Saint (Sint) | Filmkritik

01. Dezember 2011

Saint | Filmkritik

In Holland und Belgien braucht der Weihnachtsmann weder Schlitten noch Rentiere. Ein Schimmel reicht ihm völlig aus und statt magisch durch den Sternenhimmel zu fliegen, reitet er ganz bodenständig über die Dächer der Stadt. In dieser Hinsicht offenbart er sich als echter Heide, denn hier stand wohl Germanengott Odin Pate. Überhaupt ist es mit christlichen Werten nicht sonderlich gut bestellt bei der Benelux-Variante des Bischofs von Myra, denn Sinterklaas, so sein holländischer Name, ist ein echter Kinderschreck. Wer unartig war, muss nicht nur auf Geschenke verzichten, sondern wird von dem Mann im roten Talar auch gleich in einen Sack gesteckt und schnurstracks nach Spanien verschleppt. Keine angenehme Vorstellung, aber aus der Sicht überforderter Eltern ein willkommenes Angstszenario, um den eigenen Nachwuchs gefügig zu halten. Für Dick Maas Grund genug, aus dem Nikolaus einen waschechten Slasher-Heroen zu machen.

Saint

In „Saint“ ist von dem Heiligen aus dem dritten nachchristlichen Jahrhundert nicht viel mehr übrig geblieben als Name, Mitra und Bischofsstab. Ansonsten zieht er (ausgerechnet) 1492 mit seinen Schergen plündernd und mordend durchs Land, bis den Bewohnern eines spanischen Dorfes der Kragen platzt und sie ihn und sein Schiff am Abend des 5. Dezember in Brand setzen. Doch offenbar macht der Flammentod besonders üble Zeitgenossen zu untoten Wiedergängern, denn genau wie Kindermörder Freddy Krueger kehrt fortan auch Bischof Niklas mit halbzerschmolzenem Gesicht in regelmäßigen Abständen zurück und hinterlässt eine ansehnliche Blutspur.

Was das im Einzelnen heißt, zeigt der Film am Nikolausabend 1968, als eine ganze Familie den Gräueltaten des rachsüchtigen Spaniers zum Opfer fällt. Einzig Sohn Goert überlebt das Weihnachtsmassaker und wird in Zukunft von der Idee besessen sein, Santa den Garaus zu machen. Als dieser nach über zwei Jahrzehnten des Wartens erstmals wieder auf Kreuzzug geht (dazu muss nämlich in der Nacht vom 5. auf den 6. Dezember der Vollmond am Himmel stehen), hat Goert, mittlerweile Polizeiermittler, bereits einen wasserdichten Plan. Doch der untote Bischof und seine schwarzen Peter (hierzulande Knecht Ruprecht) lassen keine Minute ungenutzt verstreichen. Schon bald rollen die ersten Köpfe, und die gehören (wie könnte es anders sein?) vornehmlich hormongesteuerten Teenagern.

Saint

Das Konzept klingt weniger originell als es tatsächlich ist. „Saint“ befolgt zwar bewusst die bekannten Regeln des Genres, macht sich aber einen Heidenspaß daraus, eine Figur ins Zentrum des vorhersehbaren Geschehens zu stellen, deren gängiges Image kaum weiter vom gemeinen Schlächter entfernt sein könnte. Dass der Film mit diesem Grundgedanken in seinem Herkunftsland einen mittlere Skandal auslöste, lässt sich nur nachvollziehen, wenn man weiß, wie populär das Nikolausfest dort ist.

Religiöse Gruppierungen zogen auf die Straße und vor Gericht, um ein Verbot zu erwirken. Nicht einmal das offizielle Filmposter wollte man zulassen, doch die verantwortlichen Richter konnten dankenswerter Weise keinen Rechtsverstoß feststellen. Für Dick Maas, der im Gegensatz zu seinem Landsmann Tom Six eher moderat provoziert, mag der Aufstand zwar überraschend gekommen sein, werbewirksam war er jedoch allemal. „Saint“ entwickelte sich in Holland zum ansehnlichen Kassenschlager mit Franchise-Potential.

Dass der Film dabei mit seiner cartoonartigen Gewalt und einigen absurden Action-Sequenzen mehr Parodie als alles andere ist, macht ihn nicht nur für erklärte Weihnachtshasser zum kurzweiligen Slasher-Vergnügen, über dessen logische Löcher man getrost hinwegsehen kann. Nach knapp 88 Minuten ist das Konzept allerdings auch wirklich bis zum Rand ausgereizt. Wer danach auf den Geschmack gekommen ist, findet in dem finnischen Beitrag „Rare Exports“ ein etwas familienfreundlicheres Pendant. [LZ]

OT: Sint (NL 2010). REGIE: Dick Maas. BUCH: Dick Maas. KAMERA: Guido van Gennep. MUSIK: Dick Maas. DARSTELLER: Huub Stapel, Egbert Jan Weeber, Bert Luppes, Caro Lenssen, Escha Tanihatu, Madelief Blanken. LAUFZEIT: 88 Minuten.

Saint

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[Abbildungen: WVG Medien | IFC Films]

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