Ist Ryan Levin SOME GUY WHO KILLS PEOPLE? | Interview mit dem Autor des Films, den John Landis beinahe gemacht hätte (deutsche Fassung)

28. Juli 2011

Some guy who kills people

Stellen Sie sich vor, Sie hätten ein Drehbuch geschrieben, dass auf ihrem eigenen preisgekrönten Kurzfilm beruht und wirklich ausgesprochen unorthodox geworden ist. Es handelt von einem Serienkiller, der eigentlich ein netter Kerl ist und am liebsten Comics zeichnet, seiner Tochter, die ihn gerade erst kennen gelernt hat, einem Sheriff, der alles daran setzt, ihn zu überführen, während er ein Verhältnis mit seiner Mutter hat, und einer Liebesgeschichte, die unter keinem guten Stern steht. In Genre-Hinsicht ist vom Slasher über Comedy und Drama bis zum Thriller alles drin, und doch bedingen sich die einzelnen Elemente gegenseitig. Als Sie nun versuchen, einen Regisseur für Ihr Projekt zu begeistern, ist der erste, der nicht nur überhaupt reagiert, sondern auch direkt zusagt, kein Geringerer als John Landis. Wäre das nicht zu schön, um wahr zu sein? Im Fall von TV-Autor Ryan Levin und „Some guy who kills People“ war es das wohl, denn Landis stieg kurz darauf wieder aus und drehte stattdessen „Burke & Hare“. Auch wenn der Film damit eigentlich hätte erledigt sein müssen, erlebte er nach langem Hin und Her im April 2011 auf dem Fantastic Film Fest in Amsterdam doch noch seine Weltpremiere. Ryan Levin sprach mit uns im Detail über den Entwicklungsprozess, seine Arbeit für TV-Serien wie „Scrubs“, die merkwürdigen Wege, die man gehen muss, um einen Verleih zu gewinnen, und wie Barry Bostwick beim Casting vor ihm über den Boden gekrochen ist.

Some Guy who kills People

screen/read: Bei jemandem, der einen Film wie diesen schreibt, stellt sich vermutlich zwangsläufig die Frage: Wie oft ist Dir am Tag danach, irgendwen umzubringen?

Ryan Levin: Naja, im Grundsatz bin ich eigentlich kein zorniger Mensch, wahrscheinlich nicht einmal im Verborgenen. Allerdings bin ich auch nicht der Typ, der immer alles durch die rosa Brille betrachtet. Es ist schon seltsam, ich denke, dass ich ein ziemlich ernsthafter Mensch bin. Die Leute sind da in aller Regel immer ein bisschen überrascht, wenn sie erfahren, dass ich meinen Lebensunterhalt als Comedy-Autor verdiene. Im Gegensatz zu den TV-Formaten, für die ich arbeite, ist mein Humor allerdings viel schwärzer. Ich schätze, das hat zum Teil damit zu tun, dass ich schon auf gewisse Weise irgendwo Wut in mir trage, andererseits ist es aber auch einfach nur eine persönliche Vorliebe für diese Art von Humor, über die ich einfach mehr lachen kann als über die harmloseren Sachen. Aber wie oft ich gerne jemanden umbringen will? Keine Ahnung, einmal die Woche vielleicht, aber nicht allzu oft. Hätte ich einen Film mit dem Titel „Some guy who wants to punch People“ gemacht, dann hätte das schon mehr auf mich zugetroffen. Denn in den meisten Fällen würde ich Leuten dafür, dass sie mir auf die Nerven gehen, durchaus gerne einfach eine kleben wollen. Wenn ich etwa in einer langen Schlange stehe, auf der Bank oder im Copy-Shop, dann gibt es da immer genügend Leute, die meine Geduld solange auf die Probe stellen, bis ich sie am liebsten ohrfeigen oder einfach nur kräftig schütteln will. Und ich denke mal, die Extremform davon ist eben, jemanden umzubringen. Was in einem Film einfach besser aufgehoben ist.

screen/read: Ich kann mir vorstellen, dass Du dieses Bedürfnis im Verlauf all der Versuche, den Film finanziert zu bekommen, mehr als einmal unterdrücken musstest. Lass uns ein bisschen darüber reden, wie sich die ganze Sache von der Grundidee, die lose auf Deinem Kurzfilm „The Fifth“ basiert, bis zur ersten Klappe des Films entwickelte.

Ryan Levin: Das war ein ziemlich langer Prozess. Ich denke, es muss irgendwann in 2007 gewesen sein, als ich mit dem Drehbuch begann, und den Film haben wir dann 2010 gedreht. Das waren also etwa drei Jahre, aber bei all dem, was zwischenzeitlich passiert ist, und mit dem ganzen Auf und Ab, fühlt es sich wesentlich länger an. Das Drehbuch selber zu schreiben dauerte für mich schon länger als gewöhnlich. Ich musste immer wieder unterbrechen und neu anfangen, weil andere Aufträge dazwischen kamen, die erledigt werden wollten. Als das Buch bereits ein Stück weit fortgeschritten war, hatte ich mich bereits mit ein paar Leuten getroffen, die ihre Karriere als Produzenten in die Gänge bringen wollten. Wir beschlossen, einen Casting-Director zu engagieren, um das Projekt mit ein paar bekannteren Namen in Verbindung zu bringen und damit bestenfalls ein attraktives Gesamtpaket für potentielle Investoren in der Hand zu haben. Zum damaligen Zeitpunkt gingen wir von einem Budget von etwa zwei bis drei Millionen Dollar aus, und um das Geld zu bekommen, brauchten wir prominente Mitstreiter. Dass wir dabei vor allem an Leute dachten, die wir niemals bekommen konnten, steht auf einem anderen Blatt.

Some guy who kills people

screen/read: Ein prominenter Vertreter, der am Ende dann doch Interesse zeigte, wenn auch nicht als Schauspieler, war John Landis. Wie kam es dazu?

