Silent Night (2012) | Filmkritik

05. Dezember 2014

Silent Night

Dass Herren mittleren Alters in Weihnachtsmannkostümen nicht unbedingt ideale Repräsentanten von Liebe und Frieden sein müssen, weiß der umtriebige Kinogänger spätestens seit Billy Bob Thornton. Einige seiner Seelenverwandten finden sich in der arg verschlafenen US-Kleinstadt mit dem seltsamen Namen Cryer wieder. Mal verderben sie Kindern die Feiertage, mal handeln sie mit Drogen und mal metzeln sie einfach jeden nieder, der den eigentlichen Sinn des Festes auf eigene Weise pervertiert – darunter auch auf die schiefe Bahn geratene Kollegen. Alles in allem: Ho Ho Ho.

Steven C. Miller erweist sich in diesem bereits 2012 entstandenen und nun endlich auch in Deutschland erhältlichen Weihnachtsslasher erneut als echtes Kind der 80er. Während „Under the Bed“ dem Geist von Klassikern des Kid Horros wie „Gremlins“, „The Gate“ oder „Goonies“ verpflichtet war, setzt „Silent Night“ ganz auf die einschlägigen Schlitzer im Fahrwasser von Michael Myers und Jason Voorhees. Dass der Film dabei eine Menge Fantasie walten lässt, seine Figuren ernst nimmt und immer ein gewisses Grundrauschen an Humor aufrecht erhält, hebt ihn deutlich von vergleichbaren Produktionen ab.

Im Zentrum steht mit Deputy Aubrey Bradimore (Jaime King, „Hart of Dixie“) eine Figur, die Raum für offene Fragen lässt und damit poblemlos auch einer langlebigen Copserie entsprungen sein könnte. Immer dann, wenn der Film durch seine weitestgehend cartoonartige Gewalt aus der Bahn geworfen zu werden droht, sorgt sie für die notwendige Erdung. Schließlich kennen Miller und sein Autor Jayson Rothwell („Blessed – Kinder des Teufels“) die Regeln des Slashers genau und wissen, dass erst ein glaubwürdiger Gegenpart dem gesichtslosen Killer Leben einhaucht.

Silent Night

Ein Ensemble aus Charakteren mit unterschiedlichem Skurrilitätsfaktor (Miller ist bekennder „Twin Peaks“-Fan) verschafft der an sich simplen Schlitzergeschichte eine ganze Reihe interessanter Nuancen und sorgt dafür, dass der Film auch beim wiederholten Anschauen noch Spaß macht. Malcolm McDowell (trotz prominenter Platzierung in den Credits und auf dem Poster lediglich in einer Nebenrolle) nutzt die eher seltene Gelegenheit, sein durchaus vorhandenes komödiantisches Talent unter Beweis und seine Figur – den Sheriff der Stadt – wirksam bloßzustellen. Den überaus blutigen Anblick eines Tatortes kategorisiert er treffsicher und gänzlich ironiefrei als „bloody mess“, und wenn sein Gesprächspartner während eines Telefonates gerade erwürgt wird, kann er die Soundkulisse nur als Funkloch werten.

Hauptattraktoren sind der Natur der Sache gemäß selbstredend die Auftritte des weihnachtlichen Killers, der keinen Mord wie den anderen vollzieht und im Anschluss Kleingeld oder Süßigkeiten verteilt. Gutgelaunt zelebriert der Film dabei eine Handvoll gängiger Genre-Klischees (darunter die klassische Oben-ohne-Flucht), missachtet gängige No-Gos (das Töten von Kindern) und bringt für die meisten Opfer verständlicherweise wenig Mitleid auf. Dass Aubrey von Anfang an als archetypisches Final Girl angelegt ist, braucht hingegen kaum extra erwähnt zu werden.

Ein Remake des 1984er Slashers „Silent Night, Deadly Night [dt. Stille Nacht – Horror Nacht”] muss man allerdings nicht befürchten. Maximal ist Millers Film eine Art Metaversion des später zu einer insgesamt fünfteiligen Serie ausgeweiteten (oder ausgeweideten?) Vorgängers. Gemeinsam haben beide Filme im Grunde lediglich die Figur des Serienkillers in Santa-Kostüm und ein paar hommageartige Bildzitate, die aber tatsächlich nur bei detaillierter Kenntnis des früheren Beitrags (noch ein Slasher-Wortwitz) ins Auge stechen. [LZ]

P.S.: Zusätzlich zur regulären DVD und Blu-ray (FSK 18) erscheint „Silent Night“ auf dem deutschsprachigen Markt auch ungekürzt in Form eines auf 3000 Exemplare limitierten Mediabooks mit SPIO/JK-Kennzeichnung („keine schwere Jugendgefährdung“).

OT: Silent Night (USA 2012) REGIE: Steven C. Miller. BUCH: Jayson Rothwell. MUSIK: Kevin Riepl. KAMERA: Joseph White. DARSTELLER: Jaime King, Malcolm McDowell, Donal Logue, Ellen Wong, Andrew Cecon, Rick Skene, Courtney-Jane White, Erik J. Berg, Curtis Moore, John B. Lowe, Brendan Fehr, Lisa Marie, Jessica Cameron. LAUFZEIT: 89 Min (DVD, Blu-ray FSK 18) . VÖ: 05.12.2014.

Silent Night

[Abbildungen: Pierrot le Fou]

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