Sin City 2: A Dame to Kill for | Filmkritik

27. August 2014

Sin City 2 - A Dame to Kill for

Es wäre interessant, diesen neuerlichen Versuch, die schwarzweißen Comicwelten von Frank Miller adäquat in bewegte Bilder umzusetzen, völlig frei von aller Vorkenntnis begutachten zu können. Welchen Eindruck würde „Sin City 2“ dann wohl hinterlassen? Doch die Frage ist müßig, denn wer sich diesen Film ansieht, tut es maximal, weil er das Original von 2005 kennt und als die visuelle Ausnahmeerscheinung in Erinnerung hat, die es damals unstrittig war. Ein anderes Publikum gibt es für dieses eigenwillige Prequel-Sequel kaum und die katastrophalen Einspielergebnisse am US-Startwochenende (schockierende 6,5 Mio Dollar) sind dafür der beste Beweis. No film to kill for.

Böse Zungen behaupten, das Beste, was Robert Rodriguez in künstlerischer und ökonomischer Hinsicht seit 2005 zustandegebracht hat, seien die Kaffeeautomaten-Spots mit George Clooney. Vom Return-on-Investment betrachtet, ist das sicher zutreffend, und was den Unterhaltungswert angeht, spart man sich zumindest eine Menge Zeit, in der man sich langweilen oder ärgern könnte. „Sin City 2“ hingegen bietet für beides ausreichend Gelegenheit.

Visuell ist von der ersten Einstellung an alles wie gehabt: Kontrastreiches Schwarzweiß mit geringstmöglicher Grauabstufung, ein paar gezielte Farbkleckser hier und da, präzise komponierte Bildausschnitte, verkantete Winkel, schneidende Schatten und jede Menge Greenscreen. Kaum ein Bild, das sich nicht ausdrucken und schmückend an die Wand hängen ließe. Nur wenige ander Filme sahen dieses Jahr auch nur annähernd so gut oder gar besser aus. Und der 3D-Effekt kann den in Schichten aufgebauten Frames tatsächlich noch eine Dimension hinzufügen, ohne bloßer Preisaufschlag zu sein.

Sin City 2 - A Dame to Kill for

Inhaltlich hält sich die Begeisterung allerdings im Zaum. Die drei bis vier mehr oder weniger miteinander verwobenen Episoden greifen einzelne Erzählstränge des Vorgängers auf und spinnen sie fort, erweitern sie oder reisen in der Zeit weiter zurück. Im Wesentlichen kehrt bekanntes Personal zurück. Neu sind lediglich zwei relevante Figuren – allerdings stehen diese dann auch im Mittelpunkt ihrer jeweils eigenen Episode: Johnny, ein scheinbar unbesiegbarer Spieler (Joseph Gordon-Levitt), der sich mit dem Falschen anlegt, und Ava Lord (Eva Green), die Privatedetektiv Dwight McCarthy (Josh Brolin ersetzt Clive Owen aus Zeit-, Geld-, oder Interessensgründen) auf femme fatale Weise den Kopf verdreht.

Die kürzeste und zugleich einleitende Episode begleitet den späteren Todeskandidaten Marv (erneut hinter der Stirnprothese: Mickey Rourke) durch eine von Gewalt durchtränkten Nacht und zum Finale des Films begibt sich Stripperin Nancy (kann immer noch besser tanzen als schauspielern: Jessica Alba) auf Rachefeldzug gegen den einstigen Peiniger ihrer großen Liebe John Hartigan (Bruce Willis).

Letztere Episode, sowie die Story um Spieler Johnny, beruht nicht auf einer Comic-Vorlage, sondern wurde von Frank Miller eigens für den Film geschrieben und wirkt mehr wie ein Epilog zur Nancy/Hartigan-Geschichte des Originals. Sie erlaubt allerdings zweierlei: Zum einen kann Jessica Alba so den gesamten Film über immer wieder ihre knapp bekleideten Tanz- und Stripkünste vorführen (und ihren beiden Schöpfern im TV zusehen), zum anderen darf Willis werbewirksam für einige wenige Momente zurückkehren und so auch das Plakat zieren. Dass er dafür seine bisherige Rolle um eine Dosis „The Sixth Sense“ erweitern muss, kann man wahlweise als genial oder lächerlich bewerten.

