SKYFALL | Filmkritik

01. November 2012

Skyfall

This is the end. Eine überdimensionale Frauenhand zieht 007 in die Tiefe, und der erstaunte Zuschauer wird Zeuge, wie Englands oftmals schwer zu kontrollierender Spitzenagent in eine beunruhigende Jenseits-Landschaft hinabgleitet: Dunkle Portale, verwirrende Spiegelkabinette und ein Friedhof, auf dem sich tatsächlich ein Grabstein mit jener Aufschrift befindet, deren Bedeutung so mancher Kritiker dem langlebigsten Franchise der Filmgeschichte immer wieder gerne prophezeit hat. Doch weder Bond noch die Serie ist tot, und wie der Ansturm auf die Tickets in den ersten Tagen seit der Weltpremiere gezeigt hat, kann man sogar getrost das Gegenteil behaupten. Ian Flemings Misogynist mit der Lizenz zum Töten erweist sich als lebendiger denn je, und da darf er noch vor der Titelsequenz auch ruhig einmal erschossen werden.

Zudem geschieht das nicht zum ersten Mal (na klar, „You only live twice“), und auch sonst spielt „Skyfall“ eine ganze Reihe von Szenarien früherer Beiträge zur Serie auf eigene Weise und nicht selten auch ganz offensichtlich durch. Nie zuvor war ein Bond-Film so meta, dass es fast schon Brechtische Züge annimmt, und zugleich so retro, dass es dem wahren Fan (und nicht nur dem) die Tränen in die Augen treibt. Selbst vor „Sag niemals nie“, einem jener drei Produktionen, die bei der offiziellen Zählung konsequent totgeschwiegen werden, machen Sam Mendes und seine Autoren Neal Purvis, Robert Wade (beides Bond-Veteranen) und John Logan keinen Rückzieher. Denn wenn sich der einst beste Mann beim MI6 nach seiner Rückkehr aus dem Reich der Untoten einem Fitness-Test unterziehen muss, bei dem er alles andere als gut aussieht, schwingen deutliche Erinnerungen an Sean Connerys letzten Einsatz mit (von der verblüffenden, wohl aber eher zufälligen Ähnlichkeit der Hauptbehaarung der beiden Darsteller ganz abgesehen).

Aber das hat alles seinen guten Grund, denn schließlich wird 2012 das 50-jährige Jubiläum des Franchise gefeiert, und daran erinnert dieser Film nahezu mit jeder Einstellung. Wenn Bond bei Gelegenheit mit einem gewissen Zynismus gefragt wird, was denn wohl sein Hobby sei, lautet die Antwort bezeichnend selbstreferentiell: Auferstehung. Und die begann zuletzt bekanntlich 2006, nachdem ungewohnte vier Jahre verstrichen waren, in denen es zeitweise so aussah, als sei die Serie endgültig aus der Zeit gefallen und von den Bournes und Stathams des neuen Jahrtausends überholt worden. Umso triumphaler geriet das Reboot, für das sich die Macher nicht nur endlich an Ian Flemings ersten, von den Fans heiß verehrten Bond-Roman wagten, sondern auch die Figur selber gleich noch einmal bei Null (oder eben Doppel-Null) anfangen ließen.

Skyfall

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Dass aus dem Nachfolger eher eine Art verlängerter Epilog wurde, der niemanden so richtig zufrieden stellte, lag vor allem an äußeren Bedingungen. „Skyfall“ könnte kaum weiter von seinem Vorgänger entfernt sein, und das hat vor allem damit zu tun, dass die Geschichte ihrer inneren Logik nach nicht nur mindestens ein Jahrzehnt später, sondern eigentlich auch in einer Art filmischem Paralleluniversum angesiedelt sein müsste. Aus dem ungestümen Neuling von „Casino Royale“ und „Quantum of Solace“, dem gerne schon mal ein fataler Fehler unterlief, ist ein angeschlagener Veteran geworden, den die Offiziellen am liebsten aussortieren würden – von seinem gewachsenen Verhältnis zu „M“ (erneut Judi Dench) ganz zu schweigen, das eng und langjährig genug ist, um große Enttäuschung, aber keine Erschütterung zu dulden.

