Spring | Filmkritik: Unsterbliche Liebe

08. November 2015

Spring

Dies ist ein Liebesfilm. Der schönste und ehrlichste, den das Kino seit langem hervorgebracht hat. Frei von Klischees und mit Figuren, die sich wie echte Menschen anfühlen. Die man mag, ohne sich Mühe geben zu müssen, ja gar, ohne sich dagegen wehren zu können. Und als ob das nicht schon Ausnahmefall genug wäre, schleicht sich klammheimlich auch noch eine gehörige Dosis Lovecraft in die Geschichte ein. Ob die Macher den Namen des großen Tentakelmeisters da vielleicht einfach wörtlich genommen haben?

Wie so oft, weiß man über diesen Film im besten Fall vorab rein gar nichts. Denn eine ganze Weile ist kaum offensichtlich, in welche Richtung sich die Geschichte wohl bewegen mag. An der Oberfläche sieht zunächst vieles nach bekannten Mustern aus dem „Hostel“-Umfeld aus: der junge Amerikaner, den es ins alte Europa zieht (hier Italien), wo er auf spaßsüchtige Engländer trifft, mit ihnen umherzieht und schließlich von einer geheimnisvollen Schönheit mit dem Versprechen auf schnellem Sex angelockt wird – da scheinen Folterkammer und Menschenhandel nicht weit. Doch „Spring“ könnte kaum weiter von den einschlägigen Genre-Beispielen entfernt sein.

Zu ernsthaft geht der Film von Anfang an mit seinen Figuren um, zu genau legt er Wert auf ihre Zeichnung, als dass er sie später einfach opfern könnte. Und – soviel darf man vorwegnehmen – genau das tut er auch nicht. Man könnte hinzufügen: im Gegenteil. Aber das wäre fast schon zuviel verraten. Evan, der männliche Protagonist, ohne den es nur ganz wenige ausgewählte, und dafür umso bedeutsamere Szenen gibt, treibt es eher zufällig nach Apulien und belanglose Affären – gerade wenn sie ihm versprochen werden – interessieren ihn nicht. Das eindeutige Angebot der wunderschönen Louise (ihren Namen nennt sie ihm erst später) würde er jedenfalls lieber gegen ein altmodisches Date eintauschen.

Wir lernen ihn am Sterbebett seiner Mutter kennen. Es ist die erste Szene und sie setzt den Ton des Films: Wenn es hier starke Emotionen gibt, dann werden sie nicht mit grobem Pinsel aufgetragen, sondern lassen dem Zuschauer (und den Schauspielern) Raum zum Atmen. Es ist möglicherweise genau dieser Raum, den auch Evan braucht, nachdem er nun alleine auf der Welt und einigermaßen orientierungslos zurückgeblieben ist. Europa taucht auf seiner Agenda mehr oder minder als Folge einer Kneipenschlägerei auf, aber das Ziel ist eigentlich egal.

Nun gehört Italien traditionell zu den klassischen Sehnsuchtsländern und Fluchtzielen, in denen die Zeit stehengeblieben zu sein scheint, voller enger Gassen, durch die man streunen und in denen man sich verlieren kann, bis einem längst vergangene Jahrhunderte gegenüberstehen und zur Umkehr oder Wandlung zwingen. Das Kino kennt diese Konstellation nur zu gut (muss man Roeg erwähnen?). Zuletzt erst ließ Michael Winterbottom in „Die Augen des Engels“ einen vom Weg abgekommenen Daniel Brühl sein Heil in Dante finden. Und wie die Hauptfigur dort begegnet auch Evan seinem ganz persönlichen Engel. Nur dass dieser eine denkbar dunkle Seite mit sich herumträgt.