Ryan Levin: Ursprünglich dachte ich, dass ich selber die Regie übernehmen würde, und es dauerte eine ganze Weile, bis ich einsah, dass das keine gute Idee war. Der Grund dafür war gar nicht einmal der, dass ich Interesse daran hatte, Regisseur zu werden. Mein Ding ist das Schreiben. Klar hatte ich Spaß dabei, den Kurzfilm zu drehen, aber Regieführen gehörte nie wirklich zu meiner Karriereplanung. Der eigentliche Grund war, dass ich so lange an diesem Buch gearbeitet hatte, bis ich es in- und auswendig kannte, und niemandem zutraute, es so umzusetzen, wie es sich in meinem Kopf abspielte. Deshalb wollte ich lieber selber Regie führen. Als ich den Gedanken endlich aufgab, verschaffte uns das die Freiheit, nicht nur nach Schauspielern, sondern auch nach einem möglichen Regisseur zu suchen. Und John Landis war tatsächlich der erste, den wir ansprachen. Weil wir wussten, dass er mit mehreren Genres auf einmal umgehen konnte, und weil er jemand war, von dem wir dachten, dass ihm das Buch gefallen könnte. Also ließen wir es ihm über seinen Agenten zukommen, und bereits einen Tag später bekamen wir eine Rückmeldung. Kurz darauf gab es ein sehr, sehr, sehr langes Treffen mit ihm. Er wollte wissen, wie das Buch entstanden war, wo es herkam, warum ich es geschrieben hatte und so weiter. Er hatte Fragen zum Skript, machte hier und da ein paar Anmerkungen, und wie lernten uns gegenseitig ein bisschen kennen. Gegen Ende des Treffens sagte er dann tatsächlich, „Alles klar, ich übernehme die Regie.“ Mit diesem Ergebnis gingen wir dann zu einer Finanzierungsgesellschaft und sagten, „Folgendes, wir haben zwar keine Schauspieler, aber wir haben John Landis, der uns gerade mündlich zugesichert hat, die Regie zu übernehmen.“ Und ihre Antwort war, „Perfekt, auf dieser Grundlage kriegen wir das Geld zusammen.“ Die nächsten Wochen hatten Landis und ich dann ein paar Treffen, und er machte weitere Anmerkungen zum Skript, ich änderte daraufhin ein paar Dinge, er machte weitere Vorschläge, und so weiter. Doch dann, ungefähr zu dem Zeitpunkt, als die Finanzierungsleute anfingen, richtig Gas zu geben, bekam Landis grünes Licht für „Burke & Hare“ und sagte, „Tut mir leid, Jungs. Größeres Projekt, höheres Budget, prominentere Namen, und außerdem etwas, auf das ich schon jahrelang warte. Jetzt hat es grünes Licht gegeben, und deshalb ist das mein nächster Film. Alles Gute.“

screen/read: Ein Alptraum.

Ryan Levin: Allerdings. Damit verloren wir praktisch alles, was wir hatten. Also gingen wir zu den Finanzierungsleuten und sagten, „Schlechte Neuigkeiten, Landis ist raus. Um wen könnten wir uns alternativ bemühen, um das Geld zusammenzukriegen?“ Darauf gaben sie uns eine Liste mit drei Namen. Einer war Edgar Wright. Und weil „Zombieland” am Wochenende zuvor gerade auf Platz eins gegangen war, schlugen sie Ruben Fleischer vor. An den dritten Namen kann ich mich nicht mehr erinnern, aber den konnten wir sowieso ebenfalls nicht kriegen [lacht]. Also sagten wir artig, „Danke. Sehr hilfreich” und hatten rein gar nichts. Ich weiß nicht, wie lange genau wir zu diesem Zeitpunkt nach Geld gesucht hatten, aber es fühlte sich wie Jahre an, und wir hielten immer noch keinen einzigen Cent in der Hand. Das Projekt sah für mich also ziemlich tot aus. Nichts desto trotz schlug ich vor, das Buch einem Line Producer vorzulegen, um eine Idee davon zu bekommen, für welches Budget sich der Film im Extremfall machen lassen würde. Bis dato hatten wir einen Großteil der Gesamtsumme für die Schauspieler einkalkuliert. Und da ist es einfach so, dass selbst B-Stars mit bekanntem Namen immer noch 150.000 Dollar haben wollen. Also legten wir das Skript ein paar Line Producern vor mit dem Ergebnis, dass sich der Film bei einer Drehzeit von nur wenigen Tagen und ohne Gage für irgendeinen der Beteiligten für ein paar 100.000 Dollar machen ließ. Also sagte ich, „Ok, super, aber das Geld haben wir auch nicht. Ich beteilige mich mit 10 Dollar [lacht].” Also zogen wir los und sammelten das Geld von Freunden und Verwandten, ohne etwas in der Hand zu haben außer einem Drehbuch und der Zusage von John Landis, als Executive Producer zu fungieren. Es dauerte ein paar Monate, bis wir das Budget zusammen hatten, und dann begannen wir mit dem Casting. Von da an lief es wie bei einem normalen Film. Vermute ich jedenfalls. Es ging nur noch darum, die richtigen Leute zu finden.

screen/read: So wie Jack Perez, der erst Dich und dann John Landis als Regisseur ersetzte.

Ryan Levin: Genau. Wir trafen uns mit einer Reihe von Regisseuren und Jack war einer von ihnen. Ich kannte ihn nicht, ich kannte seine Arbeit nicht, und als ich erfuhr, dass wir uns mit ihm treffen würden, wusste ich lediglich, dass er einen trashigen Film namens „Mega Shark vs. Giant Octopus” gemacht hatte, der so eine Art Kulthit geworden war. Ich hatte also keine besonders hohen Erwartungen, doch als wir uns trafen, sagte er so ziemlich als aller erstes, „Ich liebe diesen Film, ich liebe dieses Skript. Ich habe es zehnmal gelesen. Das ist das Drehbuch, auf das ich schon immer gewartet habe.” Dann schlug er sein Notizbuch auf und zeigte mir eine Handvoll Szenen, für die er bereits Storyboards entworfen hatte. Er beschrieb mir seine Vision und wie die Stimmung des Films sein sollte und der Look, sprach über einzelne Szenen und so weiter. Es war ganz schön schmeichelhaft, dass jemand die Zeit und Energie aufgebracht hatte, diese Storyboards zu zeichnen und mögliche Schauspieler für all die unterschiedlichen Rollen aufzuschreiben. Und es war irgendwie erstaunlich, wie sehr unsere Vorstellungen übereinstimmten, obwohl wir uns nie zuvor getroffen hatten. Nach unserem Termin ging es mir dann ziemlich gut. Ich hatte das Gefühl, ihm den Stab weiterreichen zu können, und dass der Film in wirklich guten Händen war. Also ging ich nach Hause und sah mir ein paar seiner Filme an, und zwar solche, die er aus eigener Motivation gemacht hatte und nicht, weil er dafür bezahlt wurde wie im Fall von „Mega Shark”. Und mir wurde klar, dass Jack das Talent besaß, für wenig Geld eine ganze Menge abzuliefern, dass er Dinge viel besser aussehen lassen konnte, als es das Budget eigentlich zulassen würden. Also nahmen wir ihn unter Vertrag und begannen mit dem Casting.

