Rose McGowan über Sexismus in Hollywood und wie er sich bekämpfen lässt

09. Mai 2015

Rose McGowan

Eine Zeitlang hat sich Rose McGowan gewundert, dass ihre Filmfiguren offenbar immer die Welt retten müssen. Ob es mit ihrer naturgemäß kämpferischen Art zu tun hat und ihren irisch-italienischen Wurzeln? In jedem Fall hat die Schauspielerin (und inzwischen auch Regisseurin) nie zu den Frauen in Hollywood gehört, die sich alles gefallen lassen, um einen Job zu bekommen. Rose McGowan hat zu den Dingen eine Meinung, und die äußert sie auch. Nicht zuletzt ist es die Rolle der Frau im Filmgeschäft, mit der sie sich zunehmend öffentlich auseinandersetzt.

Ein besonders mutmachendes Beispiel lieferte sie kürzlich im Rahmen eines Treffens der „Sisterhood of Traveling Producers“, einer geschlossenen Gruppe junger weiblicher Produzenten und Führungskräfte der Filmindustrie. In einer flammenden Rede über die unzeitgemäße Rolle der Frau in Hollywood zählte sie eine Reihe von Maßnahmen auf, mit denen dem Sexismus ihrer Branche die Stirn geboten werden könne. Der originale Wortlaut erschien zunächst bei den Kollegen von Indiewire, die deutsche Übersetzung findet sich bei uns:

An die wundervollen Frauen aus diesem Teil des Filmgeschäfts: Eure offenen Arme gestern Abend bedeuteten mir wahnsinnig viel. Als Schauspielerin habe ich erlebt, wie man mich wie Besitz behandelt oder als Mitbewerberin betrachtet. Kameradschaft gibt es in unserem Business selten. Eure Wärme war eine neue Erfahrung für mich. Wie wunderbar, dass Ihr Frauen einander habt, und wie wunderbar, dass wir uns getroffen haben. […]

In der Vergangenheit hatten Künstler Förderer, die ihre Arbeit finanzierten und umsorgen. Für mich ist jeder, der auf Eurer Seite des Business arbeitet, genau das: ein Förderer der Kunst. Wir Künstler brauchen Euch als unsere Beschützer und Krieger. Nicht, dass wir verhätschelt werden müssten – das Gegenteil ist der Fall – aber wir brauchen Kämpfer. Washington wirft uns vor, dass wir Ziele haben. Und die haben wir allerdings. Es liegt in unserer Verantwortung, für eine bessere Welt zu sorgen. Wir alle wissen um die Macht der Medien. Lasst sie uns zu unserem Besten nutzen. […] Auch wir zählen als Publikum. Wir sind die Öffentlichkeit.

Dies sind ein paar Maßnahmen, die sich ergreifen lassen, um die die Rolle der Frau im Film und die Rolle des Films in der Gesellschaft zu verbessern und zu verändern.

- Nur weil ein Autor oder Regisseur einmal mit einer bestimmten Sache „erfolgreich“ war, heißt das nicht zugleich auch, dass man sie ihm erneut machen lassen sollte.

- Wenn Ihr männliche Regisseure kennt, die sich tadelnswert verhalten, dann kämpft gegen ihr Engagement und führt Alternativen ins Feld. Seid mutig. Wenn jemand als Idiot bekannt ist, dann blockiert sein Engagement. Wenn jemand als Frauenfeind bekannt ist, dann blockiert sein Engagement. Dies sind nicht die Leute, die wir belohnen müssen. Erhebt Euch und stoppt den Kreislauf. Wir tragen Verantwortung. Hört auf, das Böse zu beschützen. Es ist nicht die Mafia, der wir in diesem Business beigetreten sind. Wir schulden niemandem ein Schweigegelübde.

- Schlagt vor, traditionelle Männerrollen für Frauen umzufunktionieren. Das wird Eurer Arbeit umgehend mehr Tiefe verleihen. Jede Rolle, vom Hauptcharakter über den Sidekick bis zur kleinsten Nebenfigur – gebt sie an Frauen. Es ist unerlässlich, dass wir im Film endlich Frauen in anderen Funktionen sehen als der Ehefrau oder der Sexbombe. Wie langweilig. Lasst uns im Film widerspiegeln, wie die Gesellschaft wirklich aussieht: nämlich zu 50% weiblich. Frauen üben jede Art von Beruf aus und haben vielschichtige Biografien, also lasst uns das auf die Leinwand bringen. Mich interessiert die Handwerkerin, die nur zwei Worte zu sagen bekommt. Was hat sie für eine Geschichte? Wie ist sie dorthin gekommen, wo sie jetzt steht? Der Zuschauer will sich mit den Menschen auf der Leinwand identifizieren. Wieso aber bekommen wir Frauen niemanden geboten, der einen Bezug zu unserem Leben hat? Wieso werden wir nicht vertreten? Lasst uns etwas tun, um die bestehenden Typologien zu verändern. Es ist an der Zeit.

- Setzt weibliche Autoren und Regisseure an die Spitze Eurer Listen. Jedesmal. Wenn man Euch nach dem Warum fragt, sagt, „warum nicht?“, lächelt, dreht Euch um und geht. Gebt ihnen etwas zum Nachdenken. Es ist an der Zeit, Frauen im Film als gleichwertig zu erachten. Das ist ein erster und einfacher Schritt. Erinnert Euch: Nur weil Dinge bisher auf eine bestimmte Weise getan wurden, heißt das nicht, dass dies auch in Zukunft so sein muss. Es ist eine traurige Tatsache, dass Hollywood sich nicht auf der Höhe der Zeit befindet. Bringen wir es in die Gegenwart. Sinkende Ticketverkäufe sind ein Zeichen dafür, wie gestrig Hollywoodfilme sind. Lasst uns besser sein. Lasst es uns besser machen.

- Hört damit auf, Männer zu belohnen, die halbherzige Arbeit abliefern. Engagiert Frauen anstelle von Männern. Seid mutig, wenn ihr jemanden engagiert. Verlasst Euch auf Euer Bauchgefühl. Entscheidet Euch für jemanden, der interessant ist, und nicht für jemanden, der „sicher“ ist.

- Wenn Euch jemand anschreit oder Euch niedermacht, verweist ihn in seine Schranken. Belehrt ihn eines Besseren. Wenn jemand Euren Namen falsch ausspricht, korrigiert ihr ihn, warum also nicht, wenn man Euch falsch behandelt? Korrigiert schlechtes Benehmen. Wenn Euch Scott Rudin ein Telefon an den Kopf wirft, werft eins zurück und werft es härter [Im Rahmen des Sony-Hacks waren Emails von Rudin aufgetaucht, in denen er sich herabwürdigend über Angeline Jolie geäußert hatte, Anm. d. Red.] Niemand soll Euch ausnutzen. Wenn jemand ein Frauenverächter ist, Schauspieler oder Crewmitglieder ausnutzt oder Schlimmeres tut, sorgt dafür, dass er nicht engagiert wird.

- Und schließlich: betrachtet Film und Fernsehen nicht als Produkte. Sie sind keine Procukte. Ihr und ich machen Geschichte. Wir erschaffen eine Zeitkapsel. Trefft weise Entscheidungen für das, was sie beinhalten soll.

Wir können der Wandel sein, den wir gerne sehen wollen. Lasst uns beginnen, lasst uns ein Ziel haben und lasst es uns verwirklichen.

[Originaltext (c) Rose McGowan | Deutsche Fassung: Alienus Media | Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung von Brigade Marketing]

Rose McGowan

[Abbildungen: courtesy of Rose McGowan | Brigade Marketing]

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