Silent Night, Deadly Night (1984) | 30 Jahre später

18. Dezember 2014

Silent Night, Deadly Night

Während diese Zeilen verfasst werden, hat Sony aus Angst vor terroristischen Anschlägen gerade die US-Veröffentlichung einer Komödie über Nordkoreas Staatsoberhaupt gestoppt. Um wie vieles harmloser müssen da die Gründe erscheinen, die vor fast genau drei Jahrzehnten die damalige Konzerntochter Tri-Star dazu bewegten, einen an den Kinokassen immens erfolgreichen Slasher nach wenigen Tagen aus den Theatern entfernen zu lassen? Ein paar Proteste und empörte Kritiken waren damals der Anlass. Nichts Weltbewegendes also. Bei genauerer Betrachtung haben die beiden Fälle jedoch mehr gemeinsam als man zunächst glauben mag.

Stein des Anstoßes: „Silent Night, Deadly Night [dt. Stille Nacht – Horror Nacht]“, ein vergleichsweise unspektakulärer Versuch des Studios, im Fahrwasser von „Halloween“ und seinen Epigonen einen hauseigenen Schlitzer zu etablieren (Tagline: „You’ve made it through Halloween, now try and survive Christmas“). Tatsächlich gelang das Experiment erstaunlich gut und ließ am Startwochenende sogar Wes Cravens „A Nightmare on Elm Street“ hinter sich. Doch man hatte die Rechnung ohne konservative Elternverbände und eine nicht weniger konservative Medienöffentlichkeit gemacht.

Ein Blick auf den Film selber lässt einen zunächst ratlos zurück. Was sollte an der simplen und weitestgehend vorhersehbaren Geschichte so skandalös sein? Der fünfjährige Billy muss mit ansehen, wie seine Eltern von einem Kleinkriminellen im Santa-Kostüm ermordet werden. Ein katholisches Waisenhaus nimmt ihn auf, doch die Mutter Oberin des Ordens macht ihm das Leben nicht leicht, denn reaktionär, wie sie ist, glaubt sie, das Trauma des Jungen nur mit Härte bekämpfen zu können. Als er zu einem jungen Mann herangereift ist, sorgt eine Folge unglücklicher Ereignisse dafür, dass er die Rolle des Mörders seiner Eltern übernimmt und fortan als Weihnachtsmann eine blutige Spur hinterlässt.

Silent Night, Deadly Night

Das Problem findet sich im letzten Satz. Denn dass die Hauptfigur mordet, ist irrelevant. Dass sie dabei aber „als Weihnachtsmann“ unterwegs ist, war für ein christliches Amerika offenbar eine Art Bedrohung der öffentlichen Ordnung. Trailer und Plakate, die Santa Claus mit einer blutigen Axt zeigten, bewegten entsetzte Elternverbände dazu, Straßenproteste zu organisieren. Filmkritiker Gene Siskel sprach von „Blutgeld“, das die Produktion an den Kinokassen einfuhr, Kollege Leonard Maltin befürchtete, als nächstes einen pädophilen Osterhasen auf der Leinwand sehen zu müssen, und Hollywood-Veteran Mickey Rooney wollte den „Abschaum, der diesen Film gemacht hat, aus der Stadt jagen“ (ungeachtet dessen nahm er später willig an einer der Fortsetzungen teil).

Regisseur Charles E. Sellier Jr. vermutete später anlässlich eines Interviews zum DVD-Release der ungeschnittenen Fassung (die es in England tatsächlich erst 2009 zu sehen gab), dass die Mehrheit der Protestler „Silent Night, Deadly Night“ gar nicht zur Kenntnis genommen hatte: „Sie waren davon überzeugt, dass der Film Santa als Killer darstellte“, was jedoch in keinster Weise den Tatsachen entsprach (interessanterweise wiederholte sich das Phänomen 2010 anlässlich des holländischen Horrorfilms „Sint [dt. Saint]“ von Dick Maas – nur dass der Weihnachstsmann dort wirklich als Killer in Erscheinung trat).

Für Tri-Star waren die Kontroversen ein echtes Problem, denn man stand kurz vor einer wichtigen Aktienemission und konnte keine schlechte Presse gebrauchen. Also beugten sich die Verantwortlichen dem Druck der Öffentlichkeit und ließen den Film verschwinden. Hier sollte man kurz innehalten: Weltanschauung vor Kunstfreiheit, das Einknicken eines Entertainment-Riesen vor einer Minderheit, die in einem vergleichsweise belanglosen fiktionalen Stoff einen intolerablen Angriff auf ihren Wertekanon erkennt – all das erleben wir aktuell in anderem Zusammenhang erneut. Zufälligerweise ist beide Male Sony involviert. Man bleibt sich also treu.

Silent Night, Deadly Night

Was den Film selber und ganz unabhängig von derartig lachhaften Kontroversen angeht, so hat er trotz insgesamt vier Sequels zwar nie den Klassikerstatus anderer Slasherreihen der 70er und 80er erreichen können, ist für Genrefans aber bis heute (und vielleicht heute mehr als je zuvor) ein gern gesehener Beitrag. Dass eine reguläre, FSK-geprüfte und ungeschnittene Fassung hierzulande bislang ausgeblieben ist, bedarf kaum einer gesonderten Erwähnung. Und selbst die in England und den USA mittlerweile erhältliche rekonstruierte Version bedarf dringend technischer Überarbeitung (und sei es wenigstens die Farbkorrektur der nachträglich eingefügten Elemente).

Filmhistorisch kann „Silent Night, Deadly Night“ einige bemerkenswerte Abweichungen von der herkömmlichen Slasher-Dramaturgie aufweisen und hat mit einer ausführlichen Konzentration auf die Entwicklungsgeschichte des Killers im Grunde die heute gängige Praxis des Horror-Prequels vorweggenommen. Psychologisch ist der Umgang mit dem Kindheitstrauma der Figur und dessen Zementierung durch konservative Unterdrückungsmuster bis zu einem gewissen Grad (und im Rahmen der Möglichkeiten eines gering budgetierten Unterhaltungsfilms) erstaunlich glaubwürdig.

2012 drehte Steven C. Miller mit „Silent Night“ eine Art Hommage, die allerdings eine völlig andere Richtung einschlägt und nicht einmal ansatzweise als Remake durchgeht. Im Grunde sind es lediglich zwei (wenn auch äußerst einschneidende) Szenen, die der Film als bewusste Zitate anlegt, während er sich ansonsten gänzlich eigene Wege sucht und nur am Rande Motive seines Vorbildes streift. Das ist im Umfeld allgemeiner Remake-Mania geradezu vorbildlich und macht Lust, das Original von 1984 wiederzuentdecken oder erstmals kennenzulernen. [LZ]

OT: Silent night, deadly night (USA 1984) REGIE: Charles E. Sellier Jr.. BUCH: Paul Caimi, Michael Hickey. MUSIK: Perry Botkin. KAMERA: Henning Schellerup. DARSTELLER: Robert Brian Wilson, Gilmer McCormick, Lilyan Chauvin, Linnea Quigley, Danny Wagner, H.E.D. Redford, Leo Geter, Tara Buckman, Geoff Hansen, Will Hare, Jonathan Best, Charles Dierkop. LAUFZEIT: 82 Min.

Silent Night, Deadly Night

[Abbildungen: Fangoria | Arrow Video / Rick Melton | Screencaptures]

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David Cronenberg | Verzehrt

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