SPRING BREAKERS | Filmkritik

30. August 2013

Spring Breakers

Was auch immer man von diesem Film im Vorhinein erwarten mag, am Ende ist er vermutlich genau das Gegenteil. Die Vorstellung der ehemaligen Disney-Kinderstars Vanessa Hudgens und Selene Gomez als enthemmte Twens in sparsamer Strandbekleidung spricht zwar eine deutliche Sprache, doch all das, was sich da angesichts der exzessiv erwachsen gewordenen Mileys und Lindsays dieser Welt im Hinterkopf des Zuschauers abspielen muss, liefert „Spring Breakers“ gerade nicht.

Die Besetzung mit den Jungstars (zu denen ursprünglich auch Emma Roberts gehörte) hat selbstredend ihren kalkulierten Hintergrund und verschaffte dem Film sowohl die nötige – skandalumwitterte – Aufmerksamkeit als auch ansehnliche Einnahmen an der Kinokasse. Vor allem letzteres ist angesichts seiner experimentellen und in Teilen geradezu meditativen Natur eigentlich ein Witz, zeigt aber, wie gut das Konzept funktioniert hat.

Oberflächlich betrachtet, muss das auch unabhängig von der Besetzung wenig wundern, denn die Story selbst scheint in etwa die genaue Schnittmenge von „Hangover“ (ohne Infantilhumor) und „Natural Born Killers“ (mit reichlich nackter Haut) auszuloten: Vier Mädchen um die zwanzig, Freundinnen seit früher Schulzeit, zieht es zum Springbreak nach St. Petersburg, Florida. Weil das Geld nicht reicht, überfallen drei von ihnen ein Diner und gefallen sich gut in der Rolle der Gesetzlosen.

Spring Breakers

Es folgen Tage echter Anarchie, getränkt von Alkohol, Drogen und hormonellem Überfluss, bis das Quartett in einer Ausnüchterungszelle landet. Der Spaß scheint getrübt, denn weitere Tage hinter Gittern stehen aus, doch ein lokaler Drogen- und Waffenhändler namens Alien zahlt die Kaution und holt die Mädchen zu sich. Nur zwei von ihnen können dem neuen Lebensstil standhalten und bilden mit dem offenbar bipolaren Gangster bald ein echtes Trio Infernal, das sich unbekümmert in einen tödlichen Bandenkrieg stürzt.

Das klingt nach plakativen Machogehabe und zur Schau gestellten Sexismus, doch der Film könnte davon nicht weiter entfernt sein. Vielmehr dient die Geschichte, die problemlos auch Michael Bay gefallen dürfte, lediglich als inhaltlicher Leitfaden für eine eigenwillige Erzählweise, die mehr Collage ist als lineares Storytelling. Erwartungen zu erfüllen oder gar Konventionen zu folgen, liegt Autor und Regisseur Harmony Korine von Natur aus fern (immer noch bekannteste Arbeit: sein Drehbuch für „Kids“), und so hat „Spring Breakers“ eine eher musikalische Form, bei der sich Motive wiederholen, miteinander verweben und in immer neuen Variationen auftauchen, ohne Verbindlichkeit erlangen zu müssen.

Asynchrone Sprünge, Wiederholungen, Vor- und Rückgriffe, Zeitlupensequenzen, die der Geschichte nichts hinzufügen, Stimmen aus dem Off, die mit den gezeigten Bildern nicht wirklich zu korrelieren scheinen – hier ist der Plot zweitrangig. Seit seinem Langfilmdebüt „Gummo“ (1997) hat Korine Wert auf eine eigenwillige Form des filmischen Erzählens gelegt und daran hat sich bis heute nichts geändert. Radikal verpasste er allen Szenen seines Erstlings einen eigenen Look und nutzte dabei von 35mm über Polaroid bis Hi-8 so ziemliche alles an Technologie, was Zeit und Budget hergaben.

Spring Breakers

„Spring Breakers“ ist vom Prinzip her nicht anders, nur dass Stil und Montage immer einen Funken Musikvideo in sich trägen (eine Disziplin, in der sich Korine gut auskennt). Umso mehr bleiben einem die Figuren weitestgehend fern. Von den Mädchen bekommt lediglich die christlich angehauchte Faith (Gomez) in gewisser Weise Kontur, wenn sie als erste der Unwirklichkeit des Settings entflieht. Die Figur des Gangsters Alien hingegen fasziniert in ihrer Widersprüchlichkeit zwar, und der stets unberechenbare James Franco lässt sie in den wildesten Farben noch umso bizarrer schillern, doch ein echter emotionalen Bezug oder gar eine Ebene der Identifikation bleiben eher aus.

In vielerlei Hinsicht hat Korines Film märchenhafte Züge und würde sich gut in einem Double Feature mit Matthew Brights „Freeway 2“ machen. St. Petersburg ist ein drogengeschwängertes Traum- und Wunderland, in dem nacktes Fleisch und Alkohol die Wirklichkeit ersetzen (in Off-Monologen der Mädchen wird ein Hippie-Paradies daraus, das sie alle zu sich selbst hat finden lassen) und Alien je nach Schattierung Prinz, Ritter oder böser Wolf, ohne sich genau auf eine Rolle festlegen zu können.

Nicht weniger märchenhaft fällt dabei auch das Ende aus, und so kann es nur umso lächerlicher erscheinen, dass der hiesige Verleih eine relativierende Texttafel hinzufügen musste, um eine Kinofreigabe ab 16 zu ermöglichen. Für DVD und Blu-ray ist man jetzt wieder zu einem FSK18-Rating zurückgekehrt. [LZ]

P.S.: Im Rahmen der diesjährigen Cologne Conference erhält Harmony Korine den von der Film- und Medienstiftung NRW und der Stadt Köln gestifteten und mit 25.000 Euro dotierten Filmpreis Köln.

Spring Breakers

OT: Spring Breakers (USA 2012) REGIE: Harmony Korine. BUCH: Harmony Korine. MUSIK: Cliff Martinez, Skrillex. KAMERA: Benoît Debie. DARSTELLER: James Franco, Selena Gomez, Vanessa Hudgens, Ashley Benson, Rachel Korine, Gucci Mane, Heather Morris. LAUFZEIT: 90 Min.

Spring Breakers

[Abbildungen: Universum Film / Wild Bunch Germany.]

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