Ryan Levin

[Oben: Ryan Levin. Unten: Jack Perez mit den Überresten eines Statisten.]

Some guy who kills people

screen/read: Ich kann mir vorstellen, dass das für einen Autor eine ziemliche interessante Angelegenheit ist und zugleich doch auch sehr schwierig, denn schließlich hat man ja bereits eine ganze Weile mit der eigenen Vorstellung den Figuren gelebt.

Ryan Levin: Das Casting, ach, das habe ich einfach geliebt. Casting hat mich schon immer interessiert. Und diesen Film zu casten, den ich über Jahre in meinem Kopf gehabt hatte, das war schon eine aufregende Erfahrung. Wir wussten, dass wir niemandem etwas zahlen konnten, also lautete der Deal, keine bekannten Schauspieler zu bekommen, sondern gute. Und das kann man tatsächlich hinbekommen. Was Ken, die Hauptfigur, betrifft, kamen eine Menge Leute zum Vorsprechen, aber ehrlich gesagt, kann ich mich ein niemanden erinnern, der auch nur im Ansatz dem entsprach, was ich haben wollte. Irgendwann beschlossen wir, direkt bei jemandem anzufragen, ganz ohne Vorsprechen. Natürlich würde Geld nicht der ausschlaggebende Faktor sein können, sondern nur das Skript, das der Betreffende hoffentlich mögen würde. Also machten wir eine überschaubare Liste mit Leuten, die in Frage kamen. Und was Kevin Corrigan betraf, waren Jack und ich beide der Meinung, dass er für die Rolle ideal wäre und sie perfekt hinkriegen würde, und dass es großartig wäre, ihn einmal in einer Hauptrolle zu sehen, was bis dahin nie der Fall war. Wir hatten das Gefühl, dass er aus der Figur einiges herausholen könnte, was auf dem Papier eher still, monoton, vielleicht halbtot und depressiv aussah. Wen man ihn spielen sieht, scheint immer etwas im Gange zu sein. Philip Seymour Hoffman ist da ähnlich. Beide tragen ständig etwas zu einer Szene bei. Sie gehen die Dinge auf ganz untraditionelle Weise an, so wie man es niemals erwarten würde, und selbst wenn sie nichts sagen, schauspielern sie sich den Arsch ab. Also fragten wir ihn an, doch da war er gerade mitten in einem Dreh. Also besetzten wir erst so ziemlich alle anderen zentralen Rollen, bevor wir ihm das Skript geben konnten und er tatsächlich zusagte. Überhaupt sind die einzigen beiden Rollen, die wir nicht über ein Vorsprechen besetzten, Ken und sein Freund Irv. Der Casting-Direktor schlug uns Leo Fitzpatrick vor. Er hatte eine vergleichsweise große Rolle in „The Wire“, für mich eine der bestgeschriebensten TV-Serien aller Zeiten. Aber er war auch in einigen Independent-Filmen zu sehen, und ich war sowieso schon immer Fan von ihm. Unser Casting-Direktor kannte also seinen Agenten, schickte ihm das Skript, er mochte es, und wir engagierten ihn. And dann drehten wir das verdammte Ding [lacht].

screen/read: Wieviel Zeit hattet Ihr dafür?

Ryan Levin: Wir drehten insgesamt sechzehn Tage in und um Los Angeles, und das bei einem wirklich entsetzlichem Wetter, das uns jede Menge Zeit kostete. Wir hatten gleich zu Beginn fünf Tage Regen, und das raubte uns die ganze Energie und bremste die Crew aus. Also verloren wir eine Menge Drehzeit, und ich hatte wenig Optimismus, dass wir alles, was wir fertigkriegen mussten, auch auf die Reihe bekommen würden. Also überarbeitete ich das Skript, strich Sachen raus, die wir nicht unbedingt brauchten, und tauschte Spielorte aus, damit wir mehr Szenen an denselben Locations drehen konnten, um so Zeit und Geld zu sparen. Offen gesagt bedaure ich am meisten, dass wir eine Kampfszene aus dem Schlussteil aufgeben mussten. Da sind drei bis vier Seiten weggefallen, wo es eine aufwendige und absurde Sequenz gab, bei der Leute angeschossen wurden und so weiter. Es war einfach insgesamt ein größeres Finale als jetzt.

Some guy who kills people

screen/read: Das ist interessant, denn in der aktuellen Fassung wirkt es nicht so, als würde etwas fehlen. Jetzt geht es eben darum, die Sache zu einem Abschluss zu bringen und einige der Figuren zu retten. Das zu sehen, ist völlig zufriedenstellend. Die Idee einer aufwendigen Kampfsequenz lässt die Sache natürlich ganz anders aussehen.

Ryan Levin: Tja, wer weiß. Vielleicht ist das, was übrig geblieben ist, viel besser als das, was ich im Kopf hatte. Oder vielleicht wäre der Idealfall auch irgendeine Lösung zwischen beiden Versionen gewesen. Ursprünglich gab es eine Menge Zeug wie herumfliegende Revolver, die niemand zu greifen bekommt, und dann schafft es eine der Figuren doch und schießt einem anderen in den Hintern und so weiter. Aber es wäre schon noch dem Ton des restlichen Films gemäß gewesen und nicht plötzlich so eine Art Marx-Brothers-Nummer geworden. Speziell die Figur des Sheriffs hätte mehr Absurdität hinzugewonnen.

screen/read: Bleiben wir doch direkt mal beim Sheriff. Natürlich gibt es eine Reihe sehr faszinierender Charaktere im Film, und Ken ist sicher der interessanteste, aber ich hatte den Eindruck, dass der Sheriff in gewissem Sinne nach einem Spin-Off verlangt. Betrachtet man die Geschichte aus seiner Perspektive, dann fühlt sich der Film wie eine besondere Folge einer langlebigen Serie an, in der eben der Sheriff die Hauptfigur ist. Jedes mal, wenn er auftritt, zieht er die Aufmerksamkeit auf sich und hinterlässt einen bleibenden Eindruck. War das von Anfang an so gedacht, dass die Figur so zentral erscheint, oder hat sich das erst mit der Darstellung durch Barry Bostwick ergeben?

