ROSEWOOD LANE | Filmkritik

19. August 2012

Rosewood Lane

Man kann es Victor Salva durchaus hoch anrechnen, dass er in Zeiten, wo nur die wenigsten Horrorfilme ohne die Dauerpräsenz exzessiver Gewalt auskommen, ganz auf altmodischen, atmosphärischen und (nahezu) unblutigen Schrecken setzt. Das Problem dabei: „Rosewood Lane“ ist in etwa so unheimlich wie ein nachmittäglicher Spaziergang über den Friedhof und auch genauso spannend. Bestenfalls eine „Twilight Zone“-Episode in Spielfilmlänge, hadert der Film mit Figuren, die einem völlig gleichgültig bleiben, und einer Bedrohung, der es partout nicht gelingt, ernsthaft bedrohlich zu wirken. Erst mit gänzlich heruntergefahrener Erwartungshaltung lassen sich Stärken erkennen, die beim normalen Zuschauen zwangsweise untergehen.

Dr. Sonny Blake ist eine erfolgreiche Radio-Psychologin mit eigener Show und einer belastenden Kindheit im Nacken. Als ihr Vater den Folgen eines tödlichen Treppensturzes erliegt, bezieht sie – offenbar in der Hoffnung, die Schatten der Vergangenheit auf diese Weise endlich abzulegen zu können – ihr altes Elternhaus in der Vorstadt. Als ein Nachbar sie auf nebulöse Weise vor dem lokalen Zeitungsjungen warnt, nimmt sie das zunächst nicht sonderlich ernst. Ein Fehler, wie sich schon kurz darauf herausstellt, denn der harmlos erscheinende Fahrradkurier entwickelt sich rasch zum unheimlichen Stalker mit geisterhaften Zügen. Oder spielt sich das alles doch nur in Sonnys Fantasie ab?

Rosewood Lane

Was an diesem unausgegorenem Schauerstück am meisten frustriert, ist das breite Spektrum verpasster Chancen. Salva, der unter Genre-Fans vor allem für seine beiden recht originellen „Jeepers Creepers“-Filme bekannt ist, hatte das Skript angeblich über zwei Jahrzehnten hinweg in der Schublade, und es sieht so aus, als habe ihm diese Tatsache bei der Umsetzung echten Druck bereitet. Manche Szenenarrangements sind so genau durchdacht, dass ihnen jegliche Spontaneität abhanden kommt. Wenn Sonny etwa im dunklen Keller plötzlich von den Scheinwerfern eines vorbeifahrenden Autos erhellt wird und der Zuschauer gleichzeitig die Bedrohung hinter ihr wahrnehmen kann, ist das durchaus klug eingefädelt. Zugleich wirkt es aber auch so berechnend, dass sich der gewünschte Effekt schlicht nicht einstellt – zumal im Anschluss nichts folgt, was auch nur im Ansatz zum Spannungsbogen taugt.

Überhaupt gerät die Auflösung vieler Szenen merklich ungelenk. Wenn gar nichts anderes mehr geht, muss gänzlich Unmotiviertes herhalten. So geschieht es etwa, dass Sonny ihrem Stalker bei zwei Gelegenheiten ohne erkennbaren Anlass hinterherlaufen muss, und kein einziges Mal macht es Sinn. Zudem ist der Zuschauer den Figuren oft meilenweit voraus und kann nicht anders, als sich über deren Begriffsstutzigkeit zu wundern (oder zu ärgern, wenn einem ernsthaft etwas an der Geschichte liegt). Dass der Zeitungsjunge selber aber schon keinerlei Unbehagen auslöst, ist möglicherweise vor allem der fragwürdigen Besetzung mit Daniel Ross Owens zu verdanken, der nicht in der Lage ist, seine Rolle mit der notwendigen Mischung aus Bedrohung und Irrsinn zu füllen.

Zu den wenigen Lichtblicken des Films gehört Hauptdarstellerin Rose McGowan, die ihrer eher unfertig skizzierten Rolle eine gewisse emotionale Glaubwürdigkeit verleiht. Doch leider genügt auch das nicht, um die Schwächen einer Figur zu überspielen, deren inneren Konflikte nur am Rande angedeutet werden und wie schmückendes Beiwerk wirken: Eine problematische Kindheit mit einem gewalttätigen Vater, ein gestörtes Verhältnis zu untreuen Männern, ein akademisch gefestigtes Helfersyndrom und eine leichte Zwangsneurose (mit pedantisch geordneten Porzellanfiguren) – das ist Charakterzeichnung vom Reißbrett und echte Küchenpsychologie.

Rosewood Lane

Ein gewisser Unterhaltungswert lässt sich „Rosewood Lane“ trotz allem nicht absprechen, und den hält der Film über die Strecke von rund 90 Minuten auch ohne erkennbare Längen gut durch. Dass Salva allerdings ausgerechnet einen Heranwachsenden zum Monster macht und wiederholt dessen Minderjährigkeit und die damit verbundene Schwierigkeit rechtlicher Ahndung betonen lässt, öffnet angesichts seiner eigenen Vergangenheit eine Menge Raum für Psychologisierung. Und was einem da durch den Kopf gehen mag, ist in jedem Fall unbehaglicher als der Film selber. [LZ]

P.S.: Dass hemmungslose Übertreibung aus Werbezwecken zum Tagesgeschäft gehört („der wirkungsvollste und packendste Home-Invasion-Schocker der letzten Jahre“), ist nichts Neues. Jedoch: „Schliess Deine Augen und sag niemals die Wahrheit“ – auf welchem Film genau bezieht sich dieser wichtige Hinweis? Auf diesen hier jedenfalls nicht.

OT: Rosewood Lane (USA 2011). REGIE/BUCH: Victor Salva. KAMERA: Don E. FauntLeRoy. MUSIK: Bennett Salvay. DARSTELLER: Rose McGowan, Sonny Marinelli, Daniel Ross Owens, Lauren Vélez, Ray Wise, Rance Howard, Lesley-Anne Down, Steve Tom. LAUFZEIT: 92 Minuten. Auf DVD und Blu-ray ab 18. Oktober 2012

Rosewood Lane

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[Abbildungen: Studiocanal]

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