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Allzeit sind Tod und Verfall gegenwärtig (und das angesichts des Titels), in Evans Leben, in Gestalt der verstorbenen Frau eines italienischen Bauern, bei dem er unterkommt, in traurigen Todesanzeigen vermisster Kinder. Und selbst wenn Louise (unwiderstehlich: die bislang kaum aufgefallene deutsche Schauspielerin Nadia Hilker) bei der ersten und zweiten Begegnung in leuchtend rotem Kleid lockt, sind Würmer und Skorpione, die sich hier und da ins Bild drängen, allzu deutliche Boten. Wenn Louise und Evan das dritte Mal aufeinandertreffen, hat sie ihr Jagdoutfit abgelegt und ist eine einfache Studentin. Dass ihr Fachgebiet in der Evolutionsbiologie liegt, kann selbstredend kein Zufall sein.

Das Netz der Zeichen dieses Films ist angenehm eng gewoben, ohne sich dem Zuschauer aufzdrängen, und es lädt zum wiederholten Anschauen ein. Die Gespräche zwischen Evan (ohne Attitüden: Lou Taylor Pucci aus „Evil Dead“) und seinem vorübergehenden Arbeitgeber Angelo (sprachen wir nicht schon von Engeln?) sind voll davon. Und wer bis hierhin gelesen hat, ist selber Schuld, wenn er vorab erfährt, dass Louise ein Jahrhunderte altes Tentakelwesen ist, dass sich in unregelmäßigen Abständen hin- und herverwandelt und genau deshalb (oder aus noch komplexeren Gründen) auf keinen Fall verlieben will.

Evan wird es früher oder später herausfinden und dann in einer minutenlangen Plansequenz durch die labyrinthischen Gassen der Stadt irren, um – verfolgt von einer verzweifelten Louise (die ihre Gefühle selbstverständlich längst nicht mehr so unter Kontrolle hat, wie es ihr recht wäre) – dem Unvorstellbaren in seinem Kopf zu entfliehen und sich schließlich mit einem Anruf in der alten Heimat wieder zu erden. Erst dann erlaubt ihm die Geschichte, eine Entscheidung zu treffen, und der Film markiert es mit dem Wiedereinsetzen der Montage. Eine entwaffnende Sequenz.

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Louise und Evan sind Seelenverwandte, daran kann kein Zweifel bestehen. Beide auf der Flucht, eltern- und irgendwie zunehmend wurzellos, gestrandet an einem fremden Ort und in einer fremden Zeit. Umso mehr gehören sie zueinander und man wünscht ihnen nichts mehr, als dass ihnen das Zusammenbleiben gelingt – auch wenn die Umstände mehr als dagegen sprechen. Nun könnte das alles schwermütig, bleiern und schicksalslastig ausfallen, doch stattdessen schafft der Film mit seinen ungestelzten Dialogen und wunderbar sympathischen Schauspielern (allen) eine Leichtigkeit, die bisweilen gar beschwingte Hochgefühle zulässt – sich freilich aber auch zurückzunehmen weiß, wenn die Geschichte ihre notwendige Ernsthaftigkeit braucht.

Die Romanze zwischen Mensch und Monster ist eines der ältesten Topoi im Horrorgenre, nicht selten als Reflexion auf Rassen- und Standesgrenzen lesbar (man muss ja nicht immer gleich an „Twilight“ denken), und umso mehr darf es erstaunen, wie unverbraucht und originell dieser Film daherkommt und es gar nicht nötig hat, sich an irgendwelche Spielregeln zu halten. Am Ende ist es aber doch vor allem die eine große Erkenntnis, die seinen Herzschlag ausmacht – dass unsterbliche Liebe nur möglich ist, weil (und wenn) wir sterblich sind. Oder es werden. [LZ]

OT: Spring (USA 2014). REGIE: Justin Benson, Aaron Moorhead. BUCH: Justin Benson. MUSIK: Jimmy Lavalle. KAMERA: Aaron Moorhead. DARSTELLER: Lou Taylor Pucci, Nadia Hilker, Shane Brady, Francesco Carnelutti, Vinny Curran, Jeremy Gardner, Vanessa Bednar, Holly Hawkins. LAUFZEIT: 105 Min (DVD), 109 Min (Blu-ray). VÖ: 08.10.2015.

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[Abbildungen: Koch Media]

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