„Sin City 2“ wiederholt Stil und Architektur des Originals auf den Punkt genau. In formaler Hinsicht darf sich also niemand beschweren. Da genau hier aber auch nichts Neues geboten wird, das der Zuschauer nicht schon vor mittlerweile ganzen neun Jahren einmal zu sehen bekommen hat (von zwischenzeitlichen Weiterentwicklungen, nicht zuletzt Millers Soloprojekt „The Spirit“, ganz abgesehen), muss der Blick auf den Inhalt umso geschärfter ausfallen. Ausgerechnet dort aber lassen sich die größten Unzuläglichkeiten des Films finden. Und das ist vor allem dem Autor zuzuschreiben.

Sin City 2 - A Dame to Kill for

Die einzelnen Episoden verlaufen über weite Strecken völlig überraschungsfrei und nach den unvermeidlichen Gewaltausbrüchen kann man die Uhr stellen (die man während des Films möglicherweise ohnehin öfters mal im Blick hat). Die Figuren bleiben reine Oberfläche und bieten kaum Identifikationspotential. Marv, der 2005 wenigstens noch von einer – wenn auch fragwürdigen – Leidenschaft angetrieben wurde, verkommt hier zum Schläger, Stichwortgeber und Fahrer. Dass es damals Bruce Willis war, der dem Film so etwas wie eine Seele verliehen hat, wird einem hier bei jedem seiner Kurzauftritte schmerzlich und vielleicht zum ersten Mal wirklich klar.

Der titelgebende Beitrag wartet zudem mit immer neuen Inszenierungsvarianten des nackten Körpers von Eva Green auf, an dem sich Miller und Rodriguez (verständlicherweise) nicht satt sehen können. Dagegen wäre nichts einzuwenden, würde der Film seinen Voyeurismus nicht mit dem Argument zu rechtfertigen versuchen, dass Greens Figur ihre Sexualität als Waffe einsetzt.

Derart spätpubertärer Nonsens gehört bei Robert Rodriguez allerdings von jeher dazu und so muss wenig wundern, dass es immer wieder Stripperinnen sind, die bei ihm eine zentrale Position einnehmen, bevor sie sich früher oder später zur Killermaschine entwickeln. Dass er im Verlauf der langen Vorproduktionshistorie dieses Films zu einem bestimmten Zeitpunkt gerne seine damalige Lebensgefährtin Rose McGowan in der Rolle der Ava Lord gesehen hätte, ist da nur folgerichtig.

Insgesamt wirkt „Sin City 2“ weniger wie ein eigenständiger Film als vielmehr wie eine Zusammenstellung von Material, auf das man im Vorgängerfilm aus Zeitgründen verzichten musste. Ganze 20 Minuten kürzer ist die Fortsetzung dann auch ausgefallen, wobei so manches möglicherweis am Schneidetisch verloren gegangen sein mag. Wirklich überzeugend sieht anders aus. Wer jedoch für „form over substance“ zu haben ist und Vergnügen daran hat, sich der immer noch bemerkenswerten visuellen Noir-Ästhetik hinzugeben, wird trotz aller Schwächen gut bedient. [LZ]

Sin City 2 – A Dame to kill for

OT: Sin City: A Dame to kill for (USA 2014) REGIE: Frank Miller, Robert Rodriguez. BUCH: Frank Miller. MUSIK: Robert Rodriguez, Carl Thiel. KAMERA: Robert Rodriguez. DARSTELLER: Mickey Rourke, Joseph Gordon-Levitt, Josh Brolin, Eva Green, Jessica Alba, Powers Boothe, Rosario Dawson, Bruce Willis, Christopher Meloni, Dennis Haysbert, Ray Liotta, Jeremy Piven, Jaime King, Stacy Keach, Christopher Lloyd, Juno Temple, Jamie Chung, Julia Garner, Lady Gaga. LAUFZEIT: 102 Min.

Sin City 2 - A Dame to Kill for

[Abbildungen: Sony Pictures Releasing GmbH]

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