Some Guy who kills People (Mordlust) | Filmkritik

12. Mai 2012

Some Guy who kills People

Nie zuvor haben mehr Filme den Markt geflutet als heute. Der Grund dafür ist nicht kreativer, sondern rein ökonomischer Natur. Eine handelsübliche Digitalkamera oder ein Smartphone reichen bereits aus, um die notwendigsten technischen Voraussetzungen zu erfüllen. Man kann das positiv sehen und eine Art Demokratisierung der Erzählform feiern. Wer jedoch genauer hinsieht, wird kaum umhin können, die Bezeichnung „Filmemacher“ verstärkt auf ihre aller engste wörtliche Bedeutung herunterbrechen zu müssen. Denn ein Großteil derer, die mittlerweile unter diesem Label firmieren, tragen weniger zur Schärfung als zur Inflationierung des Begriffs bei. Eine Kamera bedienen und Rohmaterial zusammenschneiden, das schafft heute jeder. Um aber im audiovisuellen Umfeld eine Geschichte erzählen zu können, dazu bedarf es eines nicht unerheblichen Anteils an Talent, Sorgfalt und Professionalität. „Some Guy who kills People“ kann mit allen drei Faktoren aufwarten und leistet dabei weitaus mehr als das Budget eigentlich erlaubt. Doch erst die Riesenportion Herzblut, die alle Beteiligten investiert haben, macht diesen Film zu einer echten Ausnahmeerscheinung.

Und das liegt nicht zuletzt an den verblüffend glaubwürdig gezeichneten Charakteren, die nur wenige Sekunden brauchen, um beim Zuschauer einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen – und das selbst dann schon, wenn noch gar nicht klar ist, welche Funktion sie im Rahmen der Geschichte eigentlich übernehmen. Da ist zunächst einmal Ken (Kevin Corrigan, „Fringe“), der meist in sich gekehrte Protagonist, von dem wir bereits wissen, dass er sein Leben aufgegeben hat, bevor wir überhaupt irgendetwas über ihn erfahren haben. Wie ein trauriger Clown lässt er es duldsam über sich ergehen, als Eistüte verkleidet auf Gartenpartys herumzustehen und auf der Straße Flyer zu verteilen, die ihm aus der Hand geschlagen werden. Rasch erfahren wir, dass er eine Weile in einer psychiatrischen Klinik verbracht hat und ein bemerkenswertes Talent als Zeichner besitzt.

In kurzen, alptraumhaften Rückblenden erfahren wir von einer immensen Demütigung, die ihn (so muss man vermuten) gebrochen und beinahe in den Selbstmord getrieben hat. Doch wir sehen noch eine andere Seite an Ken, dem hilf- und harmlosen Eisverkäufer, der immer noch bei seiner Mutter wohnt (zynisch und gemein: Karen Black) und alle Perspektiven auf eine bessere Zukunft begraben hat – und diese Seite ist auf eine ganz andere Weise düster. Denn als wir in die Geschichte einsteigen, findet sich die verschlafene Kleinstadt plötzlich mit den Gräueltaten eines Serienkillers konfrontiert. Doch was zunächst nur der Zuschauer weiß: Alle Opfer haben Ken zuvor gedemütigt.

Some Guy who kills People

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So weit, so überschaubar. Doch Autor Ryan Levin, der zuvor mit seinem Kurzfilm „The Fifth“ eine Reihe von Festivalpreisen abräumte und hier sein Spielfilmdebüt vorlegt, begnügt sich nicht mit einem mehr oder weniger vorhersehbaren Serienkillerplot, und je nachdem, von welcher Seite man den Film betrachtet, kann man seine Geschichte auch mit einem ganz anderen Schwerpunkt nacherzählen. Etwa so: Ken, der traurige Protagonist, begegnet erstmals seiner elfjährigen Tochter (unwiderstehlich: Ariel Gade), die ihre Mutter dazu drängt, für eine Woche bei ihrem bis dato verleugneten Vater wohnen zu dürfen. Amy, so heißt die Kleine, holt den unbeholfenen Ken aus seiner Lethargie und schafft es sogar, ihn mit der etwas seltsamen, aber liebenswerten Engländerin Stephanie (voller herrlicher Ticks: Lucy Davis, „The Office“) zu verkuppeln.

Die Geschichte mag auf dem Papier bemerkenswert disparat erscheinen, doch der Eindruck täuscht. Die Zusammenführung diametral entgegengesetzter Genres, die bei den einschlägigen Tarantino-Epigonen in aller Regel eher dazu führt, dass der Film in sich zusammenfällt, ist hier keine postmoderne Spielerei, sondern das Resultat einer schlüssigen Entwicklung. Das Bindeglied liefert die Figur des Sheriffs (Barry Bostwick, „Cougar Town“), der zwar das Gegenteil eines Experten auf dem Gebiet der Serienkillerjagd ist, aber genügend Bauernschläue und Ehrgeiz mitbringt, um bald schon Witterung aufzunehmen. Zugleich ist er als Liebhaber von Kens Mutter der letzte, der mittags mit am Tisch sitzen sollte, um vom Stand der Ermittlungen zu berichten.