Ryan Levin: Lustig, dass Du das sagst, denn nachdem wir mit dem Dreh fertig waren, haben Jack und ich einmal beim Mittagessen kurz über die Möglichkeit nachgedacht, eine TV-Serie mit dem Sheriff als Hauptfigur zu entwickeln [lacht]. Ich würde einfach gerne mehr Zeit mit dem Kerl verbringen. Er ist der Sheriff einer Kleinstadt, warum nicht ein paar Staffeln lang mit ihm abhängen?

screen/read: Er ist wesentlich cleverer als man es normalerweise von Typus des Kleinstadt-Sheriffs im Film erwarten würde. Ich glaube, er hätte auch in Twin Peaks einen guten Job gemacht.

Ryan Levin: Ja, da ist ganz sicher etwas dran. Ursprünglich war er geradliniger, ungebildeter, gab dummes Zeug von sich, begriff rein gar nichts und war einfach nur ein wirklich schlechter Gesetzeshüter. Völlig uneffektiv. Aber mit der Zeit und auf Grundlage von Notizen und eigenen Überlegungen begriff ich irgendwann, dass dieser Kerl eine echte Herausforderung braucht, um die er sich kümmern kann. Den Killer also. Und um diesen überführen zu können, wollten wir, dass der Sheriff etwas an sich hatte, das ihn dazu qualifizieren würde. Im Hinblick auf die Geschichte, aber auch im Hinblick auf die Figur selbst. Also mussten wir ihn mehrdimensionaler anlegen. Im ersten Entwurf war er eine Comicfigur, aber daran konnten wir jetzt nicht mehr festhalten. Also musste ich ihm mehr Tiefe verleihen und einen wirklich kompetenten Cop aus ihm machen. Trotzdem wollte ich aber beibehalten, dass er zum einen in einer Kleinstadt lebt, und dass er zum anderen nicht wirklich mit Verbrechen dieser Art vertraut ist. Aber er sollte damit auch nicht überfordert sein, also sich nicht wie ein Idiot verhalten, der über die Beweise stolpert oder die Handschellen vergisst und so weiter. Er musste jemand sein, der seinen Job auf kompetente Weise macht. Ihm musste die Sache so wichtig sein, dass er Zeit und Mühe in die Suche nach dem Killer investiert. Und er brauchte den Verstand und die Instinkte eines Polizisten, um in der Lage zu sein, den Kerl zu überführen. Also brauchten wir eine Spur, die durch den Film führt, und auf der er die Teile zusammenfügt. Ansonsten hätte es überhaupt keine Existenzberechtigung für den Sheriff gegeben. Also erdete ich ihn als jemanden, der es wirklich als seine Aufgabe erachtet, diese Morde aufzuklären, der sich seinem Job gegenüber verpflichtet fühlt, und der in der Lage ist, gute Arbeit abzuliefern. Auf dieser Grundlage konnte ich der Figur dann auch die Erlaubnis geben, sich ein bisschen unorthodox zu verhalten und auch mal seltsame oder gar dumme Sachen zu sagen. Denn ich wusste ja jetzt bereits, dass er trotz allem ein guter und qualifizierter Cop ist.

Some guy who kills people

Some guy who kills people

Die Sache mit Barry war, dass ich einen bestimmten Look für die Figur im Kopf hatte. Wir sahen uns also eine Menge Leute an, die ich zum Teil aus anderen Filmen und TV-Serien kannte, und es war sehr cool zu erleben, wie sie für meinen kleinen Film vorsprachen und meinen Text lasen. Mit ihren grauen Haaren und Schnauzbärten entsprachen sie ziemlich genau meiner Vorstellung. Aber was ihnen fehlte, war die skurrile Art der Figur. Einige von ihnen waren lustig, aber der Witz kam mehr aus dem Wechsel von schroffem Verhalten auf der einen und freundlicher Konversation auf der anderen Seite. Das war mir einfach nicht genug. Und dann kam Barry und spielte die Szene mit der Badewanne vor, so wie alle anderen. Also ging er um die Wanne herum, unterhielt sich mit dem Deputy, trug seine Theorie über abstrakten Expressionismus vor und all das andere Zeug. Aber Barry tat das alles auf ganz andere Weise. Er lieferte das absurdeste und unorthodoxeste Vorsprechen aller Zeiten ab. Wir hatten dieselbe Szene wieder und wieder gesehen, und dann kommt er und macht etwas völlig anderes als ich es jemals erwartet hätte. Es war mit das Lustigste, was ich in meinen ganzen Leben gesehen habe. Er kroch über den Boden, flüsterte erst etwas und schrie dann laut – aber das ist schwer nachzuvollziehen, wenn man es nicht gesehen hat. Und danach sagte er dann, „Ach nein, versuchen wir es noch einmal” und bot einen ganz anderen Ansatz, der mindestens genauso irrsinnig war. Körperlich hatte er mit meiner Vorstellung des Sheriffs nicht viel zu tun, aber das war nach dem Vorsprechen völlig egal. Er bekam die Rolle sofort. Und dann am Set war er nochmal besser. Bei jedem Take gab er uns etwas anderes und verlieh Textzeilen einen Witz, von denen ich in tausend Jahren nicht gedacht hätte, dass sie lustig sein könnten.

screen/read: Heißt das auch, dass er Zeilen veränderte und improvisierte, oder hielt er sich eng ans Drehbuch?

