Song to Song | Filmkritik: Streuner im Licht

28. April 2017

Song to Song

[Lesedauer: ca. 2:30 Minuten]

„You get used to drifting“, heißt es einmal aus dem Off. Da sind bereits weit über 90 Minuten vergangen und die Figuren haben sich ausgiebig treiben lassen, sind ziellos umeinander hergestreift, haben viel ins Leere, auf den Boden und in den Himmel geblickt, Bedeutungsschwangeres gedacht (Bekenntnisse etwa wie „I love pain, it feels like life“) und wenig miteinander geredet. Erlesen sind die lichtzeichnerischen Bilder (Emmanuel Lubezki, „The Revenant“), teuer die Schauspieler (Fassbender, Gosling, Mara, Portman, Blanchett). Dafür ist die Handlung umso dünner und fällt über weite Strecken eher assoziativ als narrativ aus. Nichts davon muss einen wundern, denn wir befinden uns in einem Film von Terrence Malick.

Das ist gar nicht negativ oder spöttisch gemeint, auch wenn es so klingen mag. Rein deskriptiv betrachtet, hat „Song to Song“ mehr mit einer überlangen Videoinstallation als mit einem Spielfilm zu tun, und vielleicht sollte das auch genau die Erwartungshaltung sein, mit der man ins Kino geht. Oberflächlich dreht sich alles um das Zusammenfinden und Auseinanderdriften (siehe oben) dreier Liebespaare im näheren und weiteren Umfeld der Musikszene von Austin, Texas. Aber das ist auch wirklich nur eine ganz lose Version einer Storyline, an der man sich festhalten kann, um in der Fragmenthaftigkeit des Films nicht völlig verlorenzugehen.

Vieles ist improvisiert, als Materialsammlung aufgezeichnet und erst am Schneidetisch zu einem irgendwie homogenen Ganzen zusammengefügt worden. Beachtliche drei Jahre hat das gedauert, angefangen bei einer Rohschnittfassung von sage und schreibe acht Stunden Dauer [1], die aber wenigstens Zeit übrig hatte für Christian Bale, Benicio Del Toro und eine Reihe anderer illustrer Namen, von denen in der Endfassung nichts übrig geblieben ist. Val Kilmer konnte dem Schneidetisch so gerade noch entkommen, doch sobald man ihn erkannt hat, ist er auch schon wieder verschwunden, und man fragt sich mit einiger Berechtigung, wozu das gut sein soll.

Song to Song | Michael Fassbender, Natalie Portman

Song to Song | Rooney Mara, Michael Fassbender, Ryan Gosling

Malick hatte den Film unmittelbar nach „Knight of Cups“ gedreht, den man durchaus als eine Art direktes Pendant sehen kann – nur dass dort die reichen Menschen, die durch den Film und seine Luxus-Sets streunern (Produktionsdesign in beiden Fällen: Jack Fisk), ihr Glück in Hollywood suchen und nicht finden, während es hier eben die Musikindustrie ist. Von einer darbenden Branche ist nichts zu spüren, Geld spielt keine Rolle. Alles hier ist dekadent, jeder schöpft aus dem Vollen, und wer nichts hat, arbeitet eben als lebendes Büffet. Am Ende allerdings zieht es eines der Paare ins einfache Arbeiterleben, aus dem beide nie wieder zurückkehren wollen. Im Sonnenuntergang wird Öl aus der Erde gepumt und die Liebenden scheinen mit der Erde zu verschmelzen. Life is good, während die Zurückgebliebenen an ihrem Glitzerdasein verzweifeln.

Aber ist das wirklich schon alles? Der unsägliche Aufwand, um am Ende auf eine derart banale Aussage hinauszulaufen? Schwer zu sagen. Wie seine Figuren treibt auch der Film selber dahin, als audiovisuelle Collage aus Musik, Bildern und Off-Monologen, wechselt mit Cameos echter Musikgrößen wie Iggy Pop, Patti Smith oder Anthony Kiedis punktuell ins Pseudo-Dokumentarische über, liefert aber vor allem Bruchstücke einer Handlung, deren Chronologie nicht immer nachvollziehbar ist. Das wirkt alles selbst für Malick-Verhältnisse so experimentell, dass Ellipsen und Jump-Cuts zum zentralen Stilmittel werden und sich kaum entscheiden lässt, ob hinter der permanenten Reizüberflutung aller beteiligten Sinne ein strenger Plan steckt oder blanke Willkür herrscht. Sicher ist: Mit einmaligem Anschauen lässt sich diesem Film nicht beikommen. [LZ]

OT: Song to Song (USA 2017). REGIE: Terrence Malick. BUCH: Terrence Malick. KAMERA: Emmanuel Lubezki. DARSTELLER: Michael Fassbender, Rooney Mara, Ryan Gosling, Natalie Portman, Cate Blanchett, Holly Hunter, Bérénice Marlohe, Lykke Li, Patti Smith, Olivia Applegate, Linda Emond, Tom Sturridge, Val Kilmer. LAUFZEIT: 129 Min.

Song to Song

[Abbildungen: Studiocanal]

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