Ruhet in Frieden – A Walk among the Tombstones | Filmkritik

26. März 2015

Ruhet in Frieden – A Walk among the Tombstones

Kürzlich hat Liam Neeson zu Protokoll gegeben, sein Status als einziger noch verbliebener und zudem verlässlich kassenträchtiger Actionheld der Gegenwart werde wohl in etwa zwei Jahren dem Ende zugehen. Dass sich Luc Besson im Anschluss unmittelbar voller Panik an die Drehbücher für „Taken“ 4 und 5 gesetzt habe, ist zwar vermutlich nur ein Gerücht, doch ein angemessener Nachfolger (Nicolas Cage? Keanu Reeves?) für den hochgewachsenen Iren mit dem späten Karrierewandel ist derzeit nicht wirklich in Sicht. Wie er selber seine Paraderolle als einsamer Wolf mit eigenen Moralvorstellungen in Zukunft weiterführen könnte, davon vermittelt diese möglicherweise als Franchise angedachte Bestselleradaption eine ganz gute Idee.

Matthew Scudder ist eine Figur aus der Feder des amerikanischen Krimiautors Lawrence Block. In bislang 17 Romanen verdingt sich der New Yorker Ex-Cop seinen Lebensunterhalt als privater Ermittler ohne offizielle Lizenz, dafür aber mit einer ehemaligen Prostituierten als Freundin (später Ehefrau) und dem eigenen (später überwundenen) Alkoholismus als beständigem Begleitet. In „8 Milion Ways to Die“ hatte Jeff Bridges den desillusionierten Antihelden 1986 bereits einmal porträtiert, doch Film und Drehbuch (u.a. von Oliver Stone, der sich mit dem Ergebnis mehr als unzufrieden sah) waren in vielfacher Hinsicht zu weit von der Vorlage und ihrem Setting abgewichen, um der bestehenden Fangemeinde gefallen zu können.

Danach hatte sich die Figur für die Leinwand erledigt. Erst Anfang der 2000er Jahre war der unkonventionelle Privatdetektiv wieder im Gespräch, doch die angekündigte Wiederbelebung durch Harrison Ford und Joe Carnahan („The Grey“, interessanterweise ein Neeson-Film) kam nie zustande. Jetzt, ein ganzes Jahrzehnt nach dem letzten Scudder-Roman, ist er tatsächlich doch wieder von den fiktiven Toten auferstanden und hinterlässt dabei einen ziemlich guten Eindruck. Das verdankt er seinem Darsteller, aber auch der exzellenten, ebenso angenehm altmodischen wie kompromisslosen Herangehensweise von Scott Frank („Out of Sight“, „Minority Report“).

Ruhet in Frieden – A Walk among the Tombstones

Zwar beruht „A Walk among the Tombstones“ auf dem gleichnamigen Roman, fügt aber auch Elemente aus anderen Titeln hinzu, um die Figur schärfer zeichnen zu können (seine Vorgeschichte aus „The Sins of our Fathers“) und seinen jugendlichen Sidekick TJ (aus „A Dance at the Slaughterhouse“) unvoreingenommen einführen zu können. Alles in allem sind das kluge Entscheidungen, die den Film abrunden und ein schlüssigeres Bild vermitteln, als es ein sklavisches Nachzeichnen der Vorlage hätte leisten können.

Zu Beginn sehen wir einen ziemlich heruntergekommenen Scudder, dem der Kaffee nur mit hochprozentigem Beiwerk schmeckt. Ein Überfall, in den er zufällig gerät, endet fatal und fortan ist nichts mehr, wie es einmal war (was genau passiert ist, behält der Film allerdings eine Weile für sich und – ein interessanter dramaturgischer Griff – stellt erst einmal eine Beziehung zwischen Figur und Zuschauer her). Acht Jahre später hat er das NYPD, den Alkohol und eine arg gruselige Fokuhila hinter sich gelassen.

Doch bevor es dazu kommt, macht eine unangenehm wirkungsvolle, mit falschen Fährten gebaute Titelsequenz auf sich aufmerksam, die direkt einem Giallo entstammen könnte. Schon nach wenigen Minuten ist unzweifelhaft: Die Welt, in der sich Scudder bewegt, balanciert beständig am Rand der Vorhölle entlang. Ein Drogendealer beauftragt ihn, die Mörder seiner Frau aufzuspüren. Zunächst lehnt er ab, doch die grausamen Hintergründe des Falls überzeugen ihn schließlich doch.

Das hat einen einfachen Grund, und der entstammt dem klassischen Detektivroman und seinem Leinwandpendant, dem Film Noir: Scudder gehört dort zu den Aufrechten, wo es keine Aufrechten gibt. Es ist nicht das Geld, das ihn lockt, denn das lehnt er ab oder bringt es sogar zurück (und wir reden immerhin von 20.000 Dollar). Rasch stellt sich heraus, dass die Täter dem Polizeiapparat entstammen und ihr perverses Spiel nach einem gut strukturierten Muster wieder und wieder von Neuem beginnen. Ein junges Mädchen im unschuldigen Rotkäppchenlook, das seinen potentiellen Mördern freundlich zuwinkt, ist ihr nächstes Opfer und Scudder bleibt nur wenig Zeit.

Ruhet in Frieden – A Walk among the Tombstones

Wer auf die hinlänglich bekannten Nahkampfeinsätze wartet, für die Neeson bekannt ist, wird sich enttäuscht finden. „A Walk among the Tombstones“ ist ein klassischer Ermittlerfilm, in dem viel beobachtet, befragt und durchsucht wird. Entsprechend gemäßigt ist das Tempo – eine Rarität im ansonsten überlauten Betrieb, der auch und gerade die Karriere des Hauptdarstellers in den letzten Jahren bestimmt hat.

Irgendwo zwischen „Seven“ und „The Big Sleep“ siedelt Scott Frank seine Scudder-Version an, in der die Täter sich als moderne John Does mit Hang zum Torture Porn erweisen, die Jagd auf sie aber ganz und gar der schwarzen Serie verpflichtet ist. Dass Frauen hier außerhalb ihrer Dienst- und Opferfunktion (Leichen, Kellnerinnen, Komapatientin) keinerlei Rolle spielen, verleiht der ganzen Angelegenheit zudem einen seltsam archaischen Überbau.

Am Ende mögen ein paar Monster weniger ihr Unwesen treiben, doch die Welt per se ist keinen Funken besser geworden. Im Gegenteil. Am Horizont ragen die Twin Tower ins Bild (wir schreiben das Jahr 1999) und künden stumm von einem kommenden Grauen, dem auch Scudder nichts entgegensetzen kann. [LZ]

OT: A Walk among the Tombstones (US 2014) REGIE: Scott Frank. BUCH: Scott Frank. MUSIK: Carlos Rafael Rivera. KAMERA: Mihai Malaimare Jr. DARSTELLER: Liam Neeson, Astro, Ólafur Darri Ólafsson, David Harbour, Boyd Holbrook, Dan Stevens, Maurice Compte, Adam David Thompson, Marielle Heller, Sebastian Roché. LAUFZEIT: 111 Min (DVD), 114 Min (Blu-ray). VÖ: 27.03.2015.

Ruhet in Frieden – A Walk among the Tombstones

[Abbildungen: Universum Film]

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