Shut in | Filmkritik: Klischee im Schnee

09. April 2017

Shut in | Filmkritik

[Lesedauer: ca. 1:30 Minuten]

Das Phänomen des 2/3-Films gehört zu den besonders ärgerlichen Fällen von Zeitverschwendung. Es definiert sich dadurch, dass die ersten rund zwei Drittel durchaus sehenswert, vielversprechend, manchmal gar außergewöhnlich ausfallen, während sich das letzte Drittel (in der Regel dank eines absurden Twists) völlig unerwartet in haarsträubenden Mist verwandelt. Nicht selten sind dafür Testscreenings verantwortlich bzw. die panische Reaktion der Studios auf eben diese (klassischer Fall: „Sliver“). Manchmal liegt die Schuld aber auch einfach nur am Drehbuch. Ein Vorzeigebeispiel für letztere Variante bietet dieser frustrierende Thriller aus dem Wunderreich der Logiklöcher.

Dabei ist die Grundkonstellation (wie bei allen 2/3-Filmen) gar nicht mal so schlecht: Ein schwerer Autounfall verändert das Leben der Psychologin Mary Portman schlagartig. Ihr Mann stirbt und ihr Stiefsohn fällt ins Wachkoma. Aufopfernd pflegt sie ihn, doch nach sechs Monaten scheint sie mit ihren Kräften am Ende, wird von Alpträumen und Wahnvorstellungen geplagt. Als einer ihrer Patienten, ein taubstummer Junge, eines Nachts vor ihrer Haustüre steht und kurz darauf spurlos verschwindet, glaubt sie wiederholt, ihm als Geist zu begegnen. Verliert sie den Verstand?

Man kann sich auf diese Frage eine ganze Reihe interessanter Antworten vorstellen, ins Drehbuch von Christina Hodsen (darf zum Dank das erste „Transformers“-Spin-Off schreiben) hat es jedoch keine davon geschafft. Stattdessen gibt es eine hanebüchene Überraschung mit einem in die Länge gezogenen Finale, das kein Klischee auslässt und sich ausgiebig bei besseren Vorbildern bedient. Wer etwa zu einem bestimmten Zeitpunkt den Reflex verspürt, laut „Dick Halloran!“ auszurufen, ist in guter Gesellschaft.

Shut in | Naomi Watts

Dass sich das ansehnliche Einfamilienhaus, in dem sich die Geschichte abspielt, nebst psychiatrischer Praxis im Anbau selbstverständlich ausreichend weit vom nächsten Nachbarn befindet – geschenkt. Dass ein Blizzard aufzieht und so für weitere Isolation von der Außenwelt gesorgt wird – na gut. Dass den Verantwortlichen aber so rein gar nichts einfällt, um aus dieser Lage ein bisschen Spannung herauszuholen, deren Verläufe man nicht schon hundert Meter gegen den Wind (oder hier eben den Schneesturm) riechen kann, das lässt sich schon schwerer verzeihen. Stattdessen muss man sich mit einer Handvoll Jumpscares zufriedengeben, von denen ein besonders relevanter noch nicht einmal schlüssig aufgelöst wird, sondern einfach in einer Schwarzblende verschwindet.

Tapfer kämpft sich Naomi Watts (hatte mit „Dream House“ schon einmal einen üblen 2/3-Beitrag im Gepäck) durch die zahlreichen Fallstricke, die überall lauern, und bleibt so der einzige vertretbare Grund, bis zum Ende durchzuhalten. Warum „Shut in“ seit 2012 auf Franklin Leonards „Black List“ der beliebtesten unverfilmten Drehbücher (nach Maßgabe von Umfragen unter Studios und Produktionsfirmen) zu finden war, ist das einzige Rätsel des Films, für das keine Erklärung mitgeliefert wird. [LZ]

OT: Shut in (FR/CA 2016). REGIE: Farren Blackburn. BUCH: Christina Hodson. MUSIK: Nathaniel Méchaly. KAMERA: Yves Bélanger. DARSTELLER: Naomi Watts, Oliver Platt, Charlie Heaton, David Cubitt, Clémentine Poidatz, Jacob Tremblay, Alex Braunstein. LAUFZEIT: 87 Min (DVD), 91 Min (Blu-ray). VÖ: 21.04.2017.

Shut in | DVD-Cover

[Abbildungen: Universum Film Home Entertainment]

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