Some Guy who kills People

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Die Schlinge um Kens Hals zieht sich also unaufhaltsam zu, und das ist für den Zuschauer vermutlich noch unangenehmer als für den Protagonisten selber. Denn auf der einen Seite werden wir Zeuge, wie sein aus den Fugen geratenes Leben durch Amys Einfluss unerwartet schnell in die richtigen Bahnen gelenkt wird, und auf der anderen müssen wir dabei zusehen, wie der Sheriff in seinen Ermittlungen unaufhaltsam vorankommt. Dass Ken überführt wird, Amy verliert und vielleicht sogar auf dem elektrischen Stuhl landet, das will niemand sehen – zumal wir für keines der Opfer auch nur die geringsten Sympathien hegen.

Ein raffiniertes Dilemma also, in das Levin den Zuschauer da manövriert, doch auch das alleine würde den Film selber noch nicht zu dem machen, was er ist. Jede Sequenz, jede Dialogfolge, jede Einstellung ist so präzise durchdacht und komponiert, dass sich selbst nach wiederholtem Anschauen noch keine Routine einstellt. Im Gegenteil. Erst die rückblickende Perspektive, in deren Zentrum nicht mehr die Frage nach der Auflösung steht, lenkt den Fokus auf ganz andere Elemente und lässt so manchen Schlagabtausch zwischen Sheriff und Deputy (sensationell etwa: ein Monolog über Dada und abstrakten Expressionismus angesichts einer Leiche in einer Badewanne) viel deutlicher zu seinem Recht kommen.

Some Guy who kills People

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Die Figuren sind echte Menschen und keine Abziehbilder. Der Film nimmt sie ernst, auch wenn sie nicht selten Skurriles tun und sagen. Das ist vor allem das Verdienst des Autors und der fantastischen Schauspieler, die angesichts des geringen Budgets quasi für eine Tüte Eis gearbeitet haben. Weniger sichtbar, in seiner bewussten Unsichtbarkeit aber umso effektiver wirkt sich die Regie aus. Jack Perez ist bislang vor allem durch Auftragsarbeiten wie „Wild Things 2“ oder „Mega Shark vs. Giant Octopus“ in Erscheinung getreten, was in so manchem Vorabbericht zum Film für (gänzlich unbegründete) Skepsis sorgte. Perez, dessen sehenswerte Indie-Produktionen „The Big Empty“ und „La Cucaracha“ weitestgehend unbekannt sind, erweist sich im Fall von „Some Guy who kills People“ als exzellenter Erzähler, der sich kompromisslos der Geschichte unterordnet und stets den optimalen Frame findet. Dass er zudem das Talent besitzt, Dinge teurer aussehen zu lassen als sie tatsächlich sind, ist für eine derartige Produktion schlichtweg unbezahlbar.

Ursprünglich hatte kein Geringerer als John Landis zugesagt, den Regiestuhl zu besetzen, müsste jedoch aufgrund der überraschend zustande gekommenen Finanzierung von „Burke & Hare“ absagen. Landis hatte zum damaligen Zeitpunkt jedoch bereits eine Menge Input gegeben und zusammen mit Levin zur Optimierung des Drehbuchs beigetragen, so dass er schließlich zusagte, zumindest als Executive Producer dabei zu bleiben. Für das Projekt ein Glücksfall, denn der prominente Name half bei der mühevollen Finanzierung ein Stück weiter und sorgte nach Fertigstellung für gesteigerte Aufmerksamkeit.

„Some Guy who kills People“ zählt zu den seltenen Glücksfällen, wo ein gänzlich ohne jegliche Unterstützung von Studios oder etablierten Produktionsfirmen in Gang gesetztes Independent-Projekt den Weg auf die Leinwand geschafft hat und sich trotz (äußerst) geringen Budgets einen hohen Qualitätsstandard sichern konnte. Für den Zuschauer und die Erzählform selber ist das nichts weniger als der größtmögliche Gewinn. Es sind Filme wie dieser, die das Kino am Leben erhalten, und zwar auch dann, wenn sie nur einem Festivalpublikum vorbehalten bleiben und danach direkt auf DVD landen. Was zählt, ist die Bereicherung für das Medium selber. Ganz einfach. [LZ]

[Seine Deutschlandpremiere erlebt „Some Guy who kills People“ am 19. Mai im Rahmen der 16. Ausgabe des Genre-Festivals Weekend of Fear]

OT: Some Guy who kills People (USA 2011). REGIE: Jack Perez. BUCH: Ryan Levin. KAMERA: Shawn Maurer. MUSIK: David Kitchens, Ben Zarai. DARSTELLER: Kevin Corrigan, Barry Bostwick, Ariel Gade, Lucy Davis, Karen Black, Leo Fitzpatrick, Eric Price, Janie Haddad Tompkins, Lindsay Hollister. LAUFZEIT: 97 Minuten.

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[Abbildungen: Battle of Ireland Films, Level 10 Films]

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