Und dann ist da noch jene zweite Ebene, die dem Zuschauer weismachen will, dass dieser Bond, der mittlerweile Schwierigkeiten hat, sein Ziel zu treffen, bereits zu Zeiten aktiv war, als beim MI6 noch explodierende Kugelschreiber und Autos mit Schleudersitz gebaut wurden. Heute ist „Q“ ein Computernerd (Ben Whishaw), der sich Bonds herablassende Art über sein vergleichsweise junges Alter nicht gefallen lässt und im Gegenzug darauf hinweist, dass aus 007 längst ein wandelnder Anachronismus geworden ist. Mit einer ähnlichen Sicht der Dinge muss sich übrigens auch M herumschlagen, denn das Innenministerium ist überzeugt davon, dass sie und ihre Art, den britischen Geheimdienst zu führen, längst zum alten Eisen gehören. Man meint zu wissen, wer da am Schluss Recht behält, aber da könnte man sich auch irren.

Überhaupt dreht sich „Skyfall“ in erster Linie um Bond und M, alles andere ist nur Nebenstrang oder Hilfsmittel, um die beiden Figuren und ihr Verhältnis zueinander bis in die letzten Ecken auszuloten. Man hätte es ahnen können, als Sam Mendes die Regie übernahm, und auch Drehbuchautor John Logan („Aviator“, „Hugo Cabret“ und demnächst Darren Aronofskys „Noah“) blickt lieber auf die inneren Konflikte seiner Figuren als auf oberflächliche Action. Das heißt nicht, dass es nicht einige durchweg spektakuläre Verfolgungsjagden, Explosionen und Schießereien gäbe, doch im Zentrum stehen sie nicht. Dieser Bond ist dialoglastiger als die meisten seiner Vorgänger, manchmal nicht ganz ohne Längen, dafür aber an geeigneter Stelle auch merklich ironischer als die beiden bisherigen Craig-Inkarnationen.

Skyfall

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„M“ steht hier mehr als je zuvor für „Mother“ und repräsentiert damit exemplarisch die ziemlich offensichtliche Küchenpsychologie dieses Films. Bond und sein Gegenspieler Silva fungieren als ungleiche Brüder mit ausgeprägtem Mutterkomplex, doch weil das anscheinend nicht reicht, muss Javier Bardem seiner Figur auch noch einen arg tuntigen Anstrich verpassen und Bond zweideutige Avancen machen, bevor ihn Regie und Drehbuch in den nicht mehr bewohnten Glaskäfig von Hannibal Lecter verfrachten. Irgendwo zwischen einer weinerlichen Variante des Jokers im Udo-Kier-Look und dem bösen Zwilling von Jack Sparrow pendelnd, gerät er zur tragischen Witzfigur, die alles Mögliche ausstrahlt, nur keine ernsthafte Bedrohung.

Nichts desto trotz schwebt ein schicksalsschweres Damokles-Schwert über der Geschichte. Am Schluss wird ein apokalyptisches Feuer vor schwarzem Himmel brennen und alles mit sich nehmen, was Bond mit seiner eigenen Vergangenheit verbindet. Vergleichbares hat man im 007-Universum noch nicht gesehen. Doch auch hier gilt: Am Ende dient alles einer glorreichen Wiederauferstehung, und daran lässt Mendes in den letzten Bildern vor den Credits nachdrücklich keinen Zweifel. James Bond will return. [LZ]

OT: Skyfall (UK/USA 2012). REGIE: Sam Mendes. BUCH: Neal Purvis, Robert Wade, John Logan. KAMERA: Roger Deakins. MUSIK: Thomas Newman. DARSTELLER: Daniel Craig, Judi Dench, Javier Bardem, Ralph Fiennes, Ben Whishaw, Naomie Harris, Albert Finney, Bérénice Marlohe, Rory Kinnear, Ola Rapace. LAUFZEIT: 143 Minuten.

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[Abbildungen: Sony Pictures Releasing GmbH]

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