besatzer an die Themse

19. Januar 2018

SS-GB

[Lesedauer: ca. 2:30 Minuten]

Was denn? Schon wieder eine Serie, bei der Deutschland den Krieg gewonnen und internationale Wahrzeichen mit Hakenkreuzen dekoriert hat? Genau. Nur dass sich diesmal nicht ganz Nordamerika zum Führergruß gedrängt sehen muss (wie in der Amazon-Serie „The Man in the High Castle“), sondern der britische Nachbar. Die Luftschlacht um England ist ganz anders ausgegangen, als man es aus den Geschichtsbüchern kennt, und so machen es sich die Nazis 1941 bei einem Earl Grey gemütlich und importieren den Judenstern nach London. Scotland Yard untersteht der SS und von politischer Neutralität, wie sie sich die Polizei trotz Invasion gerne auf die Fahne schreibt, bleibt bald nicht mehr viel übrig. Eine gute Zeit für Kollaborateure.

Zu denen würde sich Superintendent Douglas Archer (Sam Riley) natürlich niemals zählen, aber die Annehmlichkeiten, die das Arbeiten unter den braunen Besatzern bietet, wenn man nicht aufmuckt, nimmt er schon gerne mit. Der Ton wird etwas rauer, als im Zuge einer Mordermittlung SS-Standartenführer Oscar Huth (Lars Eidinger) aus Berlin angereist kommt, Archer zu seinem persönlichen Assistenten macht und bei Gelegenheit auch schon mal mit Deportation nach Dachau droht. Aber alles in allem ist es weiterhin die beste Strategie, den Mund zu halten und den Hut etwas tiefer ins Gesicht zu ziehen. Was jedoch, wenn sich die heimliche Bettgenossin und der langjährige Partner-in-Crime (bzw. against-Crime) als Mitglieder des Widerstands herausstellen? Und was für eine Rolle spielt die attraktive amerikanische Journalistin (Kate Bosworth), von der sich der Detective nur zu gerne einwickeln lässt?

SS-GB | Sam Riley, Kate Bosworth

Eine ziemliche Räuberpistole ist das, was die sechsfachen Bond-Autoren Neil Purvis und Robert Wade (u.a. „Skyfall“) dem Zuschauer da servieren, und von einem England unter NS-Herrschaft gibt es außer gut durchdachtem Set-Design nur die Spitze des Eisberges zu sehen. Aber ist das ein Problem? Nein, denn „SS-GB“ nach einer Vorlage von Len Deighton, dem Michael Caine der Rolle Harry Palmers wegen wahrscheinlich seine Filmkarriere zu verdanken hat, ist vor allem ein verzwicktes Murder Mystery mit Spionageanteilen vor dem Hintergrund einer alternativen Historie, wie es sie in zahllosen Varianten gibt, ohne dass allzu großer politischer Anspruch dahinterstehen muss.

Interessant ist vor allem der unvoreingenommene Blick auf die einzelnen Akteure. Unter den Widerständlern gibt es genauso erbarmungslose Fanatiker wie unter den Nazis, und selbst so mancher Deutsche kennt Ehre und Gewissen. Archer und Huth sind die schillerndsten Figuren, jeder auf seine Weise ein Kriegsgewinnler und Mitläufer, nur dass der Engländer langfristig als Identifikationsfigur herhalten und sich deshalb früher oder später auf eine Seite schlagen muss (die richtige natürlich). Der SS-Mann hingegen bleibt ungreifbar, und das sowohl für den Zuschauer als auch für sich selbst. Lars Eidinger stattet ihn mit einer ebenso seltsamen wie reizvollen Melange aus Blasiertheit, Arroganz und Orientierungslosigkeit aus, die einen wünschen lässt, die Rolle wäre größer ausgefallen, als es das Drehbuch vorsieht. Immerhin gönnt das Finale des Mehrteilers dem Darsteller eine ausführliche One-Man-Show, die länger in Erinnerung bleibt als der ganze Rest (für Schauspielschüler eine beeindruckende Lektion darüber, wie sich das Innenleben einer Figur durch das bloße Rauchen einer Zigarette illustrieren lässt).

SS-GB | Lars Eidinger

Visuell ist „SS-GB“ solide Durchschnittsware ohne Höhen und Tiefen. Immer wieder räumt Regisseur Philipp Kadelbach (Ehrensache, dass hier ein Deutscher die Fäden ziehen darf) störende Elemente unscharf in den Vordergrund, womöglich um unterschwellig den Eindruck permanenter Überwachungsgefahr zu signalisieren. Ansonsten bleibt er unauffällig. Sehenswert am Rande ist die stimmige Titelsequenz nach Bond-Vorbild, behutsam akzentuiert von angenehm zurückhaltender Musik aus der Feder von Dan Jones („Shadow of the Vampire“). Ein mehr oder weniger offenes Finale deutet möglicherweise den Plan einer Fortsetzung an, doch aufgrund schwächelnder Quoten nach einem famosen Start ist davon eher nicht auszugehen. Warum die deutsche DVD- und Blu-ray-Version übrigens aus 6, im Original hingegen aus 5 Teilen besteht, erschließt sich nicht wirklich. [LZ]

P.S.: Wer sich die Idee eines von Nazis okkupierten Englands zusätzlich noch in anderen Variationen vornehmen will, ist mit dem Puppen-Animationsfilm „Jackboots on Whitehall“ (2010) oder Noël Cowards Zweiakter „Peace in our time“ (1946) gut bedient – letzterer übrigens der erste Nachkriegsbeitrag zu diesem Subgenre.

OT: SS-GB (UK 2015). REGIE: Philipp Kadelbach. BUCH: Neil Purvis, Robert Wade. MUSIK: Dan Jones. KAMERA: Stuart Bentley. DARSTELLER: Sam Riley, James Cosmo, Rainer Bock, Lars Eidinger, Maeve Dermody, Kate Bosworth, Jason Flemyng, Lucas Gregorowicz, August Zirner, Christina Cole. LAUFZEIT: 300 Min. VÖ: 20.12.2017.

SS-GB

[Abbildungen: Polyband]

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