Ryan Levin: Die Sache war die, wir hatten keine Gelegenheit, vor Produktionsbeginn mit den Schauspielern zu proben. Der einzige Zeitpunkt, an dem wir überhaupt proben konnten, war kurz vor dem Dreh der jeweilige Szene. Barry und Eric Price, der den Deputy spielt, entwickelten diese tolle Chemie, weil sie so viele gemeinsame Szenen hatten. Jedes Mal, wenn sie zu einem Tatort kamen, führten sie ihre kleine Schlagabtausch durch, aber manchmal funktionierte das, was auf dem Papier stand, am Set nicht so, wie wir es uns vorgestellt hatten. Also setzten wir drei uns kurz zusammen und überlegten, wie sich stattdessen improvisieren und etwas Lustigeres abliefern ließe. Und das passierte ein paar Mal. Da gibt es etwa diese eine Szene, wo sie beide den einen oder anderen Kalauer produzieren, und ich dachte mir, es wäre eine gute Pointe, wenn das nur einer von ihnen begreift. Und das wäre der Sheriff. Daraus ist jetzt so ziemlich meine Lieblingsszene geworden, und die haben wir etwa 30 Sekunden vor dem Dreh geschrieben.

screen/read: Das ist eine von vielen Szenen, die auch nach mehrmaligem Anschauen immer noch hinzugewinnen, und die man deshalb wieder und wieder sehen will. Man fängt an, sich die Dialoge und Pointen zu merken, und das ist meistens der Moment, von dem aus sich ein gewisser Kultstatus einstellt. Heutzutage ein eher seltenes Phänomen, denn die meisten Filme laufen ja eher einer guterprobten Formel hinterher. Genau das macht Ihr aber eben nicht, sondern versucht Euch stattdessen an der Überlagerung unterschiedlicher Genres. War das etwas, das Du von Anfang an vorhattest, oder hat sich das nach und nach so ergeben?

Ryan Levin: Das war mehr oder weniger schon von Anfang an so, denn ich hatte mit einer Hauptfigur begonnen, die ein Killer war, wollte aber zugleich, dass der Film eine Komödie werden sollte. Durch den Killer wurden aber auch Slasher-Elemente notwendig, denn schließlich sollten wir sehen, wie er Leute umbringt. Und ich wollte, dass er eine echte Bedrohung wäre, ein ernsthafter Serienkiller, deshalb durften die Morde nicht komisch werden. Ich wusste also, dass diese Szenen ohne Brechung ausfallen mussten. Und obendrauf hatte ich dann auch ziemlich schnell den Handlungsstrang mit der kleinen Tochter im Blick, was wieder einem ganz anderen Genre zugehört. Die größte Herausforderung für mich war es, einen gemeinsamen Ton zu finden. Wir sollte das aussehen? Würde es drunter und drüber gehen, oder ließen sich all diese disparaten Elemente so unter einen Hut bringen, dass man nicht das Gefühl bekam, drei unterschiedliche Filme zu sehen? Ich wusste, dass die Coen-Brüder das konnten [lacht], aber ob ich das auch konnte, das wusste ich nicht. Das Rückgrat des Films ist jedenfalls die Vater/Tochter-Geschichte. Wenn man sich jetzt vorstellt, nur diesen Handlungsstrang zu haben, wo ein normaler einsamer Kerl zum ersten Mal seine Tochter trifft, aber nichts mit ihr zu tun haben will und Angst hat vor dem Gedanken, ein Vater zu sein, und so weiter, dann ist das für mich ein Independent-Film. Was ich also eigentlich machte, war, hier andere Ebenen hinzuzufügen. Denn zunächst mal ist er kein normaler Kerl. Er tötet Menschen. Und das ändert die ganze Sache.

Some guy who kills people

screen/read: Und macht alles eine Spur interessanter. Denn sobald die Vater/Tochter-Geschichte an Bedeutung gewinnt, wollen wir nicht mehr, dass er erwischt wird, auch wenn er ein Killer ist. Gleichzeitig wissen wir, dass der Sheriff clever genug ist, um ihn früher oder später zu überführen. Und so gibt es keinen Ausweg, und es bleibt einem nichts übrig als abzuwarten und zu hoffen, dass es doch noch eine unerwartete Lösung für ein Happy End gibt. Was den Film auf eine ganz andere Ebene hebt.

Ryan Levin: Offen gesagt, ist das genau die Reaktion, die ich haben wollte. Die Zuschauer sollten in einer Position sein, aus der heraus sie sagen würden, „Dieser Kerl bringt Leute um, aber ich will nicht, dass er eingesperrt wird. Er hat gerade seinen wahren Grund zu leben gefunden und diese großartige Beziehung zu diesem großartigen Mädchen entwickelt, das seine Tochter ist. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass er für immer weggesperrt wird. Er hat Leute umgebracht, ja und? Lasst ihn in Ruhe” [lacht]. Während des Schreibens bin ich dann mehrere Möglichkeiten durchgegangen, wie der Film enden könnte. Mit der Lösung, für die ich mich schließlich entschieden habe, bin ich zufrieden, und ich glaube, bislang hat mir noch niemand gesagt, dass er mit einer Alternative glücklicher gewesen wäre. In jedem Fall steht die Beziehung zwischen Vater und Tochter im Zentrum, und alles andere kommt oben drauf. Ich wollte einfach, dass die Leute Ken trotz der Morde gern haben.

screen/read: Besonders weil wir als Zuschauer denken, dass die Leute, die umgebracht werden, sowieso nicht sonderlich sympathisch sind und aus Kens Perspektive ganz sicher verdient haben, was sie bekommen. Das macht ihn nicht gerade zu einem besonders abstoßenden Typus von Killer.

Ryan Levin: Ja, das war die andere Sache. Es gab frühe Entwürfe, wo er noch keinen Grund hatte. Er brachte einfach Leute um. Mir wurde aber klar, dass das nicht funktionieren würde. Man könnte das vielleicht theoretisch irgendwie hinkriegen. Aber soweit es mich anging, glaube ich nicht, dass ich eine negative Figur liebenswert wirken lassen könnte.

screen/read: Dieses Konzept funktionierte in Deinem Kurzfilm ziemlich gut, aber in einem Langfilm hat das keinen Platz. Denkt man etwa an „Dexter” als einen vergleichbaren Fall, dann hat diese Figur immer auch einen nachvollziehbaren Grund zu töten, und nur deshalb funktioniert die Serie auch so gut.

Ryan Levin: Genau, er bringt nicht einfach irgendwelche Leute um, sondern immer nur die Bösen, andere Killer eben. Es ist so, wie Du es schon beschrieben hast, Ken hatte in den frühen Entwürfen noch keinen Anlass zu töten, weil ich die Idee des Kurzfilms einfach übertrug. Irgendwann begriff ich dann, dass ich mich davon lösen und stattdessen herausfinden musste, wer es verdiente, bzw. wer Ken einen Grund gab, von ihm umgebracht zu werden. Und das wurde ein Teil des Schreibprozesses. Nun bin ich kein Schnellschreiber, ich muss vielmehr eine ganze Weile schreiben, bevor die Dinge anfangen, sich mir aufzudrängen. Ich muss mir auf einem Blatt Papier vor Augen führen, was meine Optionen sind, selbst wenn einige davon ziemlich dumm sind. Ich muss einfach mit Ideen jonglieren, sie aufschreiben, und dann finden sich darunter manchmal ein paar Goldsplitter, die ich gebrauchen kann, ohne dass ich sie mir bewusst ausgedacht hätte. So wie die ganze Sache mit dem Basketball-Team, und wie Ken von ihnen erniedrigt wurde, das ergab sich einfach von selbst. Und das mag ich, das ist die Art zu arbeiten, die mir entspricht.

Some guy who kills people

screen/read: Ich denke, gerade dieses Element bietet großes Identifikationspotential, denn irgendeine Außenseiterposition hat in der Schule so ziemlich jeder auf die eine oder andere Weise einmal gehabt. Manchen mag so etwas sein ganzes Leben lang verfolgen, und da würde man gerne Rache nehmen. Ken und seine Motivation wird da also leicht nachvollziehbar.

Ryan Levin: Ja, das ist so ziemlich genau das, was ich mit beim Schreiben vorgestellt habe. Für die einen sind es die Eltern, für andere die Geschwister oder jemand Fremdes oder eine Sache, die sich einfach immer wiederholt, so wie ein Stempel, der einem aufgedrückt wird, und den man nicht mehr los wird. Man kann es bis zu ganz konkreten Erlebnissen zurückverfolgen, die eine Art Muster ergeben, und selbst wenn man älter wird und etwas erreicht hat, verheiratet ist und Kinder hat, bleibt es immer noch an einem haften. Für den Film fand ich es cool, all die Erniedrigungen, die Ken über sich ergehen lassen musste, in einer einzigen Nacht eskalieren zu lassen, in der er komplett auseinander genommen und entwürdigt wird. Sie zertrümmern einfach sein ganzes Selbstvertrauen. Und um noch einmal auf Deine Frage vom Anfang zurückzukommen, wie oft ich gerne jemanden umbringen würde, tja, in so einer Situation würde man schon abschließende Genugtuung haben wollen. Was mich persönlich betrifft, habe ich ein echtes Problem mit Ungerechtigkeit in Fällen, wo jemand mit etwas ungestraft davonkommt, selbst wenn es etwas Belangloses ist. Auch schon, wenn jemand in einer Unterhaltung etwas Falsches behauptet und man glaubt, es entspreche der Wahrheit. Das kotzt mich an, und ich muss den Betreffenden einfach wissen lassen, dass er Mist erzählt [lacht]. Ich will nicht, dass Leute einfach so davonkommen. Das ist also etwas, das mir sehr wichtig ist, und ich konnte es bei Ken einbauen. Aber auf eine stille Weise, die genau der Art entspricht, wie ich so etwas tun würde. Es gab Zeiten, wo ich dachte, dass ich eine sehr stark überhöhte Version von mir selbst schreiben würde. Im Film ist Ken übrigens auch ganz unabsichtlich oft so angezogen wie ich. Die Kostümbildnerin konnte zwar völlig frei entscheiden, aber sie steckte Ken einfach immer wieder in Hoodies, und die trage ich eben auch dauernd.

Some guy who kills people

screen/read: Bewegen wir uns ein bisschen weg vom Film und sprechen ein bisschen mehr über Dich als Autor im Allgemeinen. Du hast ja unter anderem für die TV-Serie „Scrubs” geschrieben und bist als Kreativberater für „South Park” tätig gewesen – was auch immer das heiße mag. Wo liegen Deine beruflichen Wurzeln, und was hast Du bislang sonst so gemacht?

Ryan Levin: In aller Kürze, ich stamme aus Los Angeles, ich bin in Philadelphia zur Schule gegangen und dann für etwa fünf Jahre nach New York gezogen. Irgendwann begann ich zu schreiben und mir wurde klar, dass ich eigentlich nie zuvor nur so zum Spaß geschrieben hatte. Ich begann, das eine oder andere TV-Material zu verfassen und beschloss, dass ich grundsätzlich fürs Fernsehen schreiben wollte. Mir wurde klar, dass ich nach Los Angeles zurückgehen musste, weil dort neunzig Prozent aller TV-Serien produziert werden. Also kam ich wieder hierher und wurde Produktionsassistent bei „Scrubs”. Das war zum damaligen Zeitpunkt meine Lieblingsserie und zugleich auch ausgerechnet die, bei der ich dann schließlich landete. Später arbeitete ich als Assistent für die Autoren. Das bedeutet, man sitzt in ihrem Büro und schreibt einfach alles mit, was sie sagen. Ich tippte also all die Gags und Storylines und so weiter. Insgesamt war ich bei „Scrubs” drei Jahre lang immer irgendein Assistent. Dann schrieb ich zwar selber eine Episode, verließ das Team danach aber, weil es keine offenen Stellen als Autor und auch sonst keine Aufstiegschancen für mich gab. Stattdessen versuchte ich, einen Autorenjob bei einer anderen Serie zu bekommen, aber weil Comedy im TV zum damaligen Zeitpunkt nicht besonders gut lief, war es ziemlich schwer, eine Anstellung zu bekommen. Also übernahm ich wieder Assistentenstellen bei unterschiedlichen Serien. Ich schrieb Sachen, bemühte mich um Jobs bei irgendeiner Serie, hatte sogar einen Agenten, der mich unterbringen wollte. Bei „South Park” war ich tatsächlich auch, aber nur für eine kurze Zeit, denn die Serie entsteht auf eine sehr, sehr seltsame Weise. Für zwei Jahre schrieb ich an einer Sitcom für Disney, und jetzt für eine Serie auf Cartoon Network. Zwischendurch arbeitete ich immer wieder zunächst an meinem Kurzfilm und dann an „Some guy who kills People”. Ich schrieb aber auch andere Drehbücher, die wesentlich kommerzieller waren, und versuchte, sie zu verkaufen. Aber das ist alles andere als einfach.

screen/read: Irgendwelche Drehbücher darunter, die Du gerne selber realisieren würdest?

Ryan Levin: Naja, ich habe bei einen Wettbewerb etwa 10.000 Dollar für einen Kurzfilm gewonnen. Gefragt war ein Entwurf für einen Horrorfilm-Killer. Und weil mein Gehirn eben nicht anders arbeitet, bin ich wieder den Weg einer Horror-Komödie gegangen. Ich weiß nicht, ob ich überhaupt in der Lage bin, mir etwas wirklich, wirklich Beängstigendes auszudenken, das nicht zugleich auch irgendwie komisch ist. Es wird ein vier bis fünf Minuten langer Kurzfilm, in dem der Killer auftaucht. Und genauso wie mich „The Fifth” dazu gebracht hat, „Some guy who kills People” zu schreiben, fand ich es reizvoll, aus diesem Kurzfilm etwas Längeres zu machen. Also begann ich damit, und wieder wurde es so ein Wechsel von Schreiben, Pausieren, Schreiben und so weiter. Ich arbeite jetzt seit etwa anderthalb Jahren daran und sollte wirklich relativ bald fertig werden. Es ist diesmal eine viel größer angelegte Sache, und das macht sie schwieriger umzusetzen, da teurer, und ich befürchte, dass keines der großen US-Studios Interesse haben wird.

screen/read: Und falls doch, dann wüssten sie garantiert nicht, wie sie den Film vermarkten sollten. Wenn kein klares Genre erkennbar ist, sind die Marketingverantwortlichen bekanntlich schnell überfordert. Im Gegensatz dazu finde ich Euren Ansatz, den Film mit diesem sensationellen Poster im Comicstil zu verkaufen, ziemlich ungewöhnlich und wirkungsvoll. Ohne irgendetwas sonst über den Film zu wissen, war mein Interesse da schon geweckt. Ich denke, viele Leute empfinden das ähnlich.

Ryan Levin: Sehe ich genauso, doch es gibt eine ironische Komponente dabei. Der Künstler, der für das gesamte Artwork verantwortlich war, also auch für Kens Zeichnungen, hat das Poster entworfen. Wir haben zusammen daran gearbeitet, ich wollte diesen Comicstil, er hielt sich daran und die Leute lieben das Resultat. Ich denke, es ist in seiner jetzigen Form großartig. Es hat diesen Bezug zum Film, macht neugierig, vermittelt durch das blutige Messer die Vorstellung eines Horrorfilms, doch dann ist da auch eine Eistüte, und man bekommt das Gefühl, dass da noch mehr hinter steckt. Es könnte lustig sei, es könnte etwas seltsam sein, aber es ist ganz sicher kein normaler Slasher. Die Ironie dabei ist, dass ich gefragt wurde, ob wir das Poster nicht austauschen könnten. Kurz vor dem Filmmarkt in Cannes hatten wir einen Vertrag mit einer Agentur geschlossen, die den Film dort vorstellte und ihn an einen südafrikanischen Verleih verkaufte. Sie sagten sie mir, der erste Markt diene dazu herauszufinden, was die Käufer wollen, was funktioniert, und was eben nicht. Sie hatten also das Poster dabei, den Trailer und einen Flyer, der im Wesentlichen das Poster mit ein paar Informationen auf der Rückseite war. Im Nachhinein berichtete mein Agent mir, dass die ausländischen Käufer verwirrt waren, weil die Komik im Trailer sich nicht sonderlich gut übersetzen ließ. Sie waren sich bewusst, dass das ein Risiko war. Und weil die Käufer den Comic-Ansatz nicht wirklich verstanden, fanden sie das Poster ebenfalls verwirrend. Wieder ging es darum, dass da sowohl ein bisschen Horror als auch ein bisschen Comedy war, sie aber entweder das eine oder das andere wollten. Mein Agent kam also zurück und sagte, „Dies und das ist passiert, dies und das haben die Käufer gesagt. Für den nächsten Filmmarkt in Los Angeles müssen wir das Poster und den Trailer ändern.” Und ich habe ihm geantwortet, „Ok, solange der Film verkauft wird, interessiert mich nicht, was wir machen! [lacht] Wenn Ihr diesen Film als Thriller verkaufen wollt, und wenn die Verleiher ihn so kaufen, dann von mir aus. Ich weiß, dass es kein Thriller ist, und wenn die ihn sich ansehen, werden sie ebenfalls wissen, dass es kein Thriller ist. Aber wenn ihr es ihnen als Thriller verkaufen könnt, dann macht das.” Ich weiß nicht viel über Verleiher hier in Amerika, ganz zu schweigen vom internationalen Markt. Jeder Verleiher hat seine Bedürfnisse, kauft bestimmte Arten von Filmen. Die sehen sich drei Minuten von einem Film an und entscheiden, ob er zu ihnen passt oder nicht. Die Überlagerung unterschiedlicher Genres ist dabei Segen wie Fluch gleichermaßen. Sie macht den Film zwar sehr einzigartig, ist aber auch schwierig zu verkaufen. Die Leute wollen Schubladen. Sie wollen wissen, ob sie es mit einem Horrorfilm oder einer Komödie oder einem Drama oder einem Action- oder Abenteuerfilm zu tun haben. Und wenn man all das zusammenschmeißt, dann wissen sie nicht, worum es sich genau handelt und wie sie es vermarkten sollen. Und wenn sie das nicht wissen, dann werden sie es auch nicht kaufen.

Some guy who kills people

screen/read: Man würde ja nicht unbedingt vermuten, dass das etablierten Leuten genauso ergeht, aber erst kürzlich hat mir Joe Dante erzählt, wie genau dasselbe mit seinem letzten Film „The Hole” passiert ist, und dass ihn dieses Problem praktisch seine ganze Karriere über immer wieder begleitet hat. Und ich denke, es war dasselbe bei John Landis mit „Burke & Hare”. Die Verleiher wissen einfach nicht, wie sie Filme verkaufen sollen, die genremäßig zwischen allen Stühlen sitzen. Aber würdest Du sagen, dass das ein speziell amerikanisches Problem ist? Und dass ein europäisches Publikum da möglicherweise offener sein könnte?

Ryan Levin: Aus der Sicht des Publikums würde ich Dir zustimmen. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum uns mehr europäische Festivals haben wollen als amerikanische. Weil sie möglicherweise offener sind und nicht unbedingt Filme brauchen, die klar auf ein bestimmtes Genre zugeschnitten sind, sondern mehr daran interessiert sind, ungewohnte Ansätze zu sehen. Und darin liegt vermutlich eine andere Form von Ironie, dass die Verleiher nämlich nicht unbedingt einkaufen, was ihr Publikum wirklich will. Aber wie gesagt, ich weiß nicht viel über internationalen Vertrieb, und ehrlich gesagt auch nicht über internationales Publikum, aber von dem wenigen, das ich tatsächlich weiß, würde ich denken, dass unser Film in Europa besser funktioniert als in den Staaten. Ich könnte mir vorstellen, dass diese Art von Humor in Deutschland, England und Frankreich ankommt. Bei asiatischen Ländern bin ich mir unsicher. Aber andererseits gibt es in Amerika ganz sicher auch jede Menge Leute, die diesen Film mögen würden. Manche Slasherfans wären von der Vater/Tochter-Geschichte vermutlich gelangweilt, und das muss man so hinnehmen. Unser Zielpublikum sind vermutlich eher Leute, die Slasher zwar mögen, aber zugleich auch etwas sehen wollen, das nicht schon x-mal gemacht worden ist. Doch das ist wirklich schwer zu sagen. Ich habe mit internationalen Agenten gesprochen, ich habe mit nationalen Agenten gesprochen, und die wissen es alle auch nicht [lacht].

screen/read: Welche Rolle spielt das Netz? Die Leute haben ja längst angefangen, über den Film zu reden. Ein gewisses Interesse ist also bereits da. Ändert das die Situation nicht im Hinblick darauf, ein Bedürfnis für einen Film zu wecken, der andernfalls nur schwerlich Aufmerksamkeit bekommen würde?

Ryan Levin: Ich kann nur hoffen, dass Du da Recht hast. Ich versuche wirklich nach Kräften alles, um Aufmerksamkeit zu schaffen, aber es gibt eben eine Menge Mitbewerber. Jeder hat einen Film, jeder hat irgendetwas, auf das er das Interesse der Leute lenken will, und das zu schaffen, ist wirklich schwierig. Eine Menge Horrorblogs und auch einige andersartige Seiten haben Artikel über den Film geschrieben und den Trailer gepostet und gesagt, wie cool und anders er ist. Aber abseits von neuen Followern bei Twitter oder Facebook ist es wirklich schwierig abzuschätzen, wie viele Leute Interesse haben oder auch nur wissen, dass der Film existiert. Er ist bislang noch nicht so oft gezeigt worden, und ich hoffe einfach, dass die Teilnahme an all diesen Festivals dafür sorgt, dass er im Anschluss verkauft wird und die Mund-zu-Mund-Propaganda dafür sorgt, dass Leute sagen, „Den Film musst Du sehen”. Und dann müssen wir ihn irgendwann erhältlich machen. Wenn einmal das Bedürfnis da ist, können wir die Leute nicht fünf Monate warten lassen, sonst haben sie sich längst anderen Sachen zugewendet. Es ist also eine Frage des Timings und wie man die Aufmerksamkeit der Leute bekommt. Das kann man teilweise beeinflussen, teilweise aber auch eben nicht. Das Beste, das ich tun kann, ist vermutlich dafür zu sorgen, dass die Leute am Ball bleiben, indem ich sie mit interessanten Inhalten versorge, mit Videos der Darsteller zum Beispiel, die Fanfragen beantworten. Das haben wir zum Beispiel gemacht. Und dann eben bei so vielen Festivals wie möglich präsent sein, denn je mehr Augen den Film sehen, desto mehr Leute können auch drüber reden.

screen/read: Wenn Du sagst, es sollte eine rasche Veröffentlichung geben, sobald das Bedürfnis der Leute groß genug ist, welche Formen des Vertriebs hältst Du da für realistisch? Denkst Du, Video-on-Demand ist die Lösung?

Ryan Levin: Mir ist relativ klar, dass es weder hier noch in Übersee eine Kinoauswertung geben wird. Und deshalb wird das Netz eine entscheidende Rolle spielen, denn dort sind die Möglichkeiten, sich Filme anzusehen, einfach sehr umfangreich. Wenn man es richtig macht, können Filmemacher und Investoren gleichermaßen viel mehr Geld machen als auf dem gängigen Vertriebsweg. Sollte ich hier in den USA einen wirklich guten Verleih finden, dann weiß ich, dass ich da nicht sonderlich viel Geld für die Rechte bekomme, und dass es unter der Voraussetzung, dass sich der Film gut verkauft, heißen würde, „Tja, wir haben so-und-so-viel in das Marketing gesteckt und die Produktion der DVD, und wenn wir das alles gegen rechnen, dann bleibt für Dich nichts übrig.” Und alternativ gibt es dann eben all diese neuen Unternehmen im Netz, bei denen man die Rechte an seinem Film behält, einen Prozentsatz für jeden Verkauf abgibt und so insgesamt mehr Geld macht. Und man überspringt die ganzen Zwischenhändler. Aber das ist alles noch neu und in der Entwicklungsphase.

screen/read: Und die Sehgewohnheiten der Zuschauer sind andere.

Ryan Levin: Ja, und noch etwas ist bemerkenswert: Ich habe mit einer gut etablierten Expertin für die Vermarktung von Independent-Filmen im Umfeld von Social Media gesprochen, und die sagte, eine der Möglichkeiten, die man in Betracht ziehen sollte, sei es, den illegalen Download des Films voranzutreiben. Denn das sorge dafür, das Leute drüber reden und den Film weiterempfehlen. Und eine Menge von ihnen wird tatsächlich sagen, „Weißt Du was? Ich werde mal sehen, ob ich nicht eine legale Fassung von diesem Film kriege oder eine DVD” Sie erzählte mir von einem Film, dessen Vermarktung sie beraten hat, und die Macher hätten ihn zum illegalen Download ins Netz gestellt. Bis heute kann man ihn sich zwar immer noch illegal ansehen, aber in der Zwischenzeit haben sich genügend Leute dazu entschieden, ihn auch ganz legal zu kaufen. Und so hat er nicht nur seine Kosten längst wieder eingespielt, sondern auch noch Gewinn gemacht. Das ist zwar eine ziemlich unorthodoxe Methode, um einen Film an die Öffentlichkeit zu bringen, aber es zeigt, dass sich die Verhältnisse längst so sehr gewandelt haben, dass man auch ohne einen großen Verleih Erfolg haben kann.

screen/read: Für welchen Weg auch immer Ihr Euch letztlich entscheidet, wir drücken Euch die Daumen, dass möglichst viele Leute euren Film zu sehen bekommen.

[Die englische Originalfassung unseres Interviews findet sich hier.]

Some Guy who kills People

Vorschau der ersten 6 Minuten des Films:

[Abbildungen: Battle of Ireland Films, Level 10 Films]

follow screenread on twitter | like screenread on facebook

Hinterlasse eine Antwort