ROSE WHITE | Kurzfilmkritik

29. Juni 2012

Rose White

Dass man in Hollywood seit einer Weile eine Menge davon hält, europäische Volksmärchen auszuschlachten, dürfte vor allem zwei entscheidende Gründe haben: Zum einen hat sich in der gegenwärtigen Fantasy-Literatur bislang kein Beispiel finden lassen, dessen Verfilmung an den Kassenerfolg von Peter Jacksons Ring-Trilogie anschließen konnte (exemplarischer Fehlgriff: „Der Goldene Kompass“), und zum anderen sind die Filmrechte einfach unschlagbar günstig zu bekommen, wenn die Autoren schon über ein Jahrhundert lang nicht mehr unter den Lebenden weilen.

Nichts desto trotz haben die Studios offenbar kein allzu großes Vertrauen in die Marktfähigkeit der klassischen Vorlagen, solange diese in ihrem ursprünglichen Gewand daherkommen. Es muss also niemanden wundern, wenn die nicht selten verstörend düsteren Geschichten in aller Regel mit einem leichter konsumierbaren Genre-Mantel versehen und dabei gehörig glattpoliert werden. Wird aus Schneewittchen etwa eine mittelalterliche Jeanne D’Arc (so gerade geschehen in „Snow White and the Huntsman“), dann hat das mit dem zugrundeliegenden Material in etwa genauso viel zu tun wie die „Twilight“-Reihe mit „Dracula“. Den Geist der Vorlagen will man da jedenfalls eher nicht durchscheinen lassen.

Wie so oft muss es eine kleine Independent-Produktion sein, die sich dem Trend widersetzt. In diesem Fall heißt die Ausnahme von der Regel „Rose White“ und ist ein rund 30-minütiger Kurzfilm, der nicht nur eine überzeugende Adaption eines klassischen Volksmärchens bietet sondern zugleich auch mit einer interessanten Modernisierung aufwarten kann. Die Vorlage ist mit „Schneeweißchen und Rosenrot” eine vor allem in den USA weniger bekannte Erzählung aus dem zweiten Band der Grimmschen „Kinder- und Hausmärchen” von 1815, doch in dieser Interpretation spielt die Geschichte in der Gegenwart. Rosalyn, die ältere der beiden Schwestern, verdient ihren Lebensunterhalt auf dem Strich, während Lilly, die jüngere, in einer Fantasiewelt voller Elfen und Einhörnern lebt. Dass ihr geistiger Zustand auf den Spätfolgen eines tiefgreifenden Traumas beruht, liegt auf der Hand, doch der Film schweigt sich hierzu eine ganze Weile lang erst einmal aus – wenn auch nur, um die Dinge später umso fataler zum Ausbruch kommen zu lassen.

Rose White

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In Form eines klugen erzählerischen Täuschungsmanövers nimmt der Film zu Beginn gänzlich Lillys Perspektive ein und umschmeichelt den Zuschauer wirkungsvoll mit ihrer farbenfrohen und mystischen Sicht der Dinge. Dann jedoch zieht sich die Kamera zurück und offenbart die ernüchternde Wirklichkeit, in der die beiden jungen Frauen ihr freudloses Dasein fristen. Der Fokus wird sich auch später immer wieder verschieben und die Welt durch die Augen des arg verstörten Mädchens zeigen, doch der Kontrast der unterschiedlichen Realitätsebenen könnte kaum stärker sein. Als Gegenpol werden die Ereignisse aus dem Off immer wieder mit originalen Textpassagen aus dem Märchen unterlegt, die das Gesehene auf eigene Weise deuten und dadurch beide Ebenen gegeneinander ausspielen. Es ist ein fast Brechtscher Verfremdungseffekt, denn der (simulierte) auktoriale Erzähler spricht zwar mit Lillys Stimme, kommt aber auch dann zum Einsatz, wenn die Figur selber überhaupt nicht beteiligt ist. Das hat Methode und verfehlt seine Wirkung nie.

Der Bär aus der Vorlage ist hier zwar ein verschlagener Junkie, doch in Lillys Wahrnehmung bleibt er ein Waldbewohner in Not, und so gewährt sie ihm Unterschlupf. Es ist ausgerechnet ein Motiv aus der Vampir-Mythologie, das hier anklingt, denn der Bär (so auch sein Name im Film), der Rosalyn schon eine Weile lang beobachtet hat, muss von einer der Schwestern freiwillig in das gemeinsame Zuhause hereingelassen werden, um die beiden für seine finsteren Pläne zu missbrauchen. Zugleich markiert er den entscheidenden Punkt, an dem der Film alle verbliebene Leichtigkeit der Vorlage hinter sich lässt und die Figuren unabwendbar auf ein düsteres Finale zulaufen lässt, das ebenso konsequent wie verstörend ausfällt.

Rose White

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Doch es ist nicht an erster Stelle der gut ausgearbeitete und mit gewissen Noir-Anklängen ausgestattete Plot, der „Rose White“ zu einem so einprägsamen Stück Film macht. Was auch bei wiederholtem Ansehen bleibend nachwirkt, ist eine alles überschattende Atmosphäre von Traurigkeit und emotionaler Dichte, mit der die Szenen zusammengehalten werden, und die jede einzelne von ihnen unverzichtbar macht. Ihr Herz ist Lilly, eine Figur, die von außen so schlicht wirkt, jedoch unterhalb der Oberfläche aus vielen Schichten besteht und auf diese Weise die Natur des Märchens an sich repräsentiert. Denn die Wunden und die Dunkelheit, die sie in sich trägt, sind nicht nur gut verborgen oder verdrängt, sondern sie finden ihren Widerschein zugleich auch in den Fantasiewelten, die das Mädchen sich selbst erschafft.

Deneen Melody spielt Lilly mit geradezu ergreifender Zerbrechlichkeit und einer kindlichen Unschuld, die sichtbar erschüttert ist. Es war eine gute Entscheidung, die jüngere Schwester stumm zu halten, denn so ließ sich die Darstellung ganz auf Blicke und Gesten reduzieren, die einen unmittelbaren emotionalen Zugang ermöglichen. Lilly dabei zuzusehen, wie sie darum kämpft, ihre Weltsicht gegen die Bedrohungen der Realität aufrecht zu erhalten, gerät ebenso berührend wie schmerzhaft, und es ist ganz das Verdienst der Schauspielerin, dass die Glaubwürdigkeit der Figur niemals ihre nötige Balance verliert.

Von Deneen Melody stammt auch das zugrundeliegende Konzept des Films, das Co-Regisseur Daniel Kuhlman in ein fertiges Drehbuch übertragen hat. Sein Umgang mit den Bildern ist von sichtbarer Sorgfalt bestimmt, bloße Schnellschüsse gibt es trotz des geringen Budgets (gerade einmal 60.000 USD) keine. Die träumerisch-dramatische Musik von Matt Novack („Wanderlust“) sorgt dafür, das der Zuschauer emotional eingebunden bleibt, und die durchgehend guten Schauspieler verleihen den Figuren Authentizität und Glaubwürdigkeit (darunter Erin Breen, die mit ihrer sehr disziplinierten Darstellung von Rosalyn einen interessanten Gegenpol zur ätherischen Natur Lillys bietet).

Alles in allem ist „Rose White“ eine zeitgemäße, dunkle und berührende Liebeserklärung an den Geist europäischer Volksmärchen, ohne dabei vor deren oftmals befremdlichem Verhältnis zu Gewalt, Tod und Sexualität zurückzuschrecken. [LZ]

Rose White

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[Abbildungen: Breakwall Pictures LLC | TinyCore Pictures]

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