Shakespeare für Anfänger [The Carer] | Filmkritik: 2B or not 2B

05. Juli 2017

Shakespeare für Anfänger | Filmkritik

[Lesedauer: ca. 1:40 Minuten]

Wer immer noch nicht genug hat von der Paarung knurriger Patienten im Rollstuhl und durchsetzungsfähiger Pflegekräfte, die nach der einen oder anderen Auseinandersetzung begreifen, dass sie eigentlich Seelenverwandte sind, bekommt hier Nachschub. Keine lustige Männerfreundschaft diesmal („Ziemlich beste Freunde“), keine tragische Romanze („Ein ganzes halbes Jahr“), sondern so etwas wie das Surrogat einer Vater-Tochter-Beziehung, auch wenn der Altersunterschied dafür viel zu groß ist. Ästhetisch bewegt sich „The Carer“ auf dem Niveau sonntäglicher Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen im ZDF, aber weil Brian Cox die Hauptrolle spielt (und Roger Moore hier einen seiner letzten Auftritte hat), lässt sich diese britisch-ungarische Co-Produktion nicht einfach so ignorieren.

Machen wir es kurz: Sir Michael Gifford, einst gefeierter Shakespeare-Darsteller (daher der bemüht leichtfüßige deutsche Titel), hadert mit dem Verlust seiner Kräfte und den zunehmenden Symptomen seiner Parkinson-Erkrankung. Eine Pflegekraft nach der anderen hat er bereits vergrault, doch die junge Schauspielschülerin Dorottya scheint resistent gegen seine Launen und Gemeinheiten. Unerhört! Doch was will man da machen, zumal sie ihn ein Stück weit an sich selbst zu besseren Zeiten erinnert? Und dann wäre da noch die Preisverleihung des Britischen Kritikerverbandes, zu dessen Teilnahme sie ihn ermutigt – niemand scheint ihn besser zu verstehen als dieses junge Ding. Als das Eis endgültig gebrochen ist, sorgt ein Zwischenfall dafür, dass Sir Michaels protektive Tochter dem Mädchen kündigt und ein harsches Kontaktverbot ausspricht. Klar, dass der alte Griesgram das nicht hinnehmen kann und dafür beinahe mit dem Leben bezahlt.

Shakespeare für Anfänger | Coco König, Brian Cox

Das ist alles ganz schön seicht erzählt. Frei von echten Höhen und Tiefen plätschert die Geschichte so dahin, stolpert über ein bis zwei ungewollte Geschmacklosigkeiten aus dem Rektalbereich, gibt sich aber insgesamt alle Mühe, nirgendwo anzuecken. Ganz selten einmal wird die Tragik hinter Sir Michaels Erkrankung spürbar (etwa wenn ihm die Nassrasur und das Schreiben einer SMS einfach nicht gelingen will), doch was Parkinson für die Betroffenen tatsächlich bedeutet, wird man hier nicht lernen (wer da einen Vergleich braucht, dem sei Eddie Marsans Darstellung in „Ray Donovan“ empfohlen). Stattdessen ein bisschen Zittern, leichte Vergesslichkeit, gelegentliche Inkontinenz – ob allerdings die x-fache Erwähnung von Windeln in allen erdenklichen Zusammenhängen wirklich als würdevoller Umgang mit dem Thema durchgehen kann, mag man gerne bezweifeln. Hier ist es wohl vor allem ein Zeichen von Unbeholfenheit.

Die Figuren sind nicht frei von Klischees, in vielerleich Hinsicht vorhersehbar und insbesondere in den Nebenrollen wenig zuende gedacht. Überraschenderweise hält einen das nicht wirklich davon ab, sie dann doch irgenwie zu mögen, selbst wenn sie einem gehörig auf den Draht gehen können (und etwa im Fall von Sir Michael permanent Shakespeare zitieren). Das allerdings ist in erster Linie ihren durchweg guten Darstellern zu verdanken, die ihren Rollen mehr Leben abgewinnen können als es die Dialoge zulassen, die sie aufsagen müssen. [LZ]

OT: Pet (UK/HU 2016). REGIE: János Edelényi. BUCH: Gilbert Adair, János Edelényi. MUSIK: Atti Pacsay. KAMERA: Tibor Máthé. DARSTELLER: Brian Cox, Coco König, Anna Chancellor, Emilia Fox, Karl Johnson, Andrew Havill, Selina Cadell, Roger Moore. LAUFZEIT: 85 Min (DVD), 89 Min (Blu-ray). VÖ: 08.06.2017.

Shakespeare für Anfänger

[Abbildungen: ODFb Filmworks]

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