SALT | Filmkritik

20. August 2010

Salt | Filmkritik

Weil Angelina Jolie nicht nur zu den meistfotografierten Menschen auf diesem Planeten gehört, sondern mit ihrer sehr speziellen Familienstruktur auch die Boulevard-Gazetten am Arbeiten hält, ist es mehr als erstaunlich, dass eine derartige öffentliche Präsenz ihren Filmfiguren praktisch überhaupt nicht im Weg steht. Und auch wenn „Salt“ mehr oder weniger cineastisches Fastfood ist, funktioniert die Geschichte vor allem durch Jolies ungemeinen Star-Appeal. Ähnliches können derzeit nur wenige gut bezahlte Hollywood-Größen von sich behaupten.

Filmkritik: SALT
Alte Feindbilder.

So weit ist es also mittlerweile schon gekommen. Die Folterpornografie hält Einzug im Mainstream. Das jedenfalls implizieren die ersten Minuten dieses nicht gerade von großer Subtilität geprägten Spionage-Thrillers, der selbst die absurdesten Stunts aus Roger Moores Bond-Jahren noch realistisch aussehen lässt. Doch bevor es ausgiebig zu derartigen akrobatischen Meisterleistungen kommt, muss Titelfigur Evelyn Salt zunächst einmal eine Spezialbehandlung von grimmigen Nordkoreanern in Uniform über sich ergehen lassen, die es in sich hat.

Bereits mit der ersten Einstellung bedient sich dieser Film der inzwischen kanonisierten Ästhetik des Torture Porn am Rande von Sexismus und Frauenverachtung. Die weibliche Hauptfigur (im attraktiven Körper von Angelina Jolie), am Boden liegend, blut- und dreckverschmiert, nur mit knapper weißer Unterwäsche bekleidet, am Ende ihrer Kräfte und um Gnade bettelnd, bekommt von zwei gnadenlosen Militärs einen Benzinschlauch in den Mund geschoben. Ein erläuternder Kommentar erübrigt sich da, denn die Bilder sind überdeutlich genug. Und auch wenn der Rest des Films eine andere Richtung einschlägt: „Salt“ markiert sichtbar den Beginn einer Entwicklung im Blockbuster-Kino, die Tendenzen assimiliert, von denen das zugehörige Subgenre bereits seit Jahren zehrt.

Doch noch etwas anderes ist an diesem Auftakt bemerkenswert: Ein Spion mit falscher Identität und geheimer Mission auf nordkoreanischem Boden landet nach seiner Enttarnung in einem Foltergefängnis, wird nach Monaten schließlich ausgetauscht und stark angeschlagen in die Freiheit entlassen – so beginnt auch Pierce Brosnans Schwanengesang als britischer Geheimagent 2002 in „Die Another Day“. Kann das wirklich Zufall sein? Wie auch immer da die Verhältnisse aussehen, „Salt“ verschafft der Konstellation ein zeitgemäßes Update, und das ist für ein Mainstream-Publikum nicht gerade zurückhaltend.

Was der Zuschauer vom besten Geheimagenten seiner Majestät allerdings bereits im Vorhinein weiß, das muss ihm über Evelyn Salt erst aufs Auge gedrückt werden – ihre prinzipielle Unverwundbarkeit nämlich. Und was wäre da zum Beweis besser geeignet als ein Auftakt im Foltercamp, das sie mit sichtbaren Blessuren übersteht (von denen es schon kurz darauf selbstredend nichts mehr zu sehen gibt)? Ach ja, und was ihre Peiniger von ihr hören wollten, hat sie trotz allem nicht preisgegeben. Auch das soll man frühzeitig über sie wissen.

Salt | Angelina Jolie

Die Voraussetzungen in den Köpfen des Publikums sind also ideal, wenn ein russischer Überläufer (Daniel Olbrychski, ein gebürtiger Pole, kein Russe) mit einer absurden Räuberpistole aufwartet, deren Pointe ausgerechnet Evelyn Salt als Sleeper enttarnen will. Und weil die Kollegen beim CIA derartigen Humbug trotz ihres Status als Nationalheldin nicht für ausgeschlossen halten, flüchtet sie Hals über Kopf und erweist sich bei ihren Versuchen, den Verfolgern zu entkommen, als bestens ausgebildete Action-Heroine zwischen Bourne, Bond (diesmal in der Craig-Variante), Ethan Hunt, „Transporter“ und MacGyver (sic!). Wer Kim Jong-Ils Folterschergen unbeschadet überstanden hat, dem ist offenbar alles zuzutrauen.

Ethan Hunt fällt einem da übrigens nicht umsonst ein, denn vor der dramaturgischen Geschlechtsumwandlung hieß Evelyn noch Edwin und sollte im Körper von Tom Cruise auf die Leinwand kommen. Die allzu offensichtliche Nähe zur „Mission Impossible“-Reihe sorgte jedoch bald für eine klare Absage und führte nicht nur zu einem Film, den niemand sehen wollte („Knight and Day“), sondern brachte auch Angelina Jolie auf den Plan. Und während Cruise jenseits von Les Grossman mittlerweile mit dem Ruf zu kämpfen hat, echtes Kassengift zu sein, ist Jolie immer noch Franchise-tauglich. Nichts anderes hat „Salt“ dann auch im Sinn, und so endet der Film wie ein Teaser, der dringend nach einem Sequel verlangt.

Dagegen ist nichts einzuwenden. Darstellerisch gibt es für Jolie nach dem ersten Drittel wenig zu tun, und so kann sie sich weitestgehend darauf konzentrieren, die bereits erprobten Ablaufmuster aus den „Tomb Raider“-Filmen und ihrer Rolle als Fox in Timur Bekmambetovs  „Wanted“-Verfilmung mehr oder weniger variiert zu wiederholen. Viel mehr ist es nicht, aber das reicht auch völlig aus. Für alle anderen Akteure gilt Ähnliches. Interessanter Weise hat August Diehl in einer nicht allzu großen, wohl aber entscheidenden Nebenrolle noch die größten Nuancen anzubieten. Für Liev Schreiber jedenfalls bleibt nicht mehr als ein weiterer Eintrag in seiner Filmographie, bei dem er schauspielerisch schlichtweg rein gar nichts leisten musste.

Phillip Noyce, der nach „The Bone Collector“ zum zweiten Mal mit Jolie arbeitet, hat das Spektakel erstaunlich gut im Griff und sorgt für Übersichtlichkeit bei den Action-Sequenzen, vermeidet das Schnittchaos eines Michael Bay und die ultranervöse Handkamera der Bourne-Filme. Das ist ihm hoch anzurechnen und sorgt für ein wesentlich stressfreieres Zuschauen als man es mittlerweile aus vergleichbaren Produktionen gewohnt ist.

Noyce hatte in den 90ern zwei ansehnliche Tom-Clancy-Verfilmungen hingelegt, und vor allem an „Patriot Games“ kann man sich hier erinnert fühlen. Ziemlichen Eindruck hinterliess damals eine der ersten „Clean War“-Darstellungen in einem fiktionalen Umfeld. Die gnadenlose Ermordung aller Bewohner eines lybischen Trainingscamps geriet via Satellitenübertragung zum zynischen Videospiel mit einem elektronischen Schlachtfeld, das weder Gesichter noch Todesschreie kannte. In „Salt“ hingegen dienen Monitore demjenigen, mit dem sie heute am meisten identifiziert werden: der Überwachung. Die Dramaturgie des Films jedoch macht sie in technischer Hinsicht erneut zu Mitteln der Kriegsführung – nur dass hier ein Katz-und-Maus-Spiel draus wird.

Salt | Angelina Jolie

Über weite Strecken bieten Buch und Regie ein atemloses Action-Gewitter, das so schnell vorangetrieben wird, dass man gar keine Zeit hat, angesichts einer Reihe von Stunts, die jenseits aller Realität stattfinden, verständnislos den Kopf zu schütteln. Das Drehbuch schlägt dabei einige Haken, die sich zwar größtenteils bereits frühzeitig vermuten lassen, aber auch nicht selbstgefällig vorgeben, den Zuschauer allzu sehr aufs Eis zu führen. „Salt“ ist in dieser Hinsicht ein echtes Guess-What?-Movie, und das hält die Geschichte am Laufen.

Irgendwo zwischen Comic-Verfilmung ohne Comic-Vorlage und traditionellem Spionagethriller angelegt (inklusive einer Handvoll Russen, für die der kalte Krieg erst mit dem Untergang des amerikanischen Imperiums beendet ist), fügt „Salt“ dem Genre zwar nichts wirklich Neues hinzu, bedient die Regeln aber gekonnt und sogar einigermaßen originell. Mehr zu erwarten hieße, einen anderen Film sehen zu wollen. [LZ]

OT: Salt (USA 2010). REGIE: Phillip Noyce. BUCH: Kurt Wimmer. MUSIK: James Newton Howard. KAMERA: Robert Elswit. DARSTELLER: Angelina Jolie, Liev Schreiber, Chiwetel Ejiofor, Daniel Olbrychski, August Diehl. LAUFZEIT: 100 Minuten.

Salt

Salt | Angelina Jolie | Poster

[Abbildungen © 2010 Sony Pictures]

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