SIGHTSEERS | Filmkritik

10. August 2013

Sightseers

Ja, im Norden Englands gibt es tatsächlich ein Bleistiftmuseum. Das hat seinen guten Grund, denn in Keswick wurde im 16. Jahrhundert fleißig Graphit abgebaut und die zugehörige Bleistiftmanufaktur existiert bis heute. Spannend? Eine Idee für die nächste Urlaubsreise? Wohl eher nicht. Die frischgebackenen Turteltauben Chris und Tina sehen das anders und haben ihre Wohnmobiltour extra entlang dieser und weiterer gähnend langweiliger Sehenswürdigkeiten geplant (Interesse an einem Straßenbahnmuseum?). Klingt kleinbürgerlich und ist es auch. Wie sich allerdings bald herausstellt, verbirgt sich hinter dem verschlafen wirkenden Chris ein pedantischer Serienkiller. Wovon Tina zwar nichts weiß – was sie aber auch nicht schockiert, als sie es herausfindet. Im Gegenteil, denn alles ist besser als zu ihrem alten Leben zurückzukehren.

So in etwa sieht die Grundidee von „Sightseers“ aus, einer jener schwarzen Komödien, wie sie nur aus England kommen können, und die sich auch am treffendsten nur auf Englisch beschreiben lassen: Hilarious. Ihre Ursprünge liegen zwar in einem Standup-Programm, doch im Vergleich zu anderen einschlägigen Beispielen (angefangen bei den „Blues Brothers“) hat der Weg auf die Leinwand – vielleicht dank des Einflusses von Produzent Edgar Wright – anstelle einer mehr oder weniger gelungenen Nummernrevue eine echte Geschichte hervorgebracht. Alice Lowe und Steve Oram (Autoren und Darsteller in Personalunion) haben dabei offenbar so lange mit ihren beiden Figuren gelebt, dass man meinen könnte, sie wären vor der Kamera eine echte Symbiose mit ihnen eingegangen.

Kein Wunder, denn die Route durch die Provinz sind sie (zumindest angeblich) vorab selber abgefahren und dabei stets „in character“ geblieben. Wie method das auch immer sein mag, im fertigen Film jedenfalls könnten Chris und Tina kaum realer wirken. Das ist auch notwendig, denn die Konzeption der beiden Charaktere fällt durchweg aberwitzig aus. Chris ist mit großer Wahrscheinlichkeit ein Missbrauchsopfer, das andere aus dem Weg räumt, um dort Ordnung zu schaffen, wo keine Ordnung ist – in der eigenen Psyche. Tina hingegen wohnt mit 37 noch bei ihrer lieblosen Mutter und glaubt offenbar an Seelenwanderung bei Hunden.

Sightseers

Beide vereint ein verkorkstes Leben, das sie hoffen, gemeinsam überwinden zu können. Sexuell ausgehungert, bringen sie – das ist visuell unvermeidbar – den Wohnwagen zum Wackeln, selbst wenn Chris später ausdrücklich darauf hinweist, dass Tina mit Analverkehr nicht so richtig warm werden kann (das und vieles andere muss man trotz bemühter und prominenter Synchronisation einfach im Original gehört haben). Aber auch sonst scheinen sie gute Chancen zu haben, ihre Defizite miteinander zu minimieren.

Tina erweist sich als die naivere der beiden, und wahrscheinlich ist es genau das, was Chris insgeheim hoffen lässt, dass sie seine kaum gesellschaftstaugliche Seite irgendwie akzeptieren kann. Ein scheinbarer Unfall – in Wahrheit jedoch die Folge eines Wutausbruch – bei dem die beiden Fahrerflucht begehen, während das Opfer tot auf der Straße liegen bleibt, bestärkt ihn in seinem Glauben, und so gibt er sich bei nächster Gelegenheit auch wenig Mühe, eindeutige Beweise für einen kleinen Doppelmord vor Tina zu verbergen.

Dass er bei seiner Freundin damit allerdings einen Schalter umlegt, der nach und nach alle Hemmschwellen außer Kraft setzt, ist weder ihm noch dem Zuschauer im Vorhinein klar. Jeglicher moralischer Bremsmechanismen entledigt, entdeckt Tina im beliebigen Töten (warum nicht aus Spaß mal schnell jemanden platt fahren?) ein Instrument, sich die Freiheit zu nehmen, die ihr ein ganzes Leben lang gefehlt hat – eine Form der Anarchie, mit der ein Pedant wie Chris niemals zurecht kommen wird. Vielleicht ist „Sightseers“ aber gerade deshalb im Kern die Geschichte einer missglückten Liebe und irgendwie auch eine Art Romantic Comedy.

Sightseers

Ben Wheatley, mit „A Field in England“ derzeit eine der ganz großen Regiehoffnungen aus dem Vereinigten Königreich, nimmt sich visuell sichtbar zurück und lässt seinen beiden Hauptdarstellern (und einer Handvoll nicht minder exzellenter Nebendarsteller) allen Raum, den sie benötigen. Nach den finsteren Vorgängern „Down Terrace” und „Kill List“ muss ihm der Genrewechsel zur Komödie gut getan haben, ohne dass die Schwärze der Geschichte darunter gelitten hat. Verloren wirken die Figuren vor allem gegen Ende, wenn es sie in die kargen Weiten der nordenglischen Hügellandschaften zieht. Ein Hauch Postapokalypse weht über die Felsen und Wiesen, durch die sich zwei Figuren bewegen, die losgezogen sind, um kulturhistorische Errungenschaften zu besuchen, dabei aber mehr und mehr alle zivilisatorischen Verhaltensregeln hinter sich lassen.

Wie widersprüchlich das alles ist, fängt Wheatley vielleicht am besten in einer absurden Aufnahme von Tina ein, als sie (im Andenkenshop jenes besagten Museums) mit einem riesigen Bleistift versucht, eine Postkarte zu schreiben. Unsicher, was sie von Chris, dem Mörder, und ihrer eigenen neuentdeckten Lust am Töten halten soll, passen die Mittel, mit denen sie kommuniziert, nicht mehr in ihr mutiertes Bild von sich selbst. Längst ist sie abgestiegen in ein märchenhaftes Zwergenreich, in dem andere Gesetze herrschen, tote Hunde in fremden Körpern wiedergeboren werden und der letzte Kontakt zur Außenwelt aus einer bösartigen Mutter besteht, die von Anfang an gewusst hat, dass die Dinge nicht gut ausgehen werden. [LZ]

OT: Sightseers (UK 2012) REGIE: Ben Wheatley. BUCH: Alice Lowe, Steve Oram, Amy Jump. MUSIK: Jim Williams. KAMERA: Laurie Rose. DARSTELLER: Alice Lowe, Steve Oram, Richard Glover, Jonathan Aris, Monica Dolan, Eileen Davies, Seamus O’Neill, Kenneth Hadley, Stephanie Jacob, Rachel Austin. LAUFZEIT: 88 Min. VÖ: 27.08.2013 (DVD & Blu-ray).

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[Abbildungen © Copyright MFA+ FilmDistribution e.K.]

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