Son of a Gun | Filmkritik

06. Mai 2015

Son of a Gun

Julius Averys Spielfilmdebüt beginnt als raues, wenig zimperliches Knastdrama. Gemeinsam mit dem 19-jährigen Kleinkriminellen JR (nicht Ewing) tauchen wir ein in eine Welt, die geprägt ist von klaren Hierarchien und ritualisierten Demütigungen. Der junge Mann wirkt irgendwie fehl am Platz, scheint den tätowierten, hünenhaften Muskelbergen in seiner Umgebung nichts entgegensetzen zu können, erregt aber doch die Aufmerksamkeit des Schwerverbrechers Brendan Lynch (überraschende Wahl: Ewan McGregor), der ihn vor einer Vergewaltigung durch sadistische Mithäftlinge bewahrt. Schon bald hat er einen gefährlichen Auftrag für den Frischling, womit „Son of a Gun“ langsam, aber sicher Gangsterfilm-Territorium betritt.

Nach seiner Entlassung soll JR den Bandenchef Sam Lennox aufsuchen und mit ihm Brendans Ausbruch organisieren. Fasziniert vom kriminellen Luxusleben, übernimmt der Teenager nicht nur die Rolle des Fluchthelfers, sondern lässt sich von seinem befreiten Mentor auch noch in einen lukrativen Goldraub verwickeln, den Sam ausgeheckt hat. Dummerweise verliebt sich JR ausgerechnet in Tasha, die Vorzeigeschönheit des Gangsterbosses, und legt sich zudem mit dessen Neffen an, der ebenfalls am geplanten Überfall teilnehmen soll. Nicht die besten Voraussetzungen für einen erfolgreichen Coup.

Die Motive, die Avery hier ausstreut, sind im Grunde sattsam bekannt. Gruppeninterne Spannungen und eine eigentlich verbotene Frau haben schon in zahlreichen Crime-Thrillern handfeste Probleme heraufbeschworen. Nicht anders ist es in diesem Film, der die Standardsituationen des Genres brav und artig abhakt, dabei aber auch eine weitere Ebene etabliert. Auf der Suche nach Anerkennung und Verbundenheit sieht JR in Brendan eine Art Ersatzvater, dem er unbedingt beweisen will, dass er mehr ist als ein kleiner, austauschbarer Handlanger. Der erfahrene Verbrecher wiederum spannt den Grünschnabel berechnend für seine Pläne ein, lässt allerdings des Öfteren auch so etwas wie ehrlich gemeinte Zuneigung aufblitzen.

Son of a Gun

Da der Beginn ihrer Beziehung eher oberflächlich beschrieben wird – Schachkenntnisse reichen aus, um Respekt zu generieren – und das Drehbuch auch im weiteren Verlauf nicht tief genug gräbt, entfaltet die Liebesgeschichte zwischen JR und Tasha im direkten Vergleich eine stärkere emotionale Wucht. Was nicht zuletzt am schwedischen Shooting-Star Alicia Vikander liegt, die aktuell als geheimnisvolle Androidin im famosen Science-Fiction-Kammerspiel „Ex Machina“ auf der Leinwand brilliert. Ähnlich wie dort spielt sie auch hier eine betörende, zugleich aber undurchschaubare Figur, die dem männlichen Protagonisten den Kopf verdreht und ihn fortan in Schwierigkeiten bringen könnte.

Während einige dramaturgische Schwächen – insbesondere nach dem Raub – zu konstatieren sind, versieht Avery seinen in staubigen Landschaften angesiedelten Reißer mit mehreren routiniert inszenierten Actionszenen, die ihre Wirkung nicht verfehlen. Recht überzeugend gestalten sich etwa der zwar konventionell, aber spannend choreografierte Gefängnisausbruch und die halsbrecherische Flucht im Anschluss an den Überfall auf die Goldmine. Ein schönes und ergreifendes Bild gibt außerdem ein brennender Wagen ab, der an einer Stelle eine Schlucht hinunterdonnert.

Obwohl „Son of a Gun“ insgesamt zu wenige Überraschungen bereithält, um nachhaltig beeindrucken zu können, hat der schnörkellose Gangsterstreifen annehmbaren Unterhaltungswert. Positiv ist auch, dass er mit einem Ende aufwarten kann, das den angedeuteten Selbstzerfleischungsprozess unterläuft und auf diese Weise den ultimativen Gewaltexzess – ansonsten keine Seltenheit im Genre – abwendet. [Christopher Diekhaus]

Son of a Gun

OT: Son of a Gun (AU 12014) REGIE: Julius Avery. BUCH: Julius Avery, John Collee. MUSIK: Jed Kurzel. KAMERA: Nigel Bluck. DARSTELLER: Brenton Thwaites, Ewan McGregor, Alicia Vikander, Jacek Koman, Matt Nable, Peter Neaves, Tom Budge, Eddie Baroo, Nash Edgerton, Damon Herriman. LAUFZEIT: 108 Min (DVD), 112 Min (Blu-ray). VÖ: 14.04.2015.

Son of a Gun

[Abbildungen: Ascot Elite Home Entertainment | David Dare Parker (Photos)]

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