Shrew’s Nest | Filmkritik: Geschlossene Gesellschaft

17. Januar 2016

Musarañas

Das spanische Thriller- und Horrorkino ist immer für Überraschungen gut. Bereits 2014 erarbeitete sich das Spielfilmdebüt „Musarañas“ des Regiegespanns Juanfer Andrés und Esteban Roel einen beachtlichen Festivalruf. Lob und Anerkennung kommen nicht von ungefähr, zumal das wirkungsvolle Drama neben aller inhaltlichen und formalen Raffinesse mit einer famosen Macarena Gómez („Witching & Bitching“) gesegnet ist, die jeden noch so grausamen Ausfall ihrer Figur nuanciert und nachhaltig vermitteln kann. Dass auf dem Weg zum blutig-bedrückenden Finale einige Enthüllungen vorauszuahnen sind, darf man daher getrost ignorieren.

Verortet ist das Geschehen im Spanien der 1950er Jahre – einer Zeit, in der nicht wenige Menschen unter einem erzkonservativen Katholizismus und den Repressalien des Franco-Regimes zu leiden haben. Gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester (Nadia de Santiago) lebt die streng gläubige Schneiderin Montse (Gómez) in einer Altbauwohnung in Madrid, die sie aufgrund einer ausgeprägten Agoraphobie seit Ewigkeiten nicht mehr verlassen hat. Der Tod der Mutter nach der Geburt des Geschwisterkindes hat sie stark gezeichnet und gezwungen, die Rolle der Frau im Haus zu übernehmen. Eine große Bürde, die auch deshalb schwerwiegt, weil der autoritäre Vater (Luis Tosar) in den Kriegswirren verschwunden ist.

Obwohl die kleine Schwester mittlerweile ihr 18. Lebensjahr und damit das Erwachsenenalter erreicht hat, wacht Montse nach wie vor mit Argusaugen über den Alltag der jungen Frau und kann es nicht ertragen, wenn sie sich mit Männern trifft. Erschüttert wird die hermetisch abgeschlossene Welt der Näherin, als sie den im Treppenhaus gestürzten Nachbarn Carlos (Hugo Silva, „El Cuerpo“) vor ihrer Tür entdeckt und ihn nach kurzem Zögern in die Wohnung schleift, um seine Verletzungen zu versorgen. Mit der Zeit flammen bei Montse ungeahnte Leidenschaften auf, und auch ihre Schwester sucht die Nähe des Patienten, der zunehmend wie ein Gefangener erscheint.

Musarañas

Ein bewegungsunfähiger Mann, der einer offenkundig gestörten Frau hilflos ausgeliefert ist: Viele Kritiker zogen angesichts der ähnlichen Grundkonstellation Parallelen zu Rob Reiners Stephen-King-Adaption „Misery“, in der ein Bestsellerautor nach einem Unfall von einem besessenen Fan gepflegt und drangsaliert wird. Als Referenzwerk empfiehlt sich allerdings auch Don Siegels Südstaaten-Thriller „The Beguiled [dt. Betrogen]“. Dessen von Clint Eastwood verkörperter Hauptfigur nicht unähnlich, macht auch Carlos den beiden Schwestern schöne Augen, bezirzt sie mit schmierigen Komplimenten und erweist sich in Liebesdingen als äußerst wankelmütig. Wie bei Siegel lässt die Ankunft eines gutaussehenden, aber auf Hilfe angewiesenen Mannes in einer repressiven Welt unterdrückte sexuelle Sehnsüchte erwachen und führt schließlich zu einer blutigen Eskalation.

Andrés und Roel konzentrieren sich jedoch nicht auf das ans Bett gefesselte Opfer, sondern rücken die verzweifelt um Selbstbeherrschung ringende Montse in den Fokus (und wecken damit Erinnerungen an Almodóvars „Átame!“ oder auch „Boxing Helena“). Während Carlos trotz angerissener Hintergrundgeschichte verhältnismäßig farblos bleibt, legt der Film mithilfe der traumatisierten Hauptfigur nach und nach ein Familiendrama frei, dessen Ausmaße sich zwar nur erahnen lassen, aber dennoch bis ins Mark erschüttern. Grund dafür sind vor allem die starken Darsteller, darunter Nadia de Santiago, die das Schwanken der (für den Zuschauer) namenlosen Schwester zwischen Ausbruch und Hörigkeit überzeugend transportiert. Luis Tosar – seit „Sleep Tight“ ein Garant für finstere Rollen – spielt in Montses Halluzinationen den schroffen, dominanten und zuweilen sadistisch-hämischen Vater, der seine älteste Tochter verfolgt, obwohl er eigentlich nicht anwesend ist. Im Grunde sind seine Auftritte zwar ein plakatives Mittel, um die Instabilität der Protagonistin zu demonstrieren, doch Tosars beherrschte Darbietung gibt dem Geschehen eine irritierend-unheimliche Note.

Musarañas

Noch mehr beeindrucken (wir erwähnten es bereits) kann lediglich Macarena Gómez, die das Innenleben ihrer Figur in jeder Einstellung greifbar macht. Ständig versucht Montse, Haltung zu bewahren, doch das hektische Spiel ihrer Finger und ihre unsichere Mimik lassen tief blicken. Der Glaube, der in der Wohnung in Form von Kruzifixen überall präsent ist, soll ihr ein Stück Sicherheit geben, kann aber die unter der Oberfläche brodelnden Verwirrungen nicht wirklich lindern. Dass die Religion auch als Bedrohung wahrzunehmen ist, unterstreicht die jüngere Schwester schon zu Beginn, wenn sie aus dem Off berichtet, wie Montse ihr früher unheimliche Geschichten vorgelesen hat, bevor ein Kamerkaschwenk die Bibel als Quelle der Erzählungen enthüllt. Bezeichnend ist zudem, dass die gläubige Frau dem verletzten Carlos zunächst nicht helfen will, nach einem Blick auf ein religiöses Gemälde jedoch an das Gebot der Nächstenliebe erinnert wird und ihre Meinung ändert. Aus Fürsorge erwächst schließlich eine Obsession, die christlichen Werten spottet.

Da sich der Film enorm viel Zeit für das Eintauchen in den Alltag der beiden Schwestern lässt, kommen die Konflikte erst zur Mitte hin ins Rollen. Gewalt bricht schon in einer früheren Szene hervor, äußert sich dann allerdings in einigen blutigen Exzessen, die an die wenig zurückhaltenden Filme von Produzent Álex de la Iglesia erinnern. Gleichwohl steht weiterhin Montses psychische Verfassung im Mittelpunkt. Zudem ist das Regiegespann fortlaufend bemüht, die klaustrophobische Atmosphäre in der beengten Wohnung zu erhalten. Eine nicht unwesentliche Rolle spielen dabei die manchmal schiefen Klänge auf der Tonspur (Musik: Joan Valent), die das Grauen wirksam unterfüttern. [Christopher Diekhaus]

P.S.: Es empfiehlt sich ein Blick auf das im Bonusmaterial von DVD und Blu-ray enthaltene alternative Ende, das zwar inhaltlich keine Änderungen bietet, wohl aber eine entscheidende Akzentverschiebung vornimmt – ja nach Geschmack kann man hier gar die bessere Variante erkennen.

OT: Musarañas (ES 2014). REGIE: Juanfer Andrés, Esteban Roel. BUCH: Juanfer Andrés, Esteban Roel. MUSIK: Joan Valent. KAMERA: Ángel Amorós. DARSTELLER: Macarena Gómez, Nadia de Santiago, Hugo Silva, Luis Tosar, Carolina Bang, Lucía de la Fuente. LAUFZEIT: 88 Min (DVD), 91 Min (Blu-ray). VÖ: 08.01.2016

Musarañas

[Abbildungen: OFDb Filmworks]

follow screenread on twitter | like screenread on facebook

Kommentare sind